Werbung

Nachgefragt von Berlin bis Timbuktu

Vor 30 Jahren gegründet, hat sich die Universität Potsdam einen geachteten Platz in der Hochschullandschaft erarbeitet - ein Podiumsgespräch

  • Von Wilfried Neiße, Potsdam
  • Lesedauer: 5 Min.

Zu einem Appell für mehr Toleranz und Streitkultur nutzte Universitätspräsident Oliver Günther am Donnerstagabend die letzte Podiumsdiskussion zum Themenkreis »30 Jahre Universität Potsdam«. Versammelt hatte man sich dazu unter freiem Himmel vor der prachtvollen Kulisse des Halbrunds der Kolonnaden, die vor dem Hintergrund des Neuen Palais im Park Sanssouci die barocken Communs verbinden. Die Diskussionskultur auf dem Campus dürfe nicht in Gefahr geraten, warnte Günther. Es seien Fälle aufgetreten, dass Menschen sowohl von rechts als auch von links physisch und psychisch bedroht wurden.

Als »Ort einer unfassbaren Freiheit« habe sie als Studentin die Universität erlebt, die heute das »intellektuelle Zentrum« Brandenburgs sei, schwärmte Wissenschaftsministerin Manja Schüle (SPD). Sie vermittelte den Eindruck, die Universität sei eine Art Kaderschmiede der SPD. Bundessozialminister Hubertus Heil, die stellvertretende Bundesvorsitzende Klara Geywitz, Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert und viele andere hätten in den 90er Jahren in den Potsdamer Hörsälen ihre Laufbahn begonnen. Und sie habe sich nicht träumen lassen, dass sie »einmal als Ministerin mit Präsident Günther über Globalhaushalte verhandele«, sagte Schüle.

Das Geld war an diesem Abend natürlich auch Thema. Präsident Günther, dem das »intellektuelle Zentrum« sichtlich wohltat, erinnerte an den einstigen Wissenschaftsminister Hinrich Enderlein (FDP), der heute Landesvorsitzender des Kulturbundes ist und 1991 die brandenburgischen Universitäten aus der Taufe gehoben hatte. Darauf waren Jahre der Etatkürzungen gefolgt. Dies aber sei nun vorbei. Es gebe »jährlich mehr Geld«, lobte Günther, der seit 2012 an der Spitze der Universität Potsdam steht.

Ministerin Schüle sprach von den drei Standorten der Universität und ihrer »Sichtbarkeit im Stadtbild«. Tatsächlich sind die Studenten heute jedoch mehr oder weniger aus dem Stadtbild verschwunden und eher an den Rand verdrängt. Der letzte innerstädtische Wissenschaftsbereich, die Fachhochschule Potsdam, einst in der DDR ein Lehrerbildungsinstitut, wurde der Abrissbirne überantwortet, um neben dem Landtagsschloss eine pseudobarocke Stadtlandschaft entstehen zu lassen. Ministerin Schüle kündigte an, dass man auf den Filetgrundstücken zumindest auch ein Wohnheim für 85 Studierende errichten wolle. Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein, denn sie räumte ein, dass die Universität wachse, die Wohnsituation jedoch angespannt bleibe.

Obwohl inzwischen jeder zweite Studierende Brandenburgs an der Universität Potsdam eingeschrieben ist, gilt diese im Deutschland-Vergleich allenfalls als mittelgroß und hat keine Chance auf die begehrte Exzellenz-Förderung. Und das, obwohl sie mit der Fakultät für Gesundheitswissenschaft, dem Zentrum für Jüdische Forschungen, einem von Sofware-Milliardär Hasso Plattner gestifteten Institut sowie mit einer kaum noch überschaubaren Zahl von Forschungs- und Institutsneubauten praktisch alle Kriterien erfüllt. Schüle forderte daher, die Förderkriterien zur Debatte zu stellen.

Lesen Sie auch: Brandenburger Studierende sollen künftig 200 Euro mehr pro Jahr für ihr Semesterticket zahlen

Begehrt ist die Universität freilich bereits jetzt. Auf vier Professorenstellen habe es rund 1000 Bewerbungen aus aller Welt gegeben, berichtete Günther. Man sei offen für Bewerbungen »aus Baden-Württemberg, Berlin oder Timbuktu«.

Die nunmehr 30 Jahre alte Universität ging aus der Pädagogischen Hochschule »Karl Liebknecht« hervor, von der sie auch den Campus am Neuen Palais übernahm. Die Potsdamer Akademie für Staat und Recht, der Ort, an dem die DDR ihre Diplomaten ausbildete, hatte nach der Wende keine eigenständige Hochschule für Recht und Verwaltung werden können. In seiner allerersten Regierungserklärung wies Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) die Eingliederung der Akademie als Juristische Fakultät in die neue Universität Potsdam an. Erben konnte die Universität auch die Räume der Juristischen Hochschule im Ortsteil Golm, bei der es sich um eine Bildungsstätte des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit handelte.

Vom Lehrkörper der beiden letztgenannten Einrichtungen bekam praktisch niemand eine Zukunft in der neu entstandenen Hochschullandschaft. Etwas anders sah es im Falle der Pädagogischen Hochschule aus. Professor Günther lobte, dass dank der Übernahme einer Reihe von DDR-Wissenschaftlern Lehre und Forschung mehr oder weniger ungebrochen fortgesetzt werden konnten. »Das wäre anders gelaufen, wenn die Mitarbeiter wie in Berlin alle gefeuert worden wären«, sagte er.

Allein in der Landeshauptstadt Potsdam wirken heute 600 Anwälte, das heißt rund 100 mehr als einstmals in der gesamten DDR tätig waren. Die Universität Potsdam trug bei zum Nachwuchs für diese Juristenschwemme. Auf dem Podium saß am Donnerstagabend die Jurastudentin Jenissa Terzic, die freundlich daran erinnerte, dass sie als Richterin oder Staatsanwältin viel eher auf gutes Geld zählen könne als bei einer Karriere in der Wissenschaft.

»Ich komme aus keinem armen Haushalt«, verriet Präsident Günther. Sein Vater sei Lehrer gewesen, seine Mutter Hausfrau. Dennoch habe ihm seinerzeit ein Stipendium ermöglicht, in die USA zu gehen. »Sonst säße ich nicht hier«, gab er zu. Günther hatte 1984 ein Wirtschaftsingenieurstudium in Karlsruhe mit Diplom abgeschlossen und war dann an die University of California in Berkeley gegangen, wo er promovierte.

Nach den Jahren des enormen Aufbaus der Universität Potsdam sei nun die Phase der »Konsolidierung« erreicht, erklärte Günther. Bei allem Neubau gibt es offenbar immer noch nicht genügend Räume. Ein geplantes »Zentrum für Wasser«, an dem biologische, aber auch physikalische und juristischen Aspekte gebündelt werden, die mit dem Wasser zusammenhängen, muss noch würdig unterkommen.

Weil es jede Menge Wissenschaftseinrichtungen in Potsdam gibt, aber kaum Hinweise im öffentlichen Raum darauf, regte Ministerin Schüle entsprechende Beschilderungen an.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung