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  • Angriff auf Erk Acarer

Mit Messern gegen die Wahrheit

Angriff auf türkischen Exiljournalisten und Erdoğan-Kritiker Erk Acarer in Rudow

  • Von Max Zirngast und Marie Frank
  • Lesedauer: 4 Min.

Am Mittwochabend wurde der türkische Journalist Erk Acarer in Berlin-Rudow im Hof des Mehrfamilienhauses, in dem er wohnt, von drei mit Messern bewaffneten Männern angegriffen, die auf ihn einschlugen und eintraten. Laut seiner eigenen Angaben über Twitter konnte er sich verteidigen und aufgrund zur Hilfe eilender Menschen hätten die Täter nicht von ihren Waffen gebrauch machen können, sie konnten jedoch unerkannt fliehen. Acarer erlitt mehrere Verletzungen im Gesicht und wurde noch in der Nacht im Krankenhaus behandelt. Aktuell stehen er und seine Familie unter Personenschutz.

Der Angriff reiht sich ein in eine lange Reihe von Attacken gegen oppositionelle Medien und Journalist*innen in und außerhalb der Türkei. Wie viele andere Journalist*innen musste auch Acarer wegen seiner kritischen Berichterstattung über das Regime in der Türkei und Machthaber Recep Tayyip Erdoğan, besonders über die Syrienpolitik und die Unterstützung von jihadistischen Gruppen, ins Exil gehen. Er schrieb zuletzt vor allem für die linke Tageszeitung BirGün.

Im Zuge der Enthüllungen des bekannten Mafiabosses Sedat Peker in Youtube-Videos, die millionenfach angesehen und in der Türkei breite gesellschaftliche Diskussionen und eine tiefe Krise in den Staatsapparaten auslösten, arbeitete Acarer zuletzt intensiv zu den Verstrickungen von Staat, Kapital und Mafia in der Türkei. Das dürfte auch der Hauptgrund dafür sein, dass er jetzt ein Opfer eines solchen Angriffes wurde.

In einem kurzen Video nach der Attacke teilte Acarer mit, der Angriff zeige, dass alles was er und andere über das faschistische AKP-MHP Regime schreiben wahr sei. Acarer sagt, er kenne die Täter, würde aber fürs Erste auf Bitten der deutschen Behörden davon absehen, Näheres dazu zu veröffentlichen. Die Polizei ermittelt laut eigenen Angaben in alle Richtungen, Verdächtige hätten jedoch noch nicht ermittelt werden können, so eine Sprecherin zu »nd«.

Acarer selbst verweist in seinem Video - ohne Namen zu nennen - auf den ehemaligen AKP-Abgeordneten Metin Külünk. Im Zuge der Enthüllungen Pekers hatte Innenminister Süleyman Soylu - selbst eines der Hauptziele der Enthüllungen Pekers - davon gesprochen, dass ein Abgeordneter monatlich 10.000 Dollar von dem Mafiaboss bekäme, ohne jedoch den Namen zu nennen. Schnell wies dann aber alles in die Richtung Külünk selbst. Der wiederum ist bekannt dafür, in Deutschland aktiv die Durchsetzung von Erdoğans Politik agitiert und organisiert zu haben. Die mittlerweile verbotene türkisch-nationalistische Rockergruppe Osmanen Germania soll wesentlich von ihm aufgebaut worden sein. Külünk gilt als Erdoğans »Mann fürs Grobe«, der immer wieder aufgetreten ist, wenn es darum ging, oppositionelle Stimmen einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen.

Der Linke-Politiker Hakan Taş, der selbst schon in Kreuzberg von nationalistischen Erdoğan-Anhängern angegriffen wurde, verurteilte den Überfall am Donnerstag scharf. So würden türkische Oppositionelle in Berlin immer wieder zur Zielscheibe türkischer Faschisten. »Das sind Leute, die der verlängerte Arm Erdoğans in Europa sind«, ist er überzeugt. »Die deutschen Sicherheitsbehörden haben die rechtsextremen Aktivitäten von türkischer Seite kaum auf dem Schirm«, kritisiert er gegenüber »nd«. Die Polizei müsse nun umgehend Sicherheitsgespräche mit potenziell Betroffenen führen und diesen wenn nötig Personenschutz bereitstellen, fordert der kurdisch-stämmige Abgeordnete.

Angriffe dieser Art haben auch in der Türkei in letzter Zeit zugenommen. Ende März wurde der liberale Journalist Levent Gültekin auf dem Weg zu einem Liveprogramm vor einem Fernsehstudio von drei Tätern attackiert. Auch oppositionelle Politiker, teilweise Abtrünnige der MHP oder der AKP, wurden in den vergangenen Monaten Opfern von solchen Angriffen.

Neben Erk Acarer befinden sich auch andere Journalist*innen wie Can Dündar im Exil in Berlin und sind auch hier immer wieder Drohungen ausgesetzt. Dündar war in der Türkei inhaftiert und entkam an seinem Verhandlungstag vor dem Gerichtsgebäude nur knapp einem bewaffneten Attentat. Der tätliche Angriff auf Acarer zeigt, dass im Zuge der immer intensiveren gesellschaftlichen Auseinandersetzungen auch außerhalb der Türkei Gefahr für Leib und Leben von Oppositionellen und Kritikern des türkischen Regimes besteht. Das Regime ist in großer Bedrängnis und wöchentlich, teilweise fast täglich mit neuen Enthüllungen über mafiöse Verstrickungen konfrontiert. Kritische Journalist*innen, die nachhaken und diesen Vorwürfen nachgehen, sind dabei natürlich besonders ein Dorn im Auge.

Deshalb ist Acarers klare Haltung von großer Bedeutung. »Ich werde mich dem Faschismus nie ergeben«, betont er in seinem Video. Er werde auch weiterhin kritischen Journalismus betreiben. Er sei nicht Journalist, um ein gemütliches Leben zu führen, sondern um den Kindern eine bessere Welt zu hinterlassen, damit sie ein friedliches Leben führen können. Unterstützung kommt dafür aus der Berliner Stadtgesellschaft, die am Donnerstagabend zu einer Solidaritätskundgebung am Kottbusser Tor aufrief.

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