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Biologika als Hoffnungsträger

Schuppenflechte lässt sich heute dank neuer Medikamente viel besser behandeln

  • Von Angela Stoll
  • Lesedauer: 5 Min.

Als bei Inken Junge Schuppenflechte festgestellt wurde, war sie gerade mal drei Jahre alt. »Das ist schon sehr ungewöhnlich«, erzählt die 28-jährige Hamburgerin. »Man dachte damals zunächst an Schorf oder andere Dinge. Weil es in meiner Familie aber bereits Fälle von Schuppenflechte gab, war die Diagnose naheliegend.« Bei der Autoimmunkrankheit, an der in westlichen Indus-trienationen schätzungsweise zwei Prozent der Bevölkerung leiden, spielt die familiäre Veranlagung eine große Rolle.

Je nach Form der Krankheit gibt es unterschiedliche Symptome. Typisch sind die Hautschuppen: Vor allem an Ellbogen, Knien, Rücken und am Kopf bilden sich auf geröteter Haut silbrigglänzende Erhebungen, die stark schuppen. »Der Juckreiz ist ein Problem«, sagt Junge. »Und wenn man sich aufkratzt, fängt es schnell an zu bluten.« Daher heißt die Krankheit in der Fachsprache Psoriasis: Psora bedeutet auf Griechisch nämlich Krätze.

Belastend ist außerdem, dass die Hauterscheinungen für alle sichtbar sind. Im Mittelalter wurden die Betroffenen wie Aussätzige behandelt. Auch heute haftet Menschen, die sich oft kratzen, ein »Ekelimage« an. Dabei ist Schuppenflechte weder ansteckend, noch hat sie etwas mit mangelnder Hygiene zu tun. Problematisch ist für Patienten auch, dass Psoriasis oft mit weiteren Krankheiten einhergeht: Etwa 20 Prozent leiden an Gelenkentzündungen. Hinzu kommt, dass das Risiko für Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht ist.

Hintergrund der Krankheit ist eine fehlerhafte Abwehrreaktion des Körpers. »T-Zellen werden aktiviert und schütten Botenstoffe aus. Das führt unter anderem zu einer beschleunigten Zellteilung«, erklärt der Hautarzt Thomas Rosenbach aus Osnabrück, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Deutschen Psoriasis-Bundes. Auch die hornbildenden Hautzellen (Keratinozyten), die sich auf der obersten Hautschicht befinden, teilen sich zu schnell. »Normalerweise dauert es um die 28 Tage, bis sich diese Zellen erneuern. Bei Schuppenflechte sind es etwa vier Tage«, sagt der Experte. Die toten Zellen können nicht so schnell abgestoßen werden und bleiben als Schuppen auf der Haut. Zudem weiten sich Blutgefäße, um Energie und Nährstoffe für die beschleunigte Zellteilung bereitzustellen. Folge ist eine gerötete Haut.

Bei vielen Patienten reicht eine äußere Behandlung aus, um die Probleme in den Griff zu bekommen. Dazu werden meist Kortisonsalben und Präparate, die Vitamin-D-Abkömmlinge enthalten, eingesetzt.

Auch Inken Junge wurden zunächst Cremes verschrieben, später probierte sie viele weitere Behandlungsansätze aus, darunter Lichttherapien, Heilbäder und Tabletten, die die oft verordnete Fumarsäure enthalten. »Diese Tabletten habe ich schlecht vertragen«, sagt sie. »Auch die anderen Therapien waren nicht befriedigend.« Die entscheidende Wende brachte ein sogenanntes Biologikum, das sie sich seit sechs Jahren alle zwei Wochen spritzt. »Dadurch waren zunächst alle Symptome komplett verschwunden.« Inzwischen haben sich zwar wieder einige Plaques gebildet - doch damit kann sie gut leben.

