Schmuckkästchen und der grüne Umbau

In diesem System muss sich die Wachstumsspirale immer weiter nach oben schrauben

  • Von Friederike Habermann
  • Lesedauer: 6 Min.
Dünger hilft dem Wachstum – aber auch der Natur?
Dünger hilft dem Wachstum – aber auch der Natur?

Solarfahrzeuge, die sich in der Sonne auftanken; Sauger, um der Luft das CO2 zu entnehmen; Anlagen, die daraus bei 850 Grad Celsius Wasserstoff zaubern: Nachdem das Video der Wissenschaftlerin Mai Thi Nguyen-Kim zum Klimawandel ein großer Erfolg wurde, widmet sie sich im zweiten Teil der Frage »Was wir wirklich tun können« und stellt innovative technische Lösungen vor. Am Ende ist sie »geflasht«. Dabei betont sie selbst zwischendurch: Bei einem solchen Umbau hin zu Klimaneutralität stiege die Stromnachfrage gewaltig an. Und sie wiederholt mantramäßig: »Da haben wir wieder das alte Lied: Das bringt alles nur was, wenn es Ökostrom ist.«

Eine absolut saubere Energie aber gibt es nicht. Und keine kohlenstoffbindende Technik, die neben dem erhöhten Ressourcenaufwand und damit weiteren Umweltzerstörungen nicht auch mit Risiken für Grundwasser und Boden verbunden wäre. Und wenn alle Fahrzeuge der Welt durch E-Mobile ersetzt werden sollten, wären die seltenen Erden jetzt schon knapp. Statt sich geflasht zu fühlen, kann sich beim Sehen des Videos deshalb auch Resignation einstellen. Denn: Das gegenwärtige Konsummodell gibt es nicht in Grün. Die vorgestellten Lösungen vereint ein extrem hoher Material- und Energieaufwand.

Klar: Der Green New Deal ist eine Verheißung im Vergleich zur Gegenwart, in der weiterhin ungebremst umweltschädliche Subventionen verteilt werden. Auch ohne Pandemie und alleine in Deutschland waren es rund 60 Milliarden Euro jährlich – von finanziellen Erleichterungen für jene, die besonders viel Strom verbrauchen, bis hin zu Dieselprivileg und reduzierter Mehrwertsteuer auf Fleisch. Die von der Europäischen Union gezahlten Unsummen für die Agrarindustrie, welche massiv zum Klimawandel (und der Umweltzerstörung im Allgemeinen) beitragen, kommen da noch obendrauf. Und auch von den Rettungsgeldern in der Coronakrise flossen laut dem Energy Policy Tracker vom Herbst 2020 in den G20-Staaten nur halb so viele in erneuerbare wie in fossile Energien.

Insofern ist es richtig, dazu aufzurufen, mit dem Umbau hin zu einer klimafreundlichen Wirtschaft zu beginnen. Insofern vermag der Green New Deal als der pragmatische Weg angesehen werden, um das Ganze noch ein bisschen hinauszuzögern in der Hoffnung, dass die Menschheit in der Zwischenzeit zur Vernunft kommt. Aber woher nehmen so viele Linke derzeit den Optimismus, dies könne einen wahrhaftigen Umbau darstellen, und nicht wie sonst kurzfristigen Gewinninteressen folgen – so dass noch zwanzig Jahre lang die Autokonzerne an E-Mobilen verdienen können, die Probleme der Umweltzerstörung sich aber nur verschoben haben? Woher kommt der Glaube, eine große Anstrengung jetzt würde tatsächlich das Klima retten, ohne gleichzeitig die Erde zu zerstören?

Dafür, dass diese auch langfristig ein schöner Ort bleibt, braucht es mehr. Viele Bewegungen im Globalen Süden sehen das schon lange so. Bereits die »Delhi Climate Justice Declaration« von 2002 bezeichnete marktbasierte und technologische »Lösungen« der UN-Klimaverhandlungen als »falsche Lösungen«. Genauso 2009 während der COP in Kopenhagen durch Vertreter:innen von Basisbewegungen aus Asien, Afrika und Lateinamerika. Eine von diesen war Bettina Cruz aus Mexiko, die mit ihrer Bewegung gegen die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen durch Windkraftanlagen kämpft – wobei Aktivist:innen riskieren, erschossen zu werden. Auch 2015 in Paris formten Indigene rote Linien, die symbolisierten, dass jede marktbasierte Lösung ihre Lebensgrundlagen zerstört.

