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Zeitreise auf zwei Rädern

Mit klassischen Stahlrennrädern über Schotterpisten durch Europas Hinterland - die abgespeckten Rennen schaffen sogar Einsteiger

  • Von Wolfgang Scherreiks
  • Lesedauer: 7 Min.

Ein kühler Herbstmorgen im toskanischen Städtchen Gaiole. Noch ist es dunkel. Feiner Regen streicht durch die wimpelgeschmückte Altstadt und perlt auf meinem schwarzen Merinotrikot. Schlaftrunken schlingere ich mit dem Atala-Stahlrennrad aus den 1970ern Richtung Startlinie. Mit mir sind ein paar Tausend Fahrerinnen und Fahrer aus aller Welt gekommen. Alle wie ich sowohl radtechnisch als auch sportmodisch aus der Zeit gefallen. Mit Schiebermütze, Wollhose, Kniestrümpfen und Lederschuhen. Schon geht es los, der erste Hügel wie in einer Prozession von Kerzen gerahmt. Dann steigt die Sonne, das Land öffnet sich. Der typische Start einer Eroica.

Auf der Vintage-Rundfahrt für jedermann und jedefrau werden keine Straßen gesperrt. Die Eroica ist kein Rennen. Man fährt sie bestenfalls gegen sich selbst. Ins Ziel kommen ist der Erfolg des Tages. Die Strecken sind frei wählbar zwischen 46 und 209 Kilometer. Ein Großteil führt querfeldein über Schotterwege. Mal niedliche Kiesel, mal grob und garniert mit Schlaglöchern.

Der Regen zieht ab. Die Herbstsonne bringt mich ins Schwitzen. Als untrainierter Flachländer schwanke ich am Berg. Bei der nächsten Abfahrt ziehe ich irgendwann die Bremsen durch. Aber die sind alt und nutzlos. »Einfach rollen lassen«, lautet der oft gehörte Tipp. Manche Gesichter, in die ich blicke, changieren ebenso zwischen der Strapaze Untrainierter und der Bonheur der Überwindung. Spontane Bekanntschaften schließen ist nur eine der Belohnungen der Runde. Endlich kommt die nächste Etappenstation, auf der Bauern Weißbrote mit Salami oder Käse, frisch gebackene Cantuccini und Espresso reichen. Nicht zuletzt sind es die Panoramen. Landschaften, als wäre die Malerei vor ihnen da gewesen: Mit Tälern, Hügelketten und hübschen Villen darauf, nebst den passenden Pinien im Vordergrund. Alles an Ort und Stelle. Diese Chianti-Region ist Ursprung der Vintage-Ausfahrten.

Dort habe ich Eroica-Gründer Giancarlo Brocci gefragt, wie er auf die Idee kam, ein »Rennen« in Wolltrikots auf alten Fahrrädern zu organisieren. Er führt das auf seine Kindheit zurück. »Ich konnte früh lesen und las Artikel über Radrennen. Die Generation meiner Väter war geprägt von den Duellen zwischen Gino Bartali und Fausto Coppi. Zum Teil wurde die Eroica geboren, weil ich so fasziniert von den alten Berichten war.« Nach Broccis Ansicht rehabilitierte die Radsport-Passion das Ansehen Italiens nach dem Krieg. »Mir gefällt die Idee des wahren Sports, im Gegensatz zu Radsportveranstaltungen als Big Business. Im Sinne einer Passion, die auch wieder an die Profis glauben lässt. Sie besitzt Elemente von Reise und Abenteuer.«

Brocci triggert gern ein romantisches Sportideal, das er »Ciclismo Eroico« nennt. Ob es diesen Geist jemals gab, steht auf einem anderen Blatt. Unbestreitbar die sportliche Leistung der Profis, tausende Kilometer über Berg und Tal auf ihren Stahlrennern zu bewältigen. Und ein Held war Giro-d’Italia- und Tour-de-France-Gewinner Bartali zweifellos auch jenseits des Radsports. Als Mitglied der Resistenza nutzte er seine Trainingsrunden in der Toskana, um gefälschte Reisepässe, Geld und Informationen - versteckt im Sattelrohr oder Lenker - zu transportieren. Damit verhalf er vielen Juden zur Flucht.

Was den Sport als Geschäftsmodell angeht, so ist über die Tour de France bekannt, dass Verleger Henri Desgrange das Straßenradrennen erstmals 1903 als Werbeaktion initiierte, um seine Sportzeitung »L’Auto-Vélo« zu vermarkten. Die Reportagen des französischen Schriftstellers Albert Londres aus den 1920er Jahren berichten von Doping. Eingeworfen wurde, was die Zeit an Drogen hergab: Kokain und Chloroform, Amphetamine - und jede Menge Rotwein. Auf den Spuren der alten Helden können es Eroica-Teilnehmer nur besser machen.

Ein weiterer Auslöser der Veranstaltung war es, die »Strade Bianche« zu bewahren, die letzten weißen Schotterpisten, die zunehmend zementiert wurden. Seither ist kilometerweites Schotterrollen auf dünnem Gummi Teil des Abenteuers. Das Reglement erlaubt ein Rad-Baujahr bis spätestens 1987. Das Velo sollte einen Stahlrahmen besitzen, Unterrohrschalthebel und Pedale mit Pedalhaken. Die Klamotten müssen dazu passen: Merinostrick statt Goretex & Co. Stilistisch regiert ein historischer Zitatemix. Dieses Spielerische ist Teil des Vergnügens.

Während »Retro« rückwärtsgewandt klingt, nach konservativer Sehnsucht riecht, ist das Wissen um die gute alte Zeit, die niemals gut war, unter den Teilnehmern präsent. Eine gesunde Portion Selbstironie sorgt für Distanz zwischen Träger, Requisiten und Zeit. So ist das anachronistische Rad-Wochenende mehr gegenwärtiger Karneval als Fluchtbewegung. Präsent ist auch die Ikone unserer Tage, das Smartphone, um tausendfach Instagram-Bilder zu verbreiten.

Nicht wenige Fotos zeigen den kürzlich verstorbene Luciano Berruti. Mit Wangenbart, bejahrten Wollhosen und karierter Schiebermütze war er lange Zeit das Gesicht der Eroica. Eisern zog der Senior in den Siebzigern die Eroica-Runden durch - auf einem Eingangrad, Baujahr 1903. Als ich ihn einmal fragte, was er von dem heutigen Vintage-Trubel hält, antwortete er: »Mi piace,« es gefalle ihm. Und lieferte seine Begründung hinterher: »Als ich ein kleiner Junge war, sind wir ohne Schuhe ins Feld gerannt. Wir kannten alle Tiere und waren mehr in Kontakt mit den Dingen als die heutigen Kinder mit der ganzen Elektronik. Vielleicht bringt uns die Vintage-Kultur wieder mehr in Kontakt mit den natürlichen Dingen.«

Beliebt ist sie in jedem Fall: Seit der ersten Eroica 1997 ist die Teilnehmerzahl in die Tausende gewachsen. Ableger der Tour existieren von Japan über Südafrika bis nach USA. Andere Organisatoren bieten ähnliche Events an. Darunter die »Anjou Vélo Vintage« am Ufer der Loire in Frankreich oder die Flandern-Rundfahrt »Retro Ronde« in Oudenaarde, Belgien. Feine Unterschiede liegen dabei im Landschaftscharakter, in spielerisch hochgehaltenen Länderklischees sowie im sportlichen Anspruch.

Beispiel England: Mit seinem unerschöpflichen Reservoir an vollendet gekleideten Ladys und Gentlemen, Detailversessenheit bei den Requisiten und britischer Höflichkeitsfinesse ist die »Eroica Britannia« ein besonders originelles Event. Der Start im Peak District in Zentralengland gleicht einer Gourmettour. Mit Tee, Gin, regionalen Thar Cakes, Entenleberpastete oder extra gebrautem Eroica-Bier. Hinzu kommt ein Musikfestival auch für Nicht-Radfahrer. Wer nach passendem Bike und Outfit Ausschau hält, wird auf dem Vintage-Bike-Markt fündig. So etwas findet man übrigens auf fast allen Veranstaltungen. Sportlich geht es trotzdem zu. Zwar wachsen die Hügel Englands nicht gerade in den Himmel. Dafür sind sie steil und häufig. 2022 steht im südenglischen Sussex die nächste Ausgabe an.

Die unabhängige Ausfahrt »In Velo Veritas« führt jedes Jahr durch eine andere Region des Weinviertels in Niederösterreich. Zum Get-together am Vorabend gibt improvisiertem Heurigen und bodenständige Küche. So provinziell wie authentisch, so wunderbar verschlafen wie sportlich ambitioniert, sind die Österreicher die Härtesten im Wettstreit. Die »Labstationen« unterwegs sind dürftig. Und Veranstalter Horst Watzel versprach mir einmal: »Bei uns wird es keine 30-Kilometer-Promenadenrunde für Kostümfahrer geben.«

Auf der »Velo Classico«-Ausfahrt in Mecklenburg-Vorpommern sieht man das lockerer. Eine geführte »Happinez-Runde« über knapp 28 Kilometer ist der weltweit wohl niedrigschwelligste Einstieg für angehende Vintage-Piloten. Es geht aber auch anders: Wer sich für die »Heldenrunde« entscheidet, brettert mit sportlichem Ehrgeiz über 110 Kilometer durch die Mecklenburgische Seenplatte.

Rheingau-Romantik bietet seit 2018 der deutsche Eroica-Ableger in Eltville-Erbach. Hier geht’s durch eine Kulturlandschaft mit Weinbergen, Klöstern, Burgen und Schlössern. Als relativ überschaubare Veranstaltung ein Tipp für alle, denen die Eroica in Gaiole zu groß geworden ist, sowie für alle Debütanten.

Ich selbst bin übrigens nie Radsportler gewesen, und habe den Reiz des Schauens dem des Schneller-Seins vorgezogen. Im Zweifel gilt für Vintage-Ausfahrten, was Eroica-Erfinder Brocci allen Anfängern mit auf den Weg gab: »Schaut euch um, genießt die Landschaft, teilt eure Gefühle! Nicht der Wettkampf, sondern das Lächeln ist Voraussetzung für die Eroica.«

Weitere Informationen unter:
eroica.cc
veloclassico.de
inveloveritas.at

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