Bei den neuen Medikamenten handelt es sich um biotechnologisch entwickelte Präparate, die in die Kommunikation des Immunsystems eingreifen. »Diese Medikamente haben eine Revolution in der Dermatologie ausgelöst«, sagt Rosenbach. »Inzwischen haben wir ein ganzes Reservoir an verschiedenen Präparaten und können eine maßgeschneiderte Therapie anbieten.«

Auch Matthias Hahn, Leiter der Psoriasis-Sprechstunde an der Uniklinik Tübingen, sagt: »Das Ansprechen auf Biologika ist sehr gut. Bei vielen Menschen heilen die Hauterscheinungen dadurch komplett ab.« Da Biologika aber teuer sind, sei die Behandlung in der Regel schweren Fällen vorbehalten: Die Kosten können über 20 000 Euro pro Jahr betragen. Nebenwirkungen haben die neuen Medikamente vergleichsweise wenige. Allerdings können sie anfälliger für Infekte machen, da sie gezielt in das Immunsystem eingreifen. »Es kann sein, dass Patienten im ersten Winter öfter mal eine Erkältung haben«, sagt Rosenbach. »Danach ist das aber vorbei.«

Was bedeutet das zu Corona-Zeiten? Belege dafür, dass so behandelte Patienten öfter an Covid-19 erkranken, gibt es nicht. Sind sie infiziert, könnten sie sogar von der Therapie profitieren: »Es zeichnet sich ab, dass diese Patienten vor schweren Verläufen tendenziell besser geschützt sind«, berichtet Rosenbach.

Auch mit konventionellen Medikamenten lässt sich einiges erreichen. Neben Fumarsäure wird häufig Methotrexat verschrieben, wie der Tübinger Hautarzt Matthias Hahn berichtet. Bei beiden seien die Nebenwirkungen insgesamt »überschaubar«, aber: »Man kann nie vorhersagen, wie der Patient reagiert.« Manche Betroffene profitieren auch von einer Bestrahlung mit UV-Licht. »An sich ist die Lichttherapie eine schöne Sache«, meint Hahn. »Die Schwierigkeit ist aber, dass die Patienten regelmäßig kommen müssen.« Der Zeitaufwand kann sich auf mehrere Stunden pro Woche summieren. »Für Schwangere und andere Patienten, die keine Medikamente nehmen dürfen, kann die Lichttherapie aber eine gute Lösung sein.«

Und was kann man selbst tun? Das Wichtigste sei, auf das Gewicht zu achten, möglichst nicht zu rauchen und überhaupt gesund zu leben, meint der Experte. Viele Betroffene neigen nämlich zu Übergewicht - die Gründe dafür sind unklar. Eine Gewichtsreduktion habe einen positiven Effekt auf die Krankheit, auch, weil Medikamente dann besser wirken. Ob sich Schuppenflechte aber durch eine spezielle Diät beeinflussen lässt, ist umstritten. »Es gibt allenfalls Anhaltspunkte dafür, dass die mediterrane Ernährung günstig sein könnte«, so Hahn.

Auch der Dermatologe Rosenbach ist bei diesem Punkt vorsichtig: »Jede Schuppenflechte ist anders. Wenn Sie zehn Patienten fragen, äußert jeder etwas anderes. Der eine verträgt keine Paprikachips, der nächste keine Weintrauben. Deshalb lautet der Tenor hier: Wach sein!« Es sei wichtig, dass die Patienten ein Gespür dafür entwickeln, was ihnen guttut und was nicht.

Patientin Junge rät Leidensgenossen, sich breit zu informieren und Erfahrungen mit anderen Betroffenen auszutauschen. Schon als Jugendliche hat sie von Kontakten zu Gleichaltrigen mit der gleichen Diagnose profitiert: »Wir erfahren viel Stigmatisierung, weil wir anders sind. Deshalb tut es gut, in einer Gruppe zu sein und ein Gemeinschaftsgefühl aufzubauen.«

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