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Dem Feuer ganz nah

Schwefeldampf und Getöse: Auf den Liparischen Inseln

  • Von Christiane Flechtner
  • Lesedauer: 7 Min.

Die Evolution steht niemals still. Auch wenn wir die Veränderung der Welt im Alltag kaum bemerken, wird sie uns umso eher bewusst an Orten, die sich innerhalb von Minuten wandeln. Wie an Vulkanen: Landschaft wird täglich neu geboren; Lava dringt von innen nach außen, aus feuerflüssig wird felsenfest. Herausgeschleudert von Kräften, die unsere Vorstellungskraft übersteigen. Auf den Liparischen Inseln können wir bei der Evolution hautnah dabei sein - als stille Beobachter erleben wir auf den Vulkaninseln unseren Planeten in seiner ganzen Schaffenskraft.

Die Liparischen Inseln liegen im Tyrrhenischen Meer nördlich von Sizilien und wurden im Jahr 2000 von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt. Sie gehören zu einer Vulkankette, die sich vom Vesuv bis zum Ätna erstreckt. Zunächst erhob sich Filicudi, dann die Inseln Panarea, Salina, Lipari und Alicudi aus den Tiefen des Meeres. Später entstanden die jüngsten beiden Eilande: Vulcano und Stromboli.

Ausgangspunkt unserer Reise ist Lipari, die größte und mit rund 13 000 Bewohnern einwohnerstärkste Insel. Nachdem wir, vom sizilianischen Milazzo kommend, mit dem Tragflächenboot angelandet sind, erkunden wir zuerst die Altstadt. Verschachtelte Häuser schmiegen sich an den mächtigen Kastellberg mit der Kathedrale San Bartolo und dem Castello di Lipari. In verwinkelten Gässchen laden kleine Cafés zu Espresso oder einem Limonen-Sorbet - Granita di Limone - ein.

Doch kaum ist man aus den Gassen heraus, zeigt sich die Insel wild und ursprünglich. Sogleich wird auch der Wind stärker. »Das liegt an Äolos, dem Gott der Winde«, erklärt unser Führer Corrado Garrasi, der den Spitznamen »Wandelndes Lexikon« verdient hätte. »Nach Homer hat Äolos im Stromboli residiert, nachdem er von Zeus beauftragt wurde, die Winde zu verwalten«, erzählt der 77-jährige Archäologe und Geologe uns ein kleines bisschen aus der griechischen Mythologie. Die sieben Liparischen Inseln sollen die Töchter des Windgottes darstellen.

Eine Wanderung vom historischen Hafen Marina Corta zum südlichen Zipfel der Insel lässt erahnen, wie die Naturgewalten, allen voran die Vulkane und Stürme, das Eiland in Jahrtausenden geformt und gestaltet haben. Es geht vorbei an Olivenbäumen und Feigenkakteen, nun wird die Vegetation karger. Bald stehen nur noch die Affodill-Gewächse mit ihren traubenartigen Blütenstängeln wie weiße Kerzen im Grün. Wir wandern gemächlich um den Monte Guarda herum und haben von dort oben einen tollen Ausblick auf die Nachbarinsel Vulcano.

Durch Himmel und Hölle

Dorthin geht es am nächsten Tag. Rückblickend kann man sagen: Es war eine Wanderung direkt durch Himmel und Hölle. Jede Serpentine des Weges zum Krater gibt Ausblicke preis, die sich in die Erinnerung einbrennen. In der Ferne reihen sich die anderen Vulkaninseln im spiegelglatten Blau des Meeres aneinander, als würden sie friedlich schlafen. Doch direkt am Kraterrand steigen schweflige, gelbe Dämpfe aus dem Boden, die einen kaum atmen lassen. Die letzten Eruptionen dieses Vulkans datieren aus den Jahren 1889 und 1890. Lange her für uns, für einen Vulkan allerdings nicht viel mehr als ein Wimpernschlag: Fossa di Vulcano ist als aktiver Vulkan klassifiziert.

Am Kraterrand angekommen, verschlägt es einem beim Blick in das riesige Loch fast die Sprache: Was sind wir Menschen doch klein! Ameisengleich. Auf dem Rand umrunden wir den Hunderte Meter breiten Vulkankrater und machen an seiner höchsten Stelle auf 391 Metern eine kurze Pause. Zurück geht es durch den heißen Schwefeldampf. Wer vom Höllenduft noch nicht die Nase voll hat, kann nach der Wanderung in Porto di Levante noch in ein Schwefelbad eintauchen.

Zurück auf Lipari, treffen wir Massimo Ziino. Der 58-Jährige verarbeitet in der Via Marte unweit des historischen Hafens Obsidian-Vulkangestein zu Schmuckstücken, Schlüsselanhängern oder kleinen Skulpturen. »Das vulkanische Glas stammt aus dem tiefen Inneren der Vulkane, wo hohe Temperaturen und Druck eine kieselsäurehaltige Schmelze bilden«, erklärt er. »Wenn die heiße Lava austritt und durch kühle Luft oder Wasser schnell erkaltet, entsteht dieses dunkle Glas, das zu 75 Prozent aus Silizium besteht.« Das »tiefschwarze Gold« sei multo duro - sehr hart - und nur mit großem Aufwand zu bearbeiten. Schon sein Großvater hat aus dem besonderen Material Schmuck gefertigt. Massimo Ziino hat viele Jahre als Fischer auf See gearbeitet, bevor er es seinem Nonno gleichtat.

Wir wollen sehen, wo das »schwarze Gold« herkommt, und begeben uns, nachdem wir in einer Paninothek mit Oliven, getrockneten Tomaten und Käse belegte Brote erstanden haben, in den Norden der Insel.

