Wiederaufbau unter widrigen Umständen

Personalmangel und massive Engpässe bei Holz und Metall erschweren die Arbeiten. Diese werden wohl Jahre dauern

  • Von Alexander Sturm und Erich Reimann
  • Lesedauer: 4 Min.

Verwüstete Häuser, aufgerissene Straßen und eingestürzte Brücken: Der Wiederaufbau nach der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ist eine Herkulesaufgabe. Bund und Länder haben zwar schon umfangreiche Finanzhilfen in Aussicht gestellt, und im Bundesverkehrsministerium tagte eine Taskforce für die Reparatur kaputter Brücken, Gleise, Straßen und Mobilfunkmasten. Doch eine Umfrage zeigt: Der Wiederaufbau wird eine Aufgabe mit vielen Hindernissen. Und vor allem: Er wird einige Zeit brauchen. Alleine bei der Deutschen Bahn und bei Straßen rechnet der Bund mit mindestens rund zwei Milliarden Euro Schäden, wie es aus Regierungskreisen hieß.

»Nach der Elbflut 2002 hat es etwa drei Jahre gedauert, bis die größten Schäden behoben waren, und fünf Jahre, bis die betroffenen Gebiete wieder ordentlich aussahen«, sagte Reinhardt Quast, Präsident des Zen-tralverbands des Deutsches Baugewerbes (ZDB). Um den Wiederaufbau zerstörter Häuser, Straßen und Brücken trotz hoch ausgelasteter Bauunternehmen und Materialengpässen zu stemmen, sei ein Kraftakt von Politik und Wirtschaft notwendig. »Bauunternehmen und Handwerker können ihre Kapazitäten auf 120 bis 130 Prozent hochfahren«, sagte Quast. Aufträge könnten umgeschichtet und Prioritäten auf Krisenregionen gelenkt werden. Ebenso müsse die Politik öffentliche Aufträge in anderen Bereichen zurückstellen und Behörden unbürokratisch helfen, indem sie etwa Duplikate von weggeschwemmten Bauunterlagen aushändigten.

Auch der Oberbürgermeister der 2002 vom Jahrhunderthochwasser hart getroffenen sächsischen Stadt Grimma, Matthias Berger, stimmt die Menschen in den betroffenen Regionen darauf ein, dass sie Geduld haben müssen. »Die Politik wird Wort halten. Es wird Geld geben. Aber es wird dauern. Denn Bürokratie und Katastrophe verträgt sich nicht«, beschreibt der parteilose Politiker die Erfahrungen in Grimma. »Der Wiederaufbau wird Jahre dauern.«

Strom, Gas und Telefon seien in Grimma zwar von den großen Konzernen recht schnell wieder benutzbar gemacht worden. Bei vielen anderen Arbeiten brauche es aber Geduld. »Wir haben damals erst alles behelfsmäßig wiederhergestellt.« Die Straßen seien mit Schotter und Steinmehl wieder befahrbar gemacht worden. Doch lohne es sich, Geduld zu haben. »Deutschland ist behäbig, langsam, bürokratisch. Aber wenn es erst mal läuft, dann kommt es mit Wucht.«

Tatsächlich gibt es so manche Hürde, die einem raschen Wiederaufbau im Westen Deutschlands im Wege steht. Das fängt schon bei der Auftragsvergabe an. »Wir müssen schauen, dass wir das ganze Thema Ausschreibung und Vergabe so niedrigschwellig wie möglich gestalten. Wenn wir die Bauarbeiten europaweit ausschreiben müssen, verlieren wir ein halbes Jahr alleine für Ausschreibung und das Vergabeverfahren«, warnt Alexander Handschuh vom Deutschen Städte- und Gemeindebund.

Ein weiteres Problem sei der Personalmangel in vielen kommunalen Bauämtern. »Da musste jahrelang gespart werden. Jetzt fehlt es an Bauingenieuren, und das könnte den Wiederaufbau verlangsamen«, fürchtet Handschuh. Die aktuellen Engpässe auf dem Rohstoffmarkt bei Holz oder Stahl seien eine zusätzliche Hürde. »Auch bei den Baukapazitäten könnte es Engpässe geben, wenn wie etwa bei Brücken Spezialfirmen gebraucht werden«, warnt der Branchenkenner.

Fehlendes Material muss zur Not von anderswo in die Hochwassergebiete gebracht werden, meint der Bauverband ZDB. »Wenn Rohre weggeschwemmt wurden, müssen sie aus dem Rest der Republik hergebracht werden«, sagte Präsident Quast. Doch selbst der Transport ist nicht immer einfach - denn auch Brücken wurden zerstört. »Ohne Behelfsbrücken müssen Baufirmen und Handwerker riesige Umwege fahren.«

Und wer sein eingestürztes Haus neu bauen wolle, brauche ohnehin Geduld, heißt es im Baugewerbe. »Ein Haus können Sie nicht in drei Tagen bauen.« Es müsse schließlich erst geklärt werden, wo in den vom Hochwasser betroffenen Regionen in Zukunft überhaupt noch gebaut werden dürfe. Planung und Umsetzung nähmen dann weitere Zeit in Anspruch.

Dass viele Reparaturen mehr Zeit brauchen werden als wünschenswert, zeichnet sich schon ab. Der Versorger Energienetze Mittelrhein warnte, die Wiederherstellung der Gasversorgung im Kreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz könne im schlimmsten Fall Monate dauern. »Die Gasleitung ist komplett gerissen, wirklich zerstört«, sagte Firmensprecher Marcelo Peerenboom. Mehrere Kilometer Leitung müssten komplett neu gebaut werden. »Das wird leider Wochen oder Monate dauern, bis dort wieder Gasversorgung ist. Das heißt für die Bürger: kaltes Wasser, und wenn die Heizperiode kommt, auch kalte Wohnung.«

Die Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Altenahr, Cornelia Weigand, sagte im »Bild-live«-Polittalk: »Es sieht so aus, als ob die Infrastruktur so stark zerstört ist, dass es in einigen Orten vielleicht über Wochen oder sogar Monate kein Trinkwasser geben wird.« Wann es in Altenahr wieder Normalität gebe, sei für sie nicht absehbar. dpa/nd

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