Wo endet die Kunst, wo beginnt der Raum?

Wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird: Die Ausstellung »Out Of Space« in der Hamburger Kunsthalle

  • Von Falk Schreiber
  • Lesedauer: 5 Min.
Manuel Rossner: »How Did We Get Here?«, 2021, ortsspezifische Virtual-Reality-Installation
Manuel Rossner: »How Did We Get Here?«, 2021, ortsspezifische Virtual-Reality-Installation

Auf den ersten Blick ist Jürgen Albrechts »Zwei Orte in einem Raum 2005« eine unspektakuläre Installation: Ein abstraktes Objekt hängt von der Decke, ein schachtelartiges, rechteckiges Gebilde, in das unregelmäßige Öffnungen geschnitten sind. Was man allerdings nicht sieht, ist die Kamera, die von oben in das Objekt filmt. Erst ein Kabinett weiter kann man das um 45 Grad gekippte Filmbild betrachten, ein Bild, auf dem man ohne Kenntnis des eigentlichen Settings einen verschwommenen Flur zu erkennen glaubt, dessen Stimmung sich je nach Lichteinfall ändert. Dabei bemerkt man erst einmal nicht, dass eine weitere Kamera einen vor dem Bild aufnimmt. Schließlich sieht man auf einem zweiten Schirm das letzte Bild - keine Abstraktion mehr, sondern einen Menschen in einem flurähnlichen Raum.

Der 1954 geborene Albrecht ist keiner der ganz Großen im Kunstbetrieb - »Zwei Orte in einem Raum« aber bringt raffiniert auf den Punkt, was die Ausstellung »Out Of Space« in der Hamburger Kunsthalle ausmacht: das künstlerische Hinterfragen der Kategorie »Raum«, das am Ende zu einer Auflösung von Raumwahrnehmung führt. Die Kurator*innen Jan Steinke und Ifee Tack erreichen das auf verhältnismäßig konventionellem Weg: indem sie Positionen von den 1960ern bis in die Gegenwart versammeln, die sich mit dem Verhältnis zwischen Kunst und Raum auseinandersetzen. Um am Ende die Grundfrage eben nicht beantworten zu können: Was bedeutet Raum eigentlich?

Dass Steinke und Tack sich hier vor allem bei der Kunsthallen-Sammlung bedienen, ist zwar nicht unbedingt originell, aber auch nicht weiter verwerflich. Immerhin thematisiert Oswald Mathias Ungers’ 1997 eröffneter Erweiterungsbau den Raum mustergültig; praktisch jede Ausstellung in dem Gebäude muss sich angesichts der offenen, mit großen Fensterfronten operierenden Architektur ins Verhältnis zu Innen- und Außenraum setzen, zu Kunst- und Stadtraum. Die Bespielung dieses Hauses ist nicht leicht, aber Arbeiten wie Robert Morris’ 1968 entstandene Alugitter-Installation »Untitled« erzielen hier eine starke Wirkung. Morris’ minimalistische Installation ist der jüngste Zugang in der hauseigenen Sammlung, eine Schenkung, die die Ausstellung überhaupt erst motivierte: als Nachdenken über die Frage, wo das Kunstwerk endet und wo der Raum beginnt.

Der Minimalismus ist eine Schiene, auf der »Out Of Space« funktioniert, mit Arbeiten wie Charlotte Posenenskes den Saal strukturierender Installation »Vierkantrohre Serie D« oder Cabritas an Arte-Povera-Strategien anknüpfendem »L. T.«. Eine andere Schiene aber ist das Spektakel, die künstlerische Überwältigung, die einen ereilt, wenn der Raum unsicher wird: mit Jacqueline Hens Spiegelinstallation »Inflect«, vor der man nach einiger Zeit die Orientierung verliert. Oder mit zwei Virtual-Reality-Arbeiten, die den Raum ins Digitale verlagern.

Zum einen ist da Armin Keplingers »ND-996«, ein Werk, das als rätselhafte, dunkelschöne Skulptur durchgeht, nach dem Aufsetzen einer VR-Brille allerdings in eine apokalyptische Techno-Landschaft zerfällt, die sich dem/der Betrachter*in konsequent entzieht. Und dann Manuel Rossners »How Did We Get Here?«, ein ebenfalls per VR-Brille erkundbares Werk, das freilich spielerischer ins Virtuelle ausgreift, als Parcours durch die (immerhin: zerstörte) Kunsthallenarchitektur. Der Spielcharakter von »How Did We Get Here?« wird sogar noch erweitert, weil Rossner 15 Non-Fungible Tokens in der Arbeit versteckt hat, deren Finder*innen so digitale Kunstwerke erhalten können.

Als Spiel mag das harmlos erscheinen, es verdeutlicht allerdings, wie geschickt diese Ausstellung zwei sich eigentlich widersprechende künstlerische Ansätze miteinander vereint. Die Konzentration auf den Raum jedenfalls ermöglicht es, dass performative Strategien (mehrere Videos von Bruce-Nauman-Auftritten aus den Jahren 1968 bis 1973) relativ bruchlos neben einer stark auf ihren materiellen Gehalt bezogenen Skulptur wie Hubert Kiecols »Tor« stehen können. Und von dort aus wird eine direkte Linie zu Axel Loytveds »ups and downs of everyday« geführt. Und weil Loytved in seiner Ganginstallation die alltäglichen Veränderungen des eigenen Körpers zur Maßeinheit macht, kommt man von dort aus auch wieder bequem zurück zu Naumans Körper-Raum-Erkundungen. Überhaupt: »Out Of Space« mag mit gut 20 Exponaten keine riesige Ausstellung sein, aber in ihrer formalen und inhaltlichen Konzentration gibt sie einen ziemlich umfassenden Überblick, wie Künstler*innen seit rund 50 Jahren mit der Frage nach Raum umgehen.

Dass dabei einige Aspekte nur angerissen werden - geschenkt. Das Verhältnis von Raum und Sound taucht zwar auf, wird jedoch leicht übersehen. Die spektakuläre Rauminstallation »Inflect« etwa begeistert mit optischem Verstörungspotenzial, dass aber derweil eine Tonspur läuft, tritt ein wenig in den Hintergrund. Und Angela Anzis »Hilfestellung an Objekten 2« ist als ästhetisch aufgeladenes Subwoofer-Arrangement zwar in erster Linie eine Zusammenstellung von Requisiten für eine Performance, hier aber nehmen die einzelnen Objekte skulpturalen Charakter an, der ihren akustischen Aspekt in den Hintergrund rückt. Und auch wenn der Soundloop jede halbe Stunde zu Demonstrationszwecken eingeschaltet wird - wer zu anderen Zeiten vor dem Werk steht, sieht erst mal nur vasenartige Gebilde, deren Verhältnis zum Raum bis auf Weiteres undeutlich bleibt. Und dass die Frage nach Raum auch eine politische Frage ist, wird zwar behauptet, bleibt aber den gezeigten künstlerischen Positionen (mit Ausnahme vielleicht von Kiecol und Cabrita) fremd.

Aber egal: »Out Of Space« ist eine kluge kleine Ausstellung, die jenseits ihres minimalistischen Fokus auch überraschend sinnliche Momente beinhaltet. Bis hin zum Horrorspaß, der sich in Jan Köchermanns Miniaturalbtraum »Dead End Dommitzsch« versteckt. Spaß, der immer dann hervorbricht, wenn der Raum sich dadurch manifestiert, dass einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

»Out Of Space«, bis 28. November, Hamburger Kunsthalle/Galerie der Gegenwart, Glockengießerwall 5, Hamburg.

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