Mit dem Bus fahren wir die Küste entlang bis zur Haltestelle Acquacalda. Von dort geht es zu Fuß weiter. Der kleine sandige Weg schlängelt sich durch Wermut- und Kapernpflanzen sanft bergauf. Zwischendurch knallrote Tupfer im dunklen Grün: Erdbeerbäume mit leuchtend reifen Früchten bilden einen harten Kontrast zum Tiefblau des Meeres.

Wir entdecken allerdings erst einmal nicht Obsidian, sondern riesige Bimssteinbrüche an der vor uns aufragenden Felswand. Bimsstein wurde bis in die 1960er Jahre abgebaut, um daraus weiße Farbe, Schleifmittel und Zahnpasta herzustellen. »Für die Arbeiter war das eine Tortur, kaum jemand entkam der Silikose, der Staublunge«, erklärt unser 77-jähriger Guide. Doch der Weltmarktpreis sank, und der Abbau lohnte sich nicht mehr.

Dann plötzlich, direkt vor unseren Füßen, ein kleiner Obsidian! »Die Entstehung von Obsidian ist eigentlich ein Wunder«, erklärt der Wanderführer. Zwar sei ähnlich wie beim Bimsstein in einer Magmakammer nur reines Silizium enthalten. Doch es trete nicht aus, sondern bleibe in der Kammer stecken. Dort werde es durch unglaubliche Kräfte immer weiter zusammengedrückt und komprimiert. »Heraus kommt dann ein extrem hartes schwarzes Glas«, sagt er. Wir stecken uns ein paar kleine Obsidiane ein und wandern weiter bis hinauf auf den Monte Pilato. Dort, in 474 Metern Höhe, haben wir einen grandiosen Blick auf die Nachbarinseln Panarea, Salina und Stromboli.

Zur Feuerrutsche am Feuerberg

Wo lässt sich Vulkanismus anschaulicher erleben als an einem der aktivsten Vulkane der Erde? Es geht nach Stromboli zum Stromboli. Dort wird die Landschaft täglich neu geformt, Felsformationen entstehen im Minutentakt. Die Insel Stromboli ist die jüngste der Inseln und besteht eigentlich nur aus dem Vulkan. Nur etwa ein Drittel - nämlich 924 Meter - ragt aus dem Meer heraus. Sein Fuß befindet sich mehr als 2000 Meter tief am Grund des Tyrrhenischen Meeres.

Wir sind unterwegs nach oben. Die Anspannung steigt mit jedem Schritt. Doch noch ist vom »Leuchtturm des Mittelmeeres«, der im Rhythmus von 10 bis 15 Minuten in kleineren Eruptionen Gesteinsbrocken und Lavafontänen mit lautstarkem Auswurf von sich gibt, weder etwas zu sehen noch zu hören. Die gepflasterten Gassen der kleinen Ortschaft Stromboli haben wir hinter uns gelassen. Kleine Eidechsen grüßen uns rechts und links des Weges. Eine Katze hat sich an unsere Fersen geheftet und folgt uns den sandigen, ausgetretenen Pfad hinauf. Dann plötzlich hören wir das tiefe Grummeln des Berges. Einem Ungeheuer gleich, das im Innern der Insel wacht - und nur einem Moment später bebt der Untergrund.

Das Beben ist ist gewaltig: Uns wird bewusst, wie verletzlich wir sind. Im Juli 2019 gab es den letzten großen Ausbruch. Herabfallende Glut zerstörte die Vegetation - vor allem den Ginster, nach dem das Einsiedlerdorf Ginostra an der Ostseite der Insel benannt ist. Seitdem ist der Stromboli noch unberechenbarer geworden. Die Ausbruchsphasen sind seit 1943 zwar konstant - doch statt der vorher drei sind es jetzt sieben Schlote, aus dem der fauchende Riese regelmäßig Feuerfontänen und Rauch ausstößt. Aufstiege bis zum Kraterrand sind seitdem verboten. Zu gefährlich ist es dort oben, denn trotz der Monitoring-Systeme und Seismografen kam der Ausbruch 2019 ohne Vorwarnung - ein Mensch kam ums Leben.

»Dennoch ist der Druck der Touristen sehr hoch, alle wollen zum Gipfel«, berichtet Führer Garrasi. Seit dem Ausbruch sind Vulkanologen aus der ganzen Welt vor Ort. Aber bisher bleibt der Weg zum Gipfel geschlossen - ein Security-Posten versperrt oberhalb des Aussichtspunktes den Weg. Wer weitergeht, muss mit einer Geldstrafe von 500 Euro rechnen.

Doch auch vom 300 Meter hohen Aussichtspunkt an der Feuerrutsche - Sciara del Fuoco -, auf der die noch glühenden Gesteinsbrocken herunterrollen, lässt sich tagtäglich das Naturschauspiel beobachten. Wir setzen uns und bestaunen vor der einzigartigen Naturkulisse schweigend die Evolution bei ihrem Wirken. Und während am Horizont der Sonnenball gleißend im Tyrrhenischen Meer versinkt, erwacht der Stromboli mit glutroten Lavafontänen zum Leben.

Nach einer Stunde geht es zurück gen Hotel. Ein letzter Blick zum rauchenden, glühenden Gipfel, der auch in Tausenden von Jahren noch in einem wiederkehrenden Rhythmus kochende Lava feuerrot in den schwarzen Nachthimmel schleudern wird - und uns deutlich macht, dass wir nur eine kurze Momentaufnahme lang Zeuge sein dürfen und nur einen winzigen Augenblick dieses sich stetig wandelnden Erdballs erleben.

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