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Eine Wanderung in aller Demut

Vor 30 Jahren wurde Ötzi an der Grenze Italien/Österreich entdeckt. Zur Fundstelle geht man am besten bei Schnee und Regen, wie einst der Eiszeit-Jäger

  • Von Christian Schreiber
  • Lesedauer: 6 Min.

Der Wind bläst Eiskügelchen ins Gesicht, wir stapfen durch knöcheltiefen Schnee. Im Kalender steht, dass eigentlich Sommer ist. Die Bedingungen, um den berühmtesten Tatort der Alpen zu erkunden, könnten besser sein. Wir sind auf Tour im Tiroler Ötztal jenseits der 3000-Meter-Grenze. Es ist Anfang August 2021, Wintereinbruch in den Hochalpen!

Vor 30 Jahren war hier ein Ehepaar aus Nürnberg unterwegs, das einen einmaligen Fund machte: Es entdeckte am 19. September 1991 eine Gletscherleiche. Ötzi. Weltsensation. Zum Jubiläum wollen wir den Fundort auf 3200 Metern besuchen, den Ort sehen, wo Ötzi ermordet wurde. Wo er 5300 Jahre lag, wo Wissenschaftler sein Werkzeug, seine Klamotten, sein Hab und Gut freilegten und dadurch sensationelle Erkenntnisse gewannen. Doch bald schon merken wir: Diese Wanderung führt uns nicht nur zu diesem historischen Ort, sondern zurück zu uns selbst und zum Wesentlichen. Sie öffnet uns die Augen, zeigt uns, welchen Luxusstatus wir Menschen auf der Erde erreicht haben. Wie groß unser Überfluss ist. Dass es für uns längst nicht mehr ums Überleben, sondern nur noch ums Erleben geht.

Aber der Reihe nach: Es fängt nasskalt an, als wir in Vent, das immerhin schon auf knapp 2000 Metern liegt, starten. Jacke raus, Regenhose an, Schirm auf. Die ersten Meter sind zäh, die Laune so mies wie die Vorhersage: Temperatursturz, Eis, Schnee. Doch Schritt für Schritt verändert sich die Gemütslage. Erst ist es nur ein aberwitziger Gedanke, aber dann reift er zur vollen Erkenntnis: Es kann nur ein Wetter geben, um diese Tour zu machen. Sauwetter. Regen, Schnee, Kälte, Wind, Nebel. Nur so kann man sich Ötzi halbwegs nähern. Einem Menschen, der vor 5300 Jahren im lebensfeindlichen Hochgebirge unterwegs war. Ohne Handy und Wettervorhersage. Er hatte einen Regenumhang aus Binsengräsern, eine Art Strumpfhose aus Ziegenleder, einen Mantel aus Schafhaut, Bärenfellschuhe, die mit Lindenbast isoliert waren. Ötzi trug glühende Holzkohle-Stücke mit sich, um bei Bedarf schnell ein Feuer machen zu können. Wenn die Sache schief ging, konnte es unter Umständen Tage dauern, ein neues Feuer zu entfachen.

Und wir? Trotten in Goretex-Schuhen durch den Regen, haben ein zweites Paar Wärmesocken im Rucksack, falls die Füße doch nass werden. Wenn es anfängt zu stürmen, ziehen wir eine Windschutzjacke über die Daunenweste. Der Rucksack ist gefüllt mit Tee, Nüssen, Brot, Käse und Würstchen, mit denen eine Großfamilie locker ein Wochenende im Gebirge durchkommen würde. Dennoch kehren wir in der Ernst-Busch-Hütte ein und bestellen Nudelsuppe. In der warmen, geschützten Stube schweifen die Gedanken immer wieder ab. Was hätte Ötzi gemacht? Er musste sich irgendwo Unterschlupf suchen, vielleicht unter einem Felsen, und hoffen, dass sich das Wetter bessert.

Als wir die Hütte verlassen, regnet es immer noch ziemlich stark. Aber mittlerweile bereitet jeder Regentropfen Vergnügen. Wer an Ötzi und sein lausiges Leben denkt, lässt sich nicht mehr aus der Ruhe bringen von Wasser, das an Softshelljacken abperlt. Der Regenschirm bockt, weil der Wind eine Strebe verbogen hat. Egal, es ist nur noch eine Stunde am rauschenden Niederjochbach entlang und final steil über die Moräne hoch zur Similaunhütte, wo wir die Nacht verbringen werden.

Als wir die Türe aufstoßen, schlägt uns der Mief verschwitzter Socken und Shirts entgegen. Wir sind sicher, Ötzi hätte sich nicht daran gestört. Er wäre sprachlos gewesen, dass es auf 3000 Meter ein Haus mit fließend warmem Wasser zum Duschen gibt, in dem er für einen kleinen Obolus ein feines Drei-Gänge-Menü und für die Nacht so viele Decken bekommt, dass er garantiert nicht frieren muss.

Abends sitzen die Gäste beisammen, trinken Edelvernatsch aus Südtirol und erkundigen sich bei Hüttenwirt Markus Pirpamer nach den Aussichten für morgen und nach Ötzi. Immerhin war Markus der erste Mensch nach dem Nürnberger Ehepaar, der die Gletscherleiche im Eis liegen sah. »Das war schon spannend. Es war ein Wetter wie heute. Nebel, Regen und dann der Ötzi.« Der Hüttenwirt deckte die Leiche mit einer Plastikplane, Schnee- und Eisresten zu. »Nie und nimmer denkt man, dass der tote Mensch 5000 Jahre alt ist.« Markus meldete den Fund den Behörden in Österreich und Italien, denn es war nicht klar, auf welcher Seite der Leichnam liegt. In der Folge entbrennt darüber sogar ein Streit. Letztlich kriegen die Südtiroler die Eismumie. Ötzi ist heute in einem Museum in Bozen ausgestellt.

Für den Hüttenwirt beginnen nach dem Fund turbulente Tage. Er ist bei der Bergung mit dabei, legt sogar noch das Kupferbeil von Ötzi, heute eines der wichtigsten Utensilien für die Wissenschaftler, mit in den Hubschrauber. »Ich wollte es sichern, damit man es untersuchen kann.« Später stellt sich heraus, dass es zunächst bei den Bergsteiger-Fundsachen im Ötztal gelandet ist. Eines Morgens kreisen fünf Hubschrauber um die Similaun-Hütte. Die Medien haben mitbekommen, dass sich eine Weltsensation anbahnt. Ein Journalist steigt gar über Nacht zu Markus auf und klopft morgens an die Türe, um Informationen zu bekommen. Die Südtiroler Extrembergsteiger Hans Kammerlander und Reinhold Messner kommen und wollen Ötzi sehen. Dem Wirt ist der Trubel zu viel. Er hat Wichtigeres zu tun. Es ist höchste Zeit, die Hütte winterdicht zu machen und ins Tal abzusteigen. Schließlich zieht spätestens Anfang Oktober der Winter rund um die Similaun-Hütte ein.

Manchmal gibt er aber auch schon im August ein Gastspiel. Bei unserer Tour liegen morgens 20 Zentimeter frischer Schnee. Dennoch machen sich einige Seilschaften bereit, um über den Gletscher den 3599 Meter hohen Similaun zu besteigen. Vorneweg geht jeweils ein Bergführer. Wieder so ein Beispiel, wie leicht wir es heute haben: Normalos können einfach einen Guide mieten, der sie über Gletscherspalten hinweg selbst bei widrigen Bedingungen sicher auf einen hohen Berg und wieder runterbringt. Ötzi war mit großer Wahrscheinlichkeit allein unterwegs, musste sich auf seine Erfahrung und seinen Instinkt verlassen. Es gab niemanden, der ihm den Weg zeigte, oder ihn in schwierigem Gelände ans Seil nahm.

Auch wir haben mit Barbara Haid jemanden an unserer Seite, der uns sicher zur Fundstelle und wieder ins Tal geleiten soll. Barbaras mittlerweile verstorbener Vater zählte ebenfalls zu den Menschen, die Ötzi noch im Eis liegen sahen. Er hat auch Bücher zum Thema verfasst. Barbara hat sich immer wieder gefragt, was Ötzi wohl dort oben wollte. Die Wissenschaftler sind sich in dieser Frage nicht einig. »Ich denke, er war Hirte, Jäger und Händler in einem.« Der Aufstieg von der Hütte zur Fundstelle ist bei winterlichen Bedingungen nicht ganz einfach. Die Felsen sind glatt, man ist froh, dass an schwierigen Stellen Seile hängen, an denen man sich festhalten kann.

Die Ötzi-Momente begleiten uns auf Schritt und Tritt: Wie hat er den Weg gefunden, wenn wir uns trotz Markierungen und Wanderkarten schon so schwertun? Nahm er an kniffligen Stellen das Risiko in Kauf oder drehte er um und suchte einen anderen Weg? Als wir nach knapp zwei Stunden die Fundstelle erreichen, kommt kurz Enttäuschung auf. Es ist nur ein Steinturm als Mahnmal zu sehen. Die Worte von Hüttenwirt Markus vom Vorabend kommen uns wieder in den Sinn: »Die Leute erwarten sich mehr, alles muss immer inszeniert werden.« Aber Ötzi braucht keine Inszenierung. Wer Ötzi-Feeling haben will, wartet auf schlechtes Wetter, nimmt vielleicht auch Regenschirm und das Ersatzsocken aus dem Rucksack. Und wandert demütig los.

Die Reise wurde unterstützt von Ötztal Tourismus.

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