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Riesiger Schiffsstau in Südchina

Kurzzeitige Schließung eines wichtigen Containerhafens könnte Welthandel über Monate hart treffen

  • Von Fabian Kretschmer, Peking
  • Lesedauer: 4 Min.

Als »Werkbank der Welt« wurde das südchinesische Perlflussdelta bis vor kurzem bezeichnet. Auch wenn die einstigen Textilfabriken zunehmend elektronischen Hardwarefirmen weichen, ist die umliegende Provinz Guangdong mit Warenlieferungen im Wert von über 700 Milliarden Dollar noch immer die mit Abstand exportstärkste Region Chinas. Doch in Zeiten von Covid-19 ist die Metropolregion auch so etwas wie die Achillesferse für globale Lieferketten.

Im Mai entdeckten die örtlichen Gesundheitsbehörden am Yantian-Container-Hafen in Shenzhen den ersten Fall der gefürchteten Delta-Variante des Coronavirus, wenig später wurden 15 weitere asymptomatisch Infizierte entdeckt. In der Volksrepublik sorgen solche eher geringen Zahlen für Besorgnis, denn China fährt trotz fortgeschrittener Impfkampagne weiter eine strikte Null-Covid-Strategie - auch deshalb, weil mit den heimischen Vakzinen aufgrund durchwachsener Wirksamkeit nur schwer eine Herdenimmunität zu erreichen ist.

Entsprechend drastisch fielen die Maßnahmen der Behörden in Yantian aus: Sämtliche Hafenarbeiter wurden in staatliche Quarantäneunterkünfte geschickt und über 230 000 Menschen im Einzugsgebiet des Hafens umgehend auf das Virus getestet. Fast eine Woche lang war der nach Singapur und Shanghai drittgrößte Containerhafen der Welt stillgelegt, ehe der Betrieb Schritt für Schritt wieder aufgenommen wurde.

Jene kurze Unterbrechung hat massive Auswirkungen auf die globalen Lieferketten. Vincent Clerc, Chef der Frachtsparte des Reedereikonzerns Maersk, warnte vor wenigen Tagen vor schlimmeren Folgen als bei der Blockade des Suezkanals durch ein querstehenden Containerriesen im März.

In Yantian mussten sämtliche Frachter bis zu 16 Tage warten, allein um anlegen zu dürfen. Vor den Hafengewässern bildete sich zeitweise ein Stau von über 130 Containerschiffen, die vor allem auf Ladungen an Elektronikwaren warteten - also ausgerechnet jene Produkte, die seit den globalen Lockdowns von Konsumenten verstärkt nachgefragt werden. Noch einen Monat nach den ersten Auflagen lag der Betrieb nur bei rund 70 Prozent, seit Anfang Juli dürften es laut Maersk »85 Prozent des Normalniveaus« sein.

Unmittelbare Folgen sind die rasant auf Rekordniveau gestiegenen Frachtpreise, wie Jörg Wuttke, Präsident der europäischen Handelskammer in Peking, erläutert. Die weltweite Verschiffung eines handelsüblichen 40-Fuß-Containers kostet derzeit knapp 8800 Dollar, wie aus dem Preisindex der Londoner »Drewry Shipping Consultants« hervorgeht. Die Route Shanghai-Rotterdam liegt derzeit sogar bei 12 795 Dollar pro Container, was im Jahresvergleich einen Anstieg um nahezu 600 Prozent gleichkommt.

Zudem haben sich die Lieferzeiten seither verdoppelt, wie das US-Speditionsunternehmen Flexport mitteilt. Die Route Shanghai-Chicago, für die es in vorpandemischen Zeiten etwa 35 Tage brauchte, beansprucht mittlerweile 74 Tage.

Da globale Wertschöpfungsketten immer komplexer werden, hängt an einzelnen Unterbrechungen stets ein ganzer Rattenschwanz. In der Logistikbranche spricht man von »ripple effects«, die im Fall von Yantian noch über Monate hinweg zu spüren sein werden - möglicherweise bis zur Weihnachtssaison. Zunächst fehlte es an Lagerkapazitäten für die aufgestauten Waren im Hafengelände. Dies wiederum beeinflusst die Produktionspläne von Fabriken. Unternehmen stehen vor einem Dilemma: Diversifizierungen in den Lieferketten würden zwar das Risiko streuen, sie sind allerdings extrem kostspielig. Doch ähnliche Vorfälle können sich wiederholen. Von der Beratungsgesellschaft Trivium heißt es, dass das Beispiel Yantian »die Vor- und Nachteile von Chinas aggressiver Eindämmung von Covid« aufzeige. Einerseits habe sich das Alltagsleben der Leute längst normalisiert, andererseits könnten selbst geringe Ausbrüche dies wieder zunichte machen. Vor allem die wirtschaftliche Wiedereröffnung des Landes werde behindert.

In Yantian versuchen die Behörden nun mit erhöhter Alarmbereitschaft eine weitere Stilllegung zu vermeiden. Lastwagenfahrer, die aus anderen Provinzen anreisen, müssen einen negativen Covid-Test vorweisen und sich schon mal 48 Stunden lang bis zum Vorliegen des Ergebnisses isolieren.

Zudem leben die Hafenarbeiter statt bei ihren Familien nun hauptsächlich in 216 provisorischen Unterkünften, die in den vergangenen Wochen unter Eile errichtet wurden. Die Zeitung »Shenzhen Daily« berichtete darüber in blumiger Sprache: »Alle Mitarbeiter von Yantian haben sich zusammengeschlossen, um gegen die Pandemie zu kämpfen und ihren Teil zur Wiederherstellung des Normalbetriebs beizutragen.«

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