Sie kritisieren, dass durch die Bepreisung von CO2 und Natur überhaupt die Mitwelt zu einer Ware degradiert wird. Im Grunde alle mussten im Laufe ihres Lebens miterleben, wie diese mehr und mehr zerstört wird. Die Geldlogik verführt dazu, dass alles noch nicht Bewertete als wertlos erachtet wird. So manche artenreiche Fläche musste dem schnell CO2 absorbierenden Eukalyptus weichen; das zerstörte Landschaft und Lebensgrundlagen zugleich. Geldlogik verführt zum Fälschen von Emissionswerten, um sie hinterher »einsparen« und damit woanders leider real ausstoßen zu können. Es verführt zum Geldmachen statt zum Bewahren.

Vertreter:innen des Green New Deals argumentieren häufig, Wachstum ginge durchaus mit weniger Ressourcenverbrauch zusammen, wenn nur aus den umweltschädlichen in die umweltfreundlichen Bereiche umgeschichtet würde, schließlich steigerten auch dort Löhne das Bruttoinlandsprodukt. Denn Wirtschaftswachstum heißt, dass der Geldwert aller Güter und Dienstleistungen in einem Land steigt. Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass dieses zunimmt, wenn Autos Unfälle bauen, und noch mehr steigt, wenn diese dabei noch schwerwiegende Krankenhausaufenthalte verursachen. Doch was passiert, wenn der Staat aus sozial-ökologischen Gründen Subventionen aus der Autoindustrie in den Pflegebereich verlagert?

Das Wirtschaftswachstum sinkt. Denn Pflege und andere reproduktive Bereiche ergeben weniger Profit. Zumal mehr Geld für Krankenhäuser möglichst nicht dafür gedacht sein sollte, bei gleich schlecht bleibender Betreuungskapazität noch mehr Unfallopfer zu betreuen. Das ist das Gegenteil des wachstumtreibenden Effizienzgebots. Gelder für den Gesundheitsbereich steigern zwar das BIP, weil Geld ausgegeben wird, allerdings nur kurzfristig, da es sich nicht um eine Investition mit Wachstumspotenzial handelt. Genauso wenig wie den Regenwald aufzuforsten oder Plastik aus dem Meer zu fischen.

Das sind zweifellos sinnvolle, ja notwendige Tätigkeiten. Und als Erwerbsarbeit bringen sie Menschen in Lohn und Brot. Warum darf es dann nicht einfach egal sein, ob die Wirtschaft dabei wächst, wenn es doch bereits genug gibt? Warum warnte Bundeskanzlerin Merkel in der Finanzkrise 2009 so eindringlich: »Ohne Wachstum keine Investitionen, ohne Wachstum keine Arbeitsplätze, ohne Wachstum keine Gelder für die Bildung, ohne Wachstum keine Hilfe für die Schwachen«?

Die erste Antwort ist einfach: Weil die Reichen dann nichts abgeben müssen. Doch die Panik vor Wirtschaftseinbrüchen sowohl damals als auch jetzt in der Corona-Krise zeigt, dass die zweite Antwort die entscheidendere ist: dass die Wachstumsspirale sich immer weiter nach oben schrauben muss, da ansonsten keine Stabilität zu erreichen ist, sondern die Abwärtsspirale droht, mit nicht mehr zu beherrschenden Folgen für das Wirtschafts- und Finanzsystem.

Nun argumentieren Vertreter:innen der Modern Monetary Theory (MMT), der Staat müsse sich nicht zwischen grünen Autos und Intensivpflegepersonal entscheiden, sondern könne alles zugleich fördern. Aber falls auf diese Weise Geld nicht umgeschichtet, sondern nur addiert wird, bedeutet das nicht nur, das Tafelsilber zu verscherbeln, sondern das seit je gehütete Schmuckkästchen gleich mit.

Das Tafelsilber ist die Kaufkraft. In den USA umfassen die Corona-Rettungspakete bereits über ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts – selbst für diese ist das ein riskantes Spiel mit der eigenen Wirtschaftskraft. Was ist mit den anderen? Ein peripherer Staat braucht nicht zu beginnen mit MMT, denn seine Währung würde umgehend abstürzen. Auch darum können Verschmutzungen in den Süden verlagert werden: weil der Norden sich das Geld druckt, dies tun zu können. Das Schmuckkästchen aber sind die endlichen Ressourcen, die mit diesem Geld jetzt verfeuert werden.

In den grünen Umbau investieren: ja. Unbedingt. Aber weniger Klimawandel braucht mehr Wirtschaftswandel. Worauf es ankommt, ist eine Welt ohne den Zwang zum Wachstum.

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