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England wartet auf die nächste Welle

Mit Schulbeginn werden höhere Zahlen erwartet, wie schon zuvor in Schottland

  • Von Peter Stäuber, London
  • Lesedauer: 4 Min.

Zuweilen hatte man in den vergangenen Wochen das Gefühl, als hätten die Briten die Pandemie vergessen. Zwar verzeichnet das Land seit geraumer Zeit die höchsten Fallzahlen Europas, aber Covid macht dennoch kaum Schlagzeilen. Das Leben geht praktisch normal weiter, die Pubs sind gefüllt, in den Nachtclubs wird getanzt. Das könnte sich aber bald ändern. Am Mittwoch hat in den meisten englischen Schulen nach langer Sommerpause wieder der Unterricht begonnen - und Experten warnen vor einem baldigen Anstieg der Infektionszahlen.

Dass die Briten die Pandemie derzeit so locker sehen, dürfte vor allem damit zu tun haben, dass die Warnungen vor einem exponentiellen Anstieg der Infektionszahlen stark überrissen waren: Mitte Juli hatten Experten prognostiziert, dass man bald mit mindestens 100 000 Neuinfektionen pro Tag rechnen müsse. Aber seit Wochen bewegt sich die Zahl zwischen 25 000 und 35 000, die 7-Tage-Inzidenz liegt bei etwa 350 Fällen pro 100 000 Einwohner. Im europäischen Vergleich ist das zwar viel, aber es ist keine Riesenwelle.

Auch wird dank dem Impfprogramm - über 64 Prozent der Briten sind doppelt geimpft - nur ein Bruchteil der Patienten ins Krankenhaus eingeliefert wie vor Beginn der Immunisierungskampagne. Gleiches gilt für die Sterberate. Im Januar und Februar starben an vielen Tagen über 1000 Menschen an den Folgen von Covid; heute sind es rund ein Zehntel davon. Neil Ferguson, Immunologe vom Imperial College London, sagte bereits vor über einem Monat: »Ich bin überzeugt, dass wir im späten September oder Oktober den größten Teil der Pandemie hinter uns haben.«

Aber an solchen Einschätzungen werden zunehmend Zweifel geäußert. Die wissenschaftlichen Berater der Regierung sagten, es sei »sehr wahrscheinlich«, dass Ende September hohe Fallzahlen in englischen Schulen registriert würden. Abgesehen von freiwilligen Covid-Tests für Sekundarschüler gibt es kaum Maßnahmen, um Ausbrüche im Klassenzimmer zu verhindern. Lehrer und Rektoren befürchten denn auch eine Rückkehr zur Situation vor den Sommerferien, als sich die Delta-Variante in Schulen schnell ausbreitete. Zahllose Schulen mussten schließen, weil so viele Kinder in die Quarantäne geschickt wurden.

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Besonders Grundschüler sind einem Risiko ausgesetzt. »Die Kinder sind nicht geimpft, sie werden nicht regelmäßig getestet, und sie sind nicht immun«, sagte Michael Tidd, Rektor einer Grundschule, gegenüber dem »Independent«. In Großbritannien kann man sich bislang nur ab 16 Jahren impfen lassen, und das erst seit etwas über einer Woche. Am Samstag kündigte die Regierung an, dass sich der Gesundheitsdienst NHS darauf vorbereiten solle, bald auch Kinder ab zwölf Jahren zu impfen. »Wir müssen so schnell wie möglich mit diesen Impfungen beginnen«, ließ das Gesundheitsministerium verlauten. Aber wann das Programm beginnen soll, ist bislang noch nicht klar.

Was auf England zukommen könnte, sieht man derzeit in Schottland. Nachdem die dortige Regierung am 9. August praktisch alle Covid-Beschränkungen abgebaut hatte, stieg die Zahl der Neuinfektionen sprunghaft an. Die Fallzahlen verdoppelten sich jede Woche. Am Sonntag wurden über 7000 Fälle registriert - der Rekord seit Beginn der Pandemie. Die Öffnung der schottischen Schulen vor über zwei Wochen hat die Ausbreitung teilweise befeuert, sagte John Swinney, stellvertretender Erster Minister Schottlands: »Das sieht man etwa am Anteil an jungen Menschen, die positiv testen.«

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Die Situation in Schottland sei ein »warnendes Beispiel« dafür, was passiert, wenn Covid-Beschränkungen fallen gelassen werden und Schulen ohne Eindämmungsmaßnahmen geöffnet werden, sagte die Epidemiologin Deepti Gurdasani von der Queen Mary Universität in London. Das gelte insbesondere, wenn der R-Wert, also der Reproduktionswert des Coronavirus, bereits über 1 liege - was in England bereits der Fall ist. »Wir können in England bald Schlimmeres erwarten«, sagte Gurdasani.

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