Besteck aus Bambus

Lufthansa lockt »Wenigflieger« und baut zugleich Personal samt Mitarbeiterrechte ab

  • Von René Heilig
  • Lesedauer: 4 Min.
Lufthansa: Besteck aus Bambus

Touris fliegen? Das mögen andere machen, hieß es noch unlängst. Doch von diesem elitären Grundsatz hat sich der Lufthansa-Vorstand nun verabschiedet. Jens Bischof, Chef der Konzerntochter Eurowings, verkündete: Allein in diesem Sommer werde man »über 300-mal pro Woche nach Mallorca fliegen, von 24 Flughäfen in ganz Europa«. Man müsse »sehr flexibel« auf die aktuellen Geschehnisse und Entwicklungen reagieren.

Der Verdrängungswettbewerb in dem Urlaubersegment sei in vollem Gange, bestätigt auch Condor-Chef Ralf Teckentrup. Fluggesellschaften wie Lufthansa setzten jetzt verstärkt auf Privatreisende. Es wundere ihn schon sehr, wenn Unternehmen, die in der Vergangenheit erwiesenermaßen kein Geld verdient haben, nun sagen: Die Touristik ist das Allheilmittel. Er bezweifelt, dass man so die rund 800 Flugzeuge der Lufthansa rentabel betreiben kann.

Die Ferienairline Condor war einst ein ungeliebter Teil des Lufthansa-Konzerns. 2009 übernahm der Reiseveranstalter Thomas Cook die letzten Lufthansa-Anteile. Nun will der Riese dem abgestoßenen Kleinen wieder das Geschäft abspenstig machen, denn: In der Not frisst der Teufel Fliegen.

In den vergangenen vier Jahrzehnten konnte der Bereich Luftfahrt seinen Umsatz alle zehn Jahre verdoppeln. Bis zum Ausbruch von Corona waren geschäftliche Höhenflüge Alltag. 2020 aber wechselten weltweit über 40 zum Teil namhafte Airlines unter ein Schutzschirmverfahren oder gingen direkt in die Insolvenz. Der Trend hält an. Zwar konnten viele Airlines dank kräftiger Hilfen aus Steuermitteln gerettet werden, doch schreiben sie weiter Milliardenverluste. Experten rechnen, dass die Branche insgesamt in diesem Jahr auf 40 bis 45 Prozent des Vorkrisenniveaus kommen könnte. Wenn alles gut läuft.

Doch Lufthansa will mehr. Der Konzern, der von der Bundesregierung neun Milliarden Euro Staatshilfe bekam, obwohl er die Gelder nicht brauchte, nutzt die Pandemie zu einem brachialen Umbau. Zum Jahresende 2020 waren im Konzern weltweit über 110 000 Mitarbeiter beschäftigt. Das waren 20 Prozent weniger als im Jahr davor. In Deutschland arbeiteten gut 64 000 Angestellte für den Konzern - was einem »Schwund« von 9494 Beschäftigten entspricht. Über diesen bereits erfolgten Personalabbau und die mit den Sozialpartnern abgeschlossenen Krisenvereinbarungen hinaus seien »weitere Maßnahmen zur Restrukturierung der Lufthansa Group und ihrer zugehörigen Gesellschaften notwendig«, heißt es aus der Konzernspitze. Im Rahmen des »Restrukturierungsprogramms ReNew« will man weitere 27 000 Vollzeitstellen abbauen.

Während man Konzerntöchter wie Sun-Express Deutschland und Germanwings am Boden hielt und deren Beschäftigte fallen ließ, gründete Lufthansa im Juli 2020 eine neue Airline. »Wir haben bei Eurowings Dis-cover mit einem weißen Blatt Papier angefangen«, sagt deren Chef Wolfgang Raebiger. Innerhalb nur eines Jahres gelang es, mit »großer Unterstützung der gesamten Lufthansa Group, eines motivierten Teams und in enger Zusammenarbeit mit dem Luftfahrt-Bundesamt« eine Airline aufzubauen. Mit über 600 Mitarbeitern will die jüngste Lufthansa-Tochter bald 16 Ferienflugziele ansteuern. Am 24. Juli geht es los. Raebiger wird beim Linienstart selbst im Cockpit sitzen - er steuert die A 330 nach Mombasa in Kenia. Weiteres Premierenziel wird Sansibar sein.

»Der Zeitpunkt hätte kaum besser sein können. Menschen können endlich wieder reisen«, betont Raebiger. Anfang August gibt es daher Flüge nach Punta Cana in der Dominikanischen Republik und nach Windhoek in Namibia. Im September kommen Starts nach Las Vegas hinzu, im Winter steigt Eurowings Discover ins Europageschäft ein.

Nun wäre es ebenso logisch wie sozial gewesen, wenn man - so wie ausgemusterte Flugzeuge - auch die Flugbegleiter, Piloten und Beschäftigten von Sun-Express oder Germanwings in die neue Gesellschaft übernommen hätte. Doch genau das war nicht gewollt. Man hat stattdessen einen Bereich geschaffen, in dem es weder einen Kollektivvertrag noch traditionelle Mitbestimmungsrechte für die Belegschaft gibt. Angesichts der Krise gelingt es, »günstigeres Personal« zu »günstigeren Konditionen« zu heuern.

2022 will die Airline neben elf A 330 bereits zehn A 320ceo nutzen. Die Maschinen werden auf die Drehkreuze Frankfurt am Main und München verteilt. Dort hat man Anschluss an das Zubringernetz der Lufthansa. Eurowings Discover will jedes zweite Ticket direkt verkaufen - an »Wenigflieger«. Man setze also auf Kunden, die vielleicht ein-, zweimal im Jahr in den Urlaub fliegen. Denen gewährt man die »Freiheit«, sich mit Smartphones oder Tablets in eine spezielle Cloud einzuloggen, um ein umfangreiches Angebot an Filmen oder Spielen zu nutzen. Auch das Essen wird an den Tourismus angepasst. Veganes gibt es allerdings, ebenso wie mehr Beinfreiheit, nur gegen Aufpreis. Und selbstverständlich kümmert sich die neue Airline auch um eine positive CO2-Bilanz. Daher wird es an Bord nur Besteck aus Bambus geben.

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