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  • »The Secrets We Keep«

Der Nazi von damals

Wenn ein Film am selbst gesetzten Anspruch scheitert: Der Thriller »The Secrets We Keep«

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 4 Min.
Noomi Rapace und Chris Messina in »The Secrets We Keep«
Noomi Rapace und Chris Messina in »The Secrets We Keep«

Filme, die so gar nicht funktionieren, können manchmal auch sehr aufschlussreich sein. An einem Beispiel aus der Akademie verdeutlicht: Es wird wahrscheinlich zu viel Gewicht auf Kanonisches und allgemein Anerkanntes, Gelungenes gelegt, wenn man Studierenden zeigen will, wie Filme gebaut sind und sich analysieren lassen. Am Misslungenen aber lässt sich manchmal ebenso prägnant verdeutlichen, woran es liegt, wenn ein Film am selbst gesetzten Anspruch scheitert.

Der Thriller »The Secrets We Keep« ist so ein Beispiel. Die Plotidee ist gut: Die Rumänin Maja (Noomi Rapace, die mit eiserner Disziplin gegen das Rumgegurke anspielt, das sie umgibt) ist nach Ende des Zweiten Weltkriegs in die USA gekommen und hat dort den Arzt Lewis (Chris Messina) geheiratet. 15 Jahre nach Kriegsende meint Maja in einem Nachbarn einen der Deutschen wiederzuerkennen, die sie und ihre Schwester überfallen und vergewaltigt haben. Sie entführt den Mann (Joel Kinnaman), der sich Thomas Steinmann nennt und mit seiner Familie erstaunlicherweise direkt in die Nachbarschaft des bis dahin recht glücklichen Paares gezogen ist. Maja sperrt Thomas in den Keller und versucht, ihm ein Geständnis abzupressen.

Wer in seinem Leben zwei, drei psychologisch interessierte Thriller gesehen hat, sieht diesem Film schnell an, was er eigentlich sein will. Alles da: Der Zuschauer soll eigentlich in Unklarheit darüber gelassen werden, ob Maja, schwer traumatisiert und von Albträumen geplagt, sich irrt. Ihr Mann soll als Medium dieses Zweifels fungieren. Und die zumindest im Vergleich zum übrigen Geschehen noch halbwegs plausible Volte, dass Maja sich mit der Frau von Thomas, Rachel (Amy Seimetz), anfreundet, dient der Emotionalisierung.

Das Interessante an »The Secrets We Keep« ist, mit welcher traumwandlerischen Konsequenz der Film alles, was er vorhat, versemmelt. Es ist wirklich lehrbuchhaft, auch weil das Drehbuch von Regisseur Yuval Adler und seinem Co-Autor Ryan Covington sich großzügig bei Roman Polanskis 1994 erschienenem Film »Der Tod und das Mädchen« beziehungsweise der gleichnamigen Theatervorlage von Ariel Dorfman bedient. »Der Tod und das Mädchen« entfaltete in einem Kammerspiel ein Drama um die Möglichkeiten des Weiterlebens nach dem Ende der Pinochet-Diktatur in Chile.

Alles, was Dorfmans Stück und Polanski in seiner Verfilmung unternehmen, um das Geschehen psychologisch und eben auch schlicht logisch zu plausibilisieren, geht in »The Secrets We Keep« schief. Dass man einem Folterer im gleichen Land wieder begegnet, ist nicht nur möglich, sondern auch geschehen in Chile. Dass ein deutscher Nazi sich eine Schweizer Identität zulegt, um dann in den USA ein neues Leben zu beginnen und eine jüdische Frau zu heiraten, geht noch an. Dass der Nazi nicht nur ins selbe Land flieht, sondern zufällig auch in dieselbe Kleinstadt und nur drei, vier Häuserblocks neben sein früheres Opfer zieht, ist dann doch ein bisschen arg.

Mit dieser Prämisse ist es noch erstaunlicher als eh schon, dass Lewis von Anfang an engagiert dabei ist. Zwar zweifelt Majas Mann immer wieder mal an der Urteilskraft seiner Frau und fällt ihr auch mal in den Arm, bleibt aber letzten Endes konstant am Ball; auch dann noch, als Maja mit der Zange auf ihr Opfer losgeht. In Polanskis Film ringen die Eheleute um Wahrheit, mit- und gegeneinander und mit offenem Ausgang, und das mit einer inszenatorischen Präzision, die noch die kleinste Regung und jede Ambivalenz analytisch fasst und nachvollziehbar macht.

Zu guter Letzt vergeigt »The Secrets We Keep« noch die rudimentärsten Spannungsmomente. Ein Polizist, der mal nachschauen will wegen der Hilfeschreie, ob alles mit rechten Dingen zugeht, agiert, als sei er blind und taub. Die Momente, in denen Thomas fast entkommt, sind erstaunlich leidenschaftslos inszeniert. Und die Auflösung im Finale sieht man nach etwa einer halben Stunde Laufzeit vorweg.

Der direkte Vergleich beider Filme ist wirklich lehrbuchartig; ungerecht ist er nicht, wenn man sich vor Augen führt, wie ausgiebig sich das Drehbuch beim großen Vorbild bedient. Insofern lohnt sich »The Secrets We Keep« allemal. Wenn man aber einen spannenden Thriller sehen will, der den realen Traumata, von denen er erzählt, filmisch gerecht wird, sollte man sich lieber, zum ersten Mal oder erneut, »Der Tod und das Mädchen« ansehen.

»The Secrets We Keep – Schatten der Vergangenheit«: USA 2020. Regie: Yuval Adler. Mit: Noomi Rapace, Joel Kinnaman, Chris Messina und Amy Seimetz. 97 Min. Ab 10. September als DVD.

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