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Die Bürde der Erinnerung

Wenn Männer in der Kindheit geschlagen wurden, lässt sie das oft ihr Leben lang nicht los

  • Von Andreas Boueke
  • Lesedauer: 10 Min.
Vielen Männern fällt es schwer, sich als Opfer zu akzeptieren.
Vielen Männern fällt es schwer, sich als Opfer zu akzeptieren.

Wenn Michael Pieper abends im Dunkeln nach Hause kam, ahnte er schon, dass seine Mutter aus der Küche rufen würde: »Kommste wieder so spät?« Meist antwortete er nicht. »Dann ging es richtig los«, erinnert sich der schlanke Mann an seine Kindheit. »Da gab es keine großartigen Verhöre. Sie schoss ins Zimmer mit dem Knüppel und schlug zu. Ich konnte gar nicht so schnell reagieren.«

Die wachen Augen des 59-jährigen Mannes schweifen über eine kleine Küche und ein akkurat aufgeräumtes Wohnzimmer. Er ist stolz auf seine Wohnung im Norden der Stadt Essen. »Das habe ich mir alles selbst aufgebaut«, sagt er. Die Fächer hinter den Glasscheibentüren des größten Schranks sind voller Erinnerungsstücke und Kleinkram. Im Laufe der Jahrzehnte haben sich viele Dinge angesammelt. Früher, in seiner Kindheit, war das anders. Damals besaß er fast nichts. »Ich war nie zu Hause«, erinnert er sich. »Daheim habe ich mich nicht wohlgefühlt. Meine Eltern wollten, dass ich so bin wie sie. Das waren Spießer. Das konnte nicht gut gehen.«

Michael Pieper wurde im Jahr 1962 unmittelbar nach seiner Geburt adoptiert. Die biologische Mutter war Polin. Als Vierjähriger fragte er mal, ob er die Frau kennenlernen könne. »Da ist meine Mutter von der Nähmaschine aufgesprungen. Draußen war ein Sauwetter, strömender Regen. Sie packte mich am Kragen, raus vor die Tür. Ich solle doch gehen, hat sie gesagt. Als die Nachbarn sahen, wie ich da im Regen stand, fragten sie: ›Ja Micha, was soll denn das? Du musst doch rein.‹ Da hat meine Mutter gebrüllt: ›Der will nach seine leibliche Mutter hin.‹ Tür wieder zu, und ich blieb in der Kälte stehen.«

Besonders streng war Michaels Großvater. »Was der sagte, wurde gemacht. Es gab viel Dresche und ständig Verbote. Auch meine Mutter litt unter ihm und meine Oma. Die mussten reagieren, wenn er pfiff.« Er steht auf, drückt das Rückgrat durch, schiebt seine Brust nach vorne und stößt einen schrillen, klaren Pfiff aus. »Da mussten alle strammstehen.«

Der Psychologe und Buchautor Björn Süfke beschäftigt sich seit Jahren mit den anhaltenden psychischen Konsequenzen von Gewalterfahrungen, die Männer in ihrer Kindheit gemacht haben. »Sehr viele Jungen erleben massive Gewalt in ganz unterschiedlichen Kontexten. Manche werden im eigenen Elternhaus verprügelt, oder sie werden auf der Straße von anderen Jungen drangsaliert. Ich denke, es ist eher eine Minderheit von Männern, die keine solchen Erfahrungen gemacht haben.«

Viele Umfragen zeigen: Die Mehrheit der Männer in Deutschland hat irgendwelche Formen von Gewalterfahrungen gemacht. Rund zwei von fünf Männern sind in der Kindheit von ihren Eltern geschlagen worden. Töchter erleben solche Gewalt deutlich seltener. Das geschieht in Deutschland, obwohl das Bürgerliche Gesetzbuch eindeutig ist: »Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.«

Schläge schaden der Persönlichkeitsentwicklung. Sie beeinträchtigen die Entstehung von Mitgefühl und die Sensibilität für eigene Bedürfnisse. Aus Angst und Wut kann der Wunsch nach Rache entstehen, der sich später gegen andere oder gegen sich selbst richtet. Zudem werden geschlagene Kinder gezwungen, unlogische Argumente zu akzeptieren. Sie hören: »Es ist gut für deine Erziehung, wenn ich dich schlage.« So lernen sie, Schmerzen und Demütigungen als hilfreich zu begreifen. Das führt zu einer Desensibilisierung, die nicht selten generationsübergreifende Wirkung hat. »Meine Mutter hat denselben Rohrstock von früher genutzt, mit dem schon ihr Bruder Dresche gekriegt hat«, erzählt Michael Pieper. »Der lag immer bei meinem Opa im Kleiderschrank. Wenn ich irgendwas Blödes gesagt habe, das ihm nicht passte, brauchte er nur zu pfeifen und sie kam hoch. Er sagte dann immer: ›Der Junge muss endlich mal Strenge erfahren.‹ Und sie schlug zu.«

Michael Pieper war ein stilles, in sich gekehrtes Kind. Er fühlte sich oft einsam. Nicht nur die Schläge taten weh. »Da ist auch das Seelische. Ich hatte kein Selbstbewusstsein und habe mich immer geschämt. Meine Mutter hat mich noch geschlagen, als ich schon viel größer und stärker war als sie. Einerseits musste ich mich bücken und andererseits forderte mein Opa: ›Ein richtiger Mann muss stark sein.‹ So ein Schwachsinn.«

Als Erwachsener wollte er die Gefühle der Ohnmacht überwinden. »Männer und Gefühle, dieses Thema ist geprägt von einer großen Leere«, sagt der Psychotherapeut Björn Süfke. »Nicht, weil da tatsächlich eine Leere wäre. Die Gefühle haben wir genauso wie Frauen. Aber uns Männern ist es ein Leben lang abtrainiert worden, auf unsere Gefühle zu hören, traurig sein zu dürfen, ängstlich sein zu dürfen.«

Michael Pieper hatte oft Angst. Sein Großvater drohte, er werde ihn ins Heim bringen. »Das wollte ich nicht. Die Verhältnisse dort waren furchtbar. Mir wurde ständig eingetrichtert, dass es da streng sei, dass ich dort auch geschlagen würde und sich niemand um mich kümmern würde.«

Verdrängte Erinnerungen

Der Vater spielte keine große Rolle in Michael Piepers Leben. Er war Geschäftsmann und selten daheim. Die Familie lebte in einem Reihenhaus. Als die Mutter wegen Hüftproblemen nicht mehr die Treppe hochkam, mussten sie umziehen. »Und dann hat uns die Stadt Bochum ein Haus angedreht, das auf einem Grundstück eines Altlastengebiets gebaut worden war. Niemand hatte uns gesagt, dass da früher eine Kokerei gewesen war. Kadmium, Quecksilber, alles Mögliche war da im Boden. Mit der Feuchtigkeit haben sich die Chemikalien im ganzen Haus verteilt. Vor allem der Keller war völlig verseucht. Ich hatte Quecksilber im Blut und habe mich immer scheiße gefühlt.«

Nach seinem 18. Geburtstag begann er, Widerstand zu leisten, dachte oft darüber nach, wohin er abhauen könnte. Doch dann bekam der Vater Parkinson, womöglich wegen des Quecksilbers, und er musste die Familie unterstützen. »Aber mein Gesicht war immer knallrot. Ich kriegte keine Arbeit. In den Vorstellungsgesprächen ging es immer nur um mein Äußeres. Erst als wir endlich wieder umzogen, wurde es besser. Aber später bekam ich dann noch einen Schlaganfall.«

Die gesundheitlichen Probleme verletzten Michaels Piepers Selbstbewusstsein weiter. »Für Männer ist es schwierig, schwach und krank zu sein«, sagt Björn Süfke: »Wenn sich ein Mann hilflos fühlt, fällt es ihm meist sehr schwer, dass anzuerkennen. Für viele ist es das Schlimmste, ihre eigene Situation nicht ändern zu können.« In therapeutischen Gesprächen versucht er, seinen Klienten deutlich zu machen, dass auch sie sich als Opfer von Misshandlung sehen dürfen. »Aber das gelingt oft nicht. Häufig ist die Scham zu groß. Vielen Männern fällt es leichter, einzugestehen, dass sie mal Täter waren, als dass sie Opfer sind. Das ist zwar mit mehr Schuld verbunden, aber die Rolle als Opfer widerspricht völlig dem traditionellen Bild von Männlichkeit.«

Die Erinnerungen an die Gewalt in seiner Kindheit hat Michael Pieper lange verdrängt. »Das ist eine typische Reaktion von Männern«, meint Björn Süfke. »Der wichtigste Schritt ist, über das Erlebte zu sprechen. In vielen Fällen liegt die Gewalt 30, 40 Jahre zurück.«

Heute gibt es Beratungsangebote für Männer. »Wenn es früher schon ein Männertelefon gegeben hätte, dann hätte mir das sehr geholfen«, bedauert Michael Pieper. »Dann wäre ich schneller selbstbewusster geworden und hätte mir Hilfe gesucht. Ich hätte auch mal ein tröstendes Wort gehört. Ich saß ja jahrelang da und war nur verzweifelt.«

Erst als der Großvater starb und wenig später auch der Vater, gelang es ihm, diese Verzweiflung zu überwinden. »Da war ich plötzlich der Herr im Haus. Das hat mich erwachsen werden lassen.« Heute ruft Michael Pieper ab und zu ein Männertelefon an. »Da wirst du wirklich verstanden. Die nehmen sich auch Zeit. Dann dauert ein Gespräch halt mal zwei Stunden. Dann kullern auch die Tränen. Dann merkt man: Jetzt kann es weitergehen.«

Auch bei dem Psychotherapeuten Björn Süfke lösen solche Gespräche Gefühle der Befreiung aus. »Für mich ist es ein Erfolg, wenn ein Mann, der in seiner Kindheit Gewalt erlebt hat, zum ersten Mal darüber spricht. Vielleicht kann ich ihn dazu motivieren, sich weitere Hilfe zu holen, damit er die letzten Jahre seines Lebens ein bisschen unbeschwerter leben kann.«

Andere Männer setzen sich früher mit ihren Erinnerungen an prügelnde Eltern auseinander. Ein 25-jähriger Student möchte seinen Namen nicht nennen. Vor Kurzem hat er sich entschieden, seinen Vater anzuzeigen. Nennen wir ihn Dominik Hanser. »Der erste Schlag, an den ich mich erinnere, war eine Ohrfeige. Außerdem habe ich oft gesehen, wie er meine Mutter schlug. Gewalt war immer da. Wenn er im Haus war, hatte ich immer Angst.«

Für Dominik Hansers Vater war es offenbar befriedigend, seinen Sohn mit Gewalt zu erschrecken. Er versteckte sich hinter Türen, um ihn von hinten mit Schlägen zu attackieren. »Oder er weckte mich im Schlaf und fügte mir heftige Schmerzen zu, einfach so. Einmal hatte ich eine alte Scheibe Brot in den Müll geworfen. Da hat er mich gepackt und gewürgt, bis ich anfing zu zappeln. Selbst dann ließ er nicht los. Ich dachte, ich sterbe.«

Bis heute wirkt Dominik Hanser oft panisch. Ständig schaut er sich um, fühlt sich beobachtet. Er ist lieber draußen als in Räumen, weil er im Freien besser Menschen ausweichen kann. Jahrelang hat er sich gefragt, warum sein Vater so brutal war. Heute kennt er die Antwort: »Er ist psychisch krank, hat eine Borderline-Persönlichkeitsstörung. Aber anstatt sich behandeln zu lassen, lässt er das an seiner Familie aus. Alle müssen gehorchen.«

Auch Dominik Hansers Vater ist als Kind wohl geschlagen worden. Für Kinder ist Gewalt immer traumatisierend, vor allem wenn sie selbst Opfer sind. Als Erwachsene sind sie dann besonders anfällig für psychische Erkrankungen. Statistisch betrachtet ist es viel wahrscheinlicher, dass Männer Gewalt erleben, als Frauen. Das gilt besonders für die Kindheit und durch die eigenen Eltern.

Dominik Hansers Tortur hörte plötzlich auf, als sein Vater die Familie verließ. Heute sieht er ihn als einen Täter. »Ich habe gemerkt, dass er sich nicht verändert hat. Er hat jetzt eine neue Frau und ein weiteres Kind. Ich habe gesehen, dass er bei meinem Halbbruder dasselbe macht. Da kamen die Erinnerungen wieder hoch.«

Er fasste den Entschluss, seinen Vater anzuzeigen. Der erste Schritt war ein Anruf beim Weißen Ring, der Hilfsorganisation für Verbrechensopfer. So lernte er Wigbert Münsterteicher kennen, einen von 3000 ehrenamtlichen Mitarbeitern des Weissen Rings. Der Pensionär nahm sich Zeit: »Wir redeten viel darüber, was passiert, wenn er zur Polizei geht. Irgendwann hat er es wirklich getan. Die Anzeige hat ihn sehr erleichtert.« Der Weiße Ring stellte Dominik Hanser einen Anwalt zur Seite. Seither ist es sein wichtigstes Ziel, seinen Halbbruder zu schützen. »Ich fühle mich verantwortlich für ihn, weil ich genau weiß, was er durchmacht. Er ist erst elf Jahre alt und glaubt, es sei normal, geschlagen zu werden. Das hat er mir so gesagt.«

Dem Halbbruder helfen

Heute kann Dominik Hanser etwas tun. Als Kind war er machtlos. »Mein Halbbruder ist für mich wie ein Spiegel. Wenn ich ihn sehe, dann sehe ich, was ich erlebt habe. Deshalb will ich nicht weiter schweigen. Für mich ist es wichtig, nicht wegzugucken.«

Vorsätzliche Körperverletzung kann mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe geahndet werden. Auch wer zusieht und nicht eingreift, macht sich strafbar. Zwar sind die Misshandlungen, die Dominik Hanser erfahren hat, längst verjährt, aber seine Anzeige kann dazu beitragen, dass die Situation seines Halbbruders vom Jugendamt und von einem Richter genauer betrachtet wird. Durch seine Erinnerungen an die eigene Kindheit werden die aktuellen Vorwürfe glaubwürdiger.

Wigbert Münsterteicher ist froh, dass er in diesem Fall nicht nur einem Opfer vergangener Gewalttaten helfen kann, sondern hoffentlich auch weitere Misshandlungen an einem Kind verhindert. »Ich habe gestern noch mit ihm telefoniert. Seit der Anzeige tritt er ganz anders auf. Er ist viel ausgeglichener und blickt positiv auf seine Zukunft. Das ist schön zu beobachten.«

Dominik Hanser will, dass sein Vater bestraft wird. Aber danach möchte er die Bürde der Erinnerung bald hinter sich lassen. Am liebsten würde er alles vergessen. »Aber das geht nicht«, sagt er. »Auch weil es ja immer weiter geht mit der Gewalt. Ich glaube, hinter den Wohnungstüren in Deutschland passiert viel mehr, als man sich vorstellt. Da werden Kinder misshandelt und gequält. Ja klar.«

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