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Sportler gegen Touristen

  • Von Sven Goldmann
  • Lesedauer: 3 Min.
Zirkus Europa: Sportler gegen Touristen

Die Internationale des guten, schönen und aufregenden Fußballs spielt am Mittwoch in Brügge auf - im Stade Jan Breydel, wo der neureiche Paris Saint-Germain FC in die Saison der Champions League startet. Vor gar nicht so langer Zeit hätte das niemanden jenseits von Brügge und Paris interessiert. Erst recht nicht in Barcelona, der traditionellen Heimat des guten, schönen und aufregenden Fußballs. Am Mittwoch aber geben Lionel Messi, Neymar und Kylian Mbappé bei Club Brügge ihre gemeinsame Antrittsvorstellung. Wer will das schon versäumen?

Über Jahre hinweg hat der FC Barcelona für sich das Recht auf Spektakel reklamiert, aber damit ist es erst einmal vorbei. Neymar ist schon vor vier Jahren nach Paris entschwunden. In diesem Sommer zog, ungleich schmerzhafter, Messi nach. Was Barça bleibt, sind Schulden, deren genaue Höhe niemand so genau wissen will. Und es passt den Blaugrana auch nicht so recht, dass an diesem Dienstag zur Eröffnungsveranstaltung der Champions League ausgerechnet der FC Bayern im Camp Nou vorstellig wird. Zu schwer wiegt die Erinnerung an die Unzulänglichkeiten der jüngeren Vergangenheit. Auch an das 2:8 gegen die Münchner vor einem Jahr im Viertelfinale des europäischen Fußballzirkus. Das Portal »goal.es« hatte damals »ein Duell zwischen Sportlern und Touristen« ausgemacht.

Barças 2:8 von Lissabon bleibt einmalig wie das brasilianische 1:7 bei der WM 2014 gegen Deutschland. Aber dass sich da mal solch eine Kluft auftun könnte zwischen dem Stolz Kataloniens und dem Souverän aus München, hatte sich schon lange vorher angedeutet. An einem Mittwoch vor acht Jahren - als die Bayern zum Rückspiel des Halbfinales im Camp Nou gastierten. Im Frühjahr 2013 fühlte sich der FC Barcelona noch stark und glaubte ernsthaft, er könne den 4:0-Hinspielsieg der Münchner noch aufholen.

Was für ein dramatischer Selbstbetrug! Arjen Robben, Thomas Müller und ein Eigentor von Gerad Piqué bescherten den Bayern einen nie gefährdeten 3:0-Sieg. Ein einziges Mal war so etwas wie Widerstandsgeist zu spüren - später am Abend, als sich der Ordnungsdienst noch mit Monsieur Ribéry anlegte, denn irgendeiner musste ja mal durchgreifen. Der Franzose scherte sich wenig darum und tanzte weiter, wie er es zuvor mit Barças Abwehrspielern getan hatte. Diesmal allerdings mit einem Fan, der es irgendwie über die Absperrungen geschafft hatte. Ewig zerrten die Ordner am linken Arm des Flitzers; und als Ribéry endlich den rechten losließ, steckte er dem Abgeführten sein rotes Leibchen zu.

All das kam zur Aufführung unter lautstarkem Johlen des begeistert mitgehenden Münchner Anhangs. Weil Ribéry so spät noch so leidenschaftlich um eine einzelne Fanseele gekämpft hatte, machte schnell das Gerücht die Runde, es habe sich dabei um seinen Bruder gehandelt. Und wie jeder schöne Klatsch schaffte es auch dieser bis ins Fernsehen. »Mais non«, widersprach Ribéry zu noch späterer Stunde, der Mann habe nur ein bisschen Spaß haben wollen. Und er selbst auch.

Das Fachblatt »Marca« goss die Botschaft dieser Nacht von Camp Nou in den Satz: »In Europa bestimmt jetzt Deutschland.« Denn im zweiten Halbfinale hatte tags zuvor Borussia Dortmund bei Real Madrid triumphiert. Verzweiflung und Ratlosigkeit machten sich breit in Spanien. Reichte es nicht, dass diese Frau Merkel ihnen über den Euro diktierte, wie sie zu wirtschaften hätten? Mussten diese Deutschen ihnen auch noch zeigen, wie man Fußball spielt? Acht Jahre später ist es an den mit arabischem Geld alimentierten Franzosen, die Rolle des Zeremonienmeisters zu übernehmen - was die Sache nicht viel besser macht.

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