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Kommt zurück in unser »Restaurant«!

Die Basketball-Bundesligisten fürchten zum Saisonstart einen mäßigen Zuschauerzuspruch

  • Oliver Kern
  • Lesedauer: 4 Min.

Es geht doch nichts über eine perfekt passende Analogie. Dem Geschäftsführer des Basketball-Bundesligisten Alba Berlin ist so eine bei seinem jüngsten Restaurantbesuch aufgefallen: »Mir wurde massiv empfohlen, einen Tisch zu reservieren. Am Ende waren wir aber ganz allein in dem Laden. Stattdessen kam alle 30 Sekunden ein Lieferdienst, um das Essen zu den Leuten nach Hause zu tragen«, erzählte Marco Baldi am Dienstag anlässlich des nahenden Bundesligastarts. Was das mit Basketball zu tun hat? Nun ja, so wie in die Restaurants dürften die Menschen nach dem Lockdown nun eigentlich auch wieder in die Sportarenen des Landes. Doch im Fußball, Handball und Eishockey hat sich bereits gezeigt, dass die Menschen – zumindest noch – nicht wie vor der Pandemie zurückkommen.

»Es haben sich Gewohnheiten verbreitet, und niemand weiß, ob die sich wieder zurückentwickeln«, sagte Baldi und verwies darauf, dass der Pay-TV-Sender, der alle Bundesligapartien live überträgt, zuletzt zweistellige Abo-Zuwachsraten aufwies, ganz ähnlich also dem Anstieg bei Essenslieferdiensten in Corona-Zeiten. »Womöglich sind unter diesen Abonnenten auch Zuschauer, die zuvor zu uns in die Halle gekommen waren. Ob die jetzt auf der Couch bleiben oder irgendwann in unser ›Restaurant‹ zurückfinden, weiß keiner«, wollte sich Baldi an keiner Prognose wagen. »Wir hoffen aber, dass die Leute bald wieder merken, was es bedeutet, mit anderen Fans in der Arena zu sein. Und je besser unsere Leistungen sind, desto eher wird es bei ihnen wieder jucken.«

So bleibt also auch nach der zurückliegenden Spielzeit, die fast komplett vor leeren Rängen ausgetragen worden war, die Zuschauerfrage die dringlichste in der Basketball-Bundesliga, die an diesem Donnerstag mit der Partie zwischen Alba Berlin und den Baskets aus Bonn in ihre neue Saison starten wird. Erst am Montag hat Alba die Bestätigung bekommen, dass der Klub mit seinem Hygienekonzept die Heimarena zur Hälfte auslasten darf. Baldi akzeptiert das ohne Murren. Ganz im Gegensatz zu manch anderem Bundesligisten. Die Baskets Oldenburg fordern vom niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil eine Vollauslastung mit Geimpften und Genesenen und erwägen sogar eine Klage, sollte dies nicht umgesetzt werden. Weil Vereine in anderen Bundesländern ihre Hallen stärker füllen dürfen, befürchte man »eine Wettbewerbsverzerrung, gegen die wir auch gerichtliche Schritte einleiten würden«, hieß es in einem offenen Brief der Oldenburger.

Obwohl Alba Berlins Einnahmen normalerweise zu 40 Prozent aus dem Verkauf von Tickets und Catering an Zuschauer abhängig ist, gibt es vom deutschen Meister keine Drohungen in Richtung des Senats. Allerdings gehört auch zur Wahrheit dazu, dass Alba seine 14 000 Zuschauer fassende Halle selbst vor der Pandemie fast nie voll bekommen hatte. Die Chance auf einen Boom infolge der zuletzt zwei gewonnenen Meistertitel bleibt dem Klub aber verwehrt. Die Berliner sind dennoch ehrlich genug, um nicht schon mit einer Garantie auf den nächsten Coup zu werben. Mittlerweile soll das Budget des ewigen Rivalen aus München schließlich dreimal so hoch sein wie das von Alba.

Den Bayern hilft dabei, dass sie nun mit der A-Lizenz der Euroleague ausgestattet wurden und sie damit auch verstärkt an den üppigen Einnahmen aus dem Verkauf der Übertragungs- und Marketingrechte in der größten europäischen Liga beteiligt werden. Diese Chance bekommt Alba frühestens in zwei Jahren. Bis dahin genießt Berlin aber immerