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Der Monopolist

Hansa Rostock ist zurück in der Zweiten Bundesliga. Der Auftakt gegen den Karlsruher SC offenbart jedoch noch Anlaufschwierigkeiten

  • Von Christoph Ruf, Rostock
  • Lesedauer: 3 Min.

Wer auf die Insignien achtet, mit denen Fußballfans landauf, landab ihr Territorium markieren, wird sich in Mecklenburg-Vorpommern schnell langweilen. Ob in Schwerin, in Greifswald oder auf Rügen - überall sind Trafokästen und Laternen fast ausschließlich mit Aufklebern und Graffitis bedeckt, die den FC Hansa Rostock preisen. Hansa ist der fußballerische Monopolist im Nordosten.

Vor ein paar Wochen wurde mancherorts flugs ein »2. Liga« dazugesprüht. Dass der Verein seit neun Jahren erstmals wieder in die zweithöchste deutsche Spielklasse aufgestiegen ist, erfüllt seine Anhänger mit Stolz. Auch bundesweit dürfte es wohl kaum einen Fußballfan geben, der nicht auch fände, dass Hansa mindestens dorthin gehört. Fans vermessen die Relevanz der Konkurrenz schließlich nicht zuletzt an der Größe von dessen Anhängerschaft. Und da muss Hansas Fanszene nun wirklich keinen Vergleich scheuen. Als ihr Verein vergangenen Mai in Unterhaching den Aufstieg so gut wie klarmachte, fuhren Hunderte Fans mit. Das wäre schon bemerkenswert, wenn Haching nicht bei München und somit schlappe 800 Kilometer entfernt läge. Und, ach so, ein bisschen mehr Corona war auch noch damals. Ins Stadion durften die Maniacs also nicht. Aber so ein Stadionparkplatz im Bayerischen hat sicher auch seine Reize.

Gekommen, um zu bleiben

Alles in allem kann man also behaupten, dass eine gewisse Vorfreude herrschte, als der FC Hansa am Samstag bei bestem Sommerwetter zum Zweitligastart den Karlsruher SC empfing. Nach dem Schlusspfiff war die Laune dann allerdings nicht mehr ganz so gut, denn außer viel Mitleid vom Gegner war nicht viel herumgekommen bei der eher unverdienten 1:3-Niederlage. Gleich zweimal griff der Videoschiedsrichter ein, einmal annullierte er ein Rostocker Tor, einmal gab er eines nach minutenlanger Prüfung. Und wenn man Jens Härtel glaubt, dem knorrigen Hansa-Trainer, dem man die Herkunft aus Rochlitz/Sachsen oben im Norden doch sehr deutlich anhört, dann hatte er in der 3. Liga vieles vermisst. Nur den Videobeweis nicht. »Jetzt weißt du nicht, ob du jubeln darfst, weil erst noch minutenlang nachgeschaut werden muss«, klagte Härtel.

Es dauerte auch nach dem Schlusspfiff noch eine Weile, bis die 14 300 Hansafans im Stadion wieder den Blick frei bekamen für das Große und Ganze. Von 2012 bis 2021 spielte ihr Klub in der 3. Fußballliga, jetzt darf man sich auf 33 weitere Kicks eine Klasse höher freuen. In einer Liga, in der diese Saison solche Kaliber wie Werder Bremen, Schalke 04 und der Hamburger SV spielen. Es gibt Schlimmeres, selbst für einen Verein, der zwischen 1995 bis 2005 zum Inventar der Bundesliga gehörte. »Wir haben nicht so lange gewartet, um gleich wieder runterzugehen«, sagt Sportvorstand Martin Pieckenhagen, der in Hanno Behrens (183 Zweitligaspiele) und Calogero Rizzuto (134) in Erfahrung investierte und mit Streli Mamba und John Verhoek einen starken Sturm beisammen zu haben scheint. Dann schiebt er nach: »Aber der Klassenerhalt wird so schwer wie es der Aufstieg war.«

Pieckenhagen, den ehemaligen Rostocker Torwart, schreibt man übrigens mit einem »c« in der Mitte. Dass der NDR, der für den hiesigen Geschmack eh zu oft über die Hamburger Klubs und zu selten über Hansa berichtet, vergangene Woche endlich mal den Rostocker Sportvorstand interviewte, fanden alle gut. Dass sie ihn per Bauchbinde als »Piekenhagen« vorstellten, wieder typisch für den vermaledeiten »HSV-Sender«.

Die alten Reflexe funktionieren noch

Überhaupt funktionieren sie noch gut, die in 30 Jahren eingeübten Reflexe. »Ihr seid Wessis, asoziale Wessis ...« wurde Karlsruhes Fans am Samstag entgegengeschmettert, nachdem der Referee (aus Hessen!) für ihren Geschmack falsch gepfiffen hatte. Und natürlich freut sich jeder Hansa-Fan, der etwas auf sich hält, schon jetzt aufs vorletzte Oktober-Wochenende, wenn es beim verhassten FC St. Pauli nur vordergründig um Punkte geht. Umgekehrt soll das übrigens genauso sein. Und weder hier noch dort würde man gerne mit einem Erstligisten tauschen, dessen Anhänger diese Saison mal wieder nach Wolfsburg oder Hoffenheim müssen.

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