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Große Waldgebiete zerstört

Türkische Regierung kriminalisiert Selbsthilfe-Initiativen

Seit über einer Woche wüten Waldbrände in der Türkei, vor allem die Ägäis- und Mittelmeerregionen Antalya, Muğla und Marmaris sind betroffen. Laut dem European Forest Fire Information System (EFFIS) sind bisher rund 160 000 Hektar Wald abgebrannt, zahlreiche Dörfer mussten evakuiert werden. Den Betroffenen steht die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben, viele von ihnen haben nicht nur ihre Häuser, sondern auch ihr Vieh in den Flammen verloren.

Um die Waldbrände zu stoppen, sind vor allem Löschflugzeuge notwendig, doch genau daran mangelt es in der Türkei: Die zuständige Behörde ist seit Jahren unterfinanziert. Die vorhandenen Flugzeuge sind unbrauchbar, weshalb die Türkei drei Maschinen aus Russland gemietet hat; weitere Unterstützung kommt aus EU-Ländern. Um internationale Unterstützung für die Löschung der Brände zu mobilisieren, haben vor allem junge Menschen eine Online-Kampagne unter dem Hashtag #HelpTurkey gestartet. Kommunikationsminister Fahrettin Altun verurteilte diese Kampagne: Solche Hilfsgesuche würden die Türkei in einem schlechten Licht darstellen und sogar die nationale Einheit gefährden. Wie die Zeitung BirGün berichtet, hat die Staatsanwaltschaft in Ankara nun erste Verfahren wegen Nutzung des Hashtags eröffnet, der angeblich zu Desinformation, Hoffnungslosigkeit und Chaos unter der Bevölkerung geführt habe.

Doch in weiten Teilen der Bevölkerung herrschen vor allem Verzweiflung und Wut. Wut auf die Regierung, die statt effektiver Brandbekämpfung lieber die Verantwortung auf die Opposition abschiebt, aber auch Wut auf Kurden, die zum Sündenbock erklärt wurden. Kurz nachdem Ende Juli die ersten Feuer ausbrachen, verbreiteten regierungsnahe Medien das Gerücht, für die Brände seien Mitglieder der Arbeiterpartei Kurdistans PKK verantwortlich. Unmittelbar darauf wurde das Büro der HDP in Marmaris angegriffen. Außerdem häufen sich Berichte über Straßenkontrollen in den Waldbrandregionen, bei denen die Geburtsorte der Fahrer abgefragt werden und als Kurden identifizierte Personen gelyncht werden. Der Innenminister Süleyman Soylu bestätigte diese Vorfälle in einer Pressekonferenz. Seit Monaten ist eine erneute Verschärfung der Gewalt gegen Kurd*innen in der Türkei festzustellen, bei bewaffneten Angriffen auf das HDP Büro in Izmir und die kurdische Familie Dedeoğulları in Konya wurden acht Menschen getötet. Die PKK hat mittlerweile den Vorwurf der Brandstiftung zurückgewiesen.

Um die Regeneration der niedergebrannten Kiefernwälder zu unterstützen, tut man am besten eines: nichts. Wie Professor Doğanay Tolunay von der Istanbul Universität gegenüber BBC erklärt, würden die Kalibrischen Kiefern und ihre Zapfen nicht vollständig verbrennen, sondern könnten in kurzer Zeit erneut auskeimen, dies sei ein natürlicher Regenerationsprozess des Waldes. Jedoch besteht die Befürchtung, dass die regierende AKP die Brandflächen für neue Bauprojekte oder den Abbau von Kohle nutzen möchte. Bereits im letzten Jahr erklärte die Nichtregierungsorganisation TEMA, die sich für Wiederaufforstung einsetzt, dass 59 Prozent der Region Muğla für den Bergbau lizenziert seien. Da einige Umweltaktivisten nun sogar spekulieren, dass die Feuer absichtlich nicht gelöscht wurden, um die Flächen nutzbar zu machen, fordern sie die Rücknahme der Bergbaulizenzen. Das Misstrauen gegenüber den Ankündigungen der Regierung, die verbrannten Regionen aufzuforsten, beruht auf Erfahrungen nach den Waldbränden von 2007: Damals hatte die AKP ebenfalls versprochen, die Flächen nicht zu bebauen, neun Jahre später eröffnete an jenem Ort das Titanic Deluxe Bodrum Hotel.

Auch in Griechenland und anderen Mittelmeerländern werden aktuell Temperaturen weit über 40 Grad gemessen und die extreme Hitze führt vielerorts zu Waldbränden. Für diese Auswirkungen des Klimawandels sind jedoch nicht allein die Regierungen dieser Länder verantwortlich, sondern sie sind Teil einer globalen Politik, die zu Bränden und massiven Überflutungen führt. Langfristig verhindert werden können sie nur durch eine Klimapolitik, die nicht auf kurzzeitigen Profitinteressen beruht.

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