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  • Christian Lindner und FDP

Im Baumarkt für moderne Liberale

Ist doch nur Politik - Zur Ästhetik des Wahlkampfes

  • Von Ulrike Wagener
  • Lesedauer: 3 Min.
Die FDP ist überzeugt: Für ihre Botschaft muss man sich Zeit nehmen und gaaaanz nah rangehen.
Die FDP ist überzeugt: Für ihre Botschaft muss man sich Zeit nehmen und gaaaanz nah rangehen.

Die FDP ist die einzige Partei, die ihre Plakate so klein bedruckt, dass man den Text aus üblichem Abstand für Straßenplakate gar nicht lesen kann. Signalisieren soll uns diese überschwängliche Informationsflut wohl indirekt, was der Slogan direkt tut: »Nie gab es mehr zu tun.« Oder auch: Die Freien Demokraten haben so viel vor, das passt noch nicht mal auf ein handelsübliches Werbeplakat. Hierbei handelt es sich offenbar um die wichtigtuerische Version des Werbeklassikers vom Baumarktriesen Hornbach zu tun. Deren Spruch »Es gibt immer was zu tun« ist zwar banal – ergibt aber wenigstens Sinn.

Man kann es allerdings auch so sehen: Es gibt eine Bevölkerungsgruppe, für die gab es tatsächlich nie mehr zu tun als heute. Und das sind die jungen Menschen, die den Kalten Krieg nicht mehr erlebt haben und die der »moderne Mann« Christian Lindner mit seiner halbwegs freshen Kampagne ansprechen will. Bei den 18- bis 29-Jährigen sind die Liberalen nach aktuellen Umfragen mit 17 Prozent zweitstärkste Kraft. Und diese Zielgruppe liest das Kleingedruckte der Plakate vielleicht auch weniger auf der Straße als im Internet – wo man ranzoomen kann.

»Um Digitalisierung, Bildung, Klima, Freiheit und Wirtschaft kümmern wir uns dann morgen«, liest man dort dann vorwurfsvoll. Wer sich um all diese Themen heute schon kümmern würde? Ein hemdsärmeliger und nur locker zugeknöpfter Christian Lindner ohne Krawatte, der hochkonzentriert vor einem Stapel Akten sitzt. So viel ist liegen geblieben – und leider Gottes auch noch alles analog –, dass der Spitzenkandidat sich nun im Dämmerlicht einer Schreibtischlampe mit papiernen Aktenordnern und Büroklammern herumschlagen muss. Es ist schon spät, soll das wohl heißen, aber »wir« arbeiten an den dringlichen Themen. Und am Bildrand schimmert hoffnungsvoll die Digitalisierung. »Wie es ist, darf es nicht bleiben.«

Das Streben der FDP nach Veränderung ist zwar ein klarer Kontrapunkt zum Sträuben dagegen in der Union. Doch kommt das des Öfteren im Gewand eines Oxymorons daher. Die Liberalen wollen »schlaue Lösungen« fürs Klima – ohne die Freiheit der Autofahrer*innen einzuschränken. Sie wollen »moderne Bildung« – ohne dafür mehr Steuern einzunehmen. Und sie wollen freie Märkte – ohne ihr Immobilienvermögen an eine vermögende Familie adeliger Herkunft zu verlieren.

Die Zukunft, zu der Christian Lindner »hingehen« will, wird mit Werkzeugen aus einem Baumarkt für moderne Liberale gezaubert, in dem alles möglich ist – außer man ist arm. Vielleicht hat man sich deshalb die Kosten für Plakate im Berliner Arbeiter*innenstadtteil Wedding auch gleich gespart.

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