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Ganz flott in die Normalität

In 35 Tagen wieder Rennsteiglauf / nd-Team mittendrin

  • Von MICHAEL MÜLLER
  • Lesedauer: 3 Min.
Ganz flott in die Normalität

Das (Archiv-)Foto auf dieser Seite fällt leicht aus dem Zeitrahmen. Zumindest erscheint es für den Spätsommer 2021 etwas zu normal. Lässt es doch jene stringente Kontaktferne vermissen, die uns staatlich sowie allermeist auch von uns selbst wegen der Coronaseuche auferlegt wurde. Aber es ist durchaus ein Foto, das Hoffnung machen kann. Vielleicht sogar jenen, für die solch ein Gewusel auch ohne Corona ein bisschen zu viel an Normalität wäre.

Dieses Foto wird es so beim Start des 48. GutsMuths-Rennsteiglauf am Wochenende vom 2./3. Oktober nicht geben. Die Reihen dürften lichter, und das lang gestreckte Läuferfeld wird auch per Teleobjektiv nicht so zu verdichten sein. Startmeldungszahlen bis fast um die 20 000 sind diesmal nicht in Sicht. Doch die 8000 könnte, heute, 35 Tage vor dem Start, schon erreicht sein; mittendrin, wie längst üblich, auch das Team »neues deutschland«.

2020 war das Sport-Hochfest entlang des Kammweges des Thüringer Waldes coronabedingt ausgefallen, in diesem Jahr vom üblichen Maitermin auf Herbst verschoben worden. Nun sind die Zeiten normaler geworden. Und zu dieser Normalität gehört im Lande ganz selbstverständlich auch diese für den Osten so traditionsreiche wie symbolträchtige Breitensportveranstaltung. Nicht nur, weil das Laufen gesund ist. Sondern auch wegen ideeller Werte, für die dieses Crossrennen steht: Mut zu neuen Wegen und Zielen, Realitätssinn, sie zu erreichen, selbst wenn das abenteuerlich erscheint, Gemeinschaftsgeist und Solidarität.

Von all dem müssen am 12. Mai 1973 auch drei Jenenser Sportstudenten und ihr Dozent (nebst Professor im Hintergrund) irgendwie beseelt gewesen sein. Die vier wurden damals mit ihrem Premiersstart zu den Laufpfadfindern des Rennsteigs. Hunderttausende sollten ihren Spuren folgen.

Es gibt viele Denkansätze, warum sich das Kleine zum ganz Großen entwickelte. Grundsätzlich wohl deshalb, weil es einem neuen Zeitgeist entsprach, der sich seit den 60ern weltweit in der Jugend entwickelte. In ihren Zielen und ihren Beziehungen, besonders spürbar in Musik, Literatur und ihren Aktionen. Der US-indische »Peace-Run«-Initiator Sri Chinmoy prägte die Formel »Laufe und werde - werde und laufe!«. Für die führenden DDR-Sportfunktionäre klang das, vorsichtig formuliert, ideologiefremd. Und aus ihrer Sicht zudem überflüssig, da doch im Lande nicht nur Spitzensport, sondern auch Volkssport bestens organisiert schien. Aber von dem aufkommenden zwanglosen Jogging ging eine grenzübergreifende Magie aus. Deren wachsender Stellenwert wurde staatlicherseits zu DDR-Zeiten wenigstens im Bezirk Suhl erkannt. Von Sportvereinen bis zu Schulen, von Freiwilliger Feuerwehr bis zu den Forstbetrieben, von Gemeindevertretungen bis letztlich zur SED-Bezirksleitung.

Aus solcher regionaler Bodenständigkeit wuchs der Rennsteiglauf zum einzigen »ungeplanten« DDR-Großsportereignis heran. Es erforderte bei den Veranstaltern wie bei den jährlich Abertausenden Starterinnen und Startern viel Ideenreichtum und Durchhaltevermögen. Beides sorgte nach 1990 maßgeblich dafür, dass der Rennsteiglauf die einzige echte DDR-Großsportveranstaltung blieb, die in der Bundesrepublik nicht platt gemacht werden konnte. Inzwischen gilt sie in der internationalen Szene als schönster und härtester Massencross Europas. Auch das sollte Normalität bleiben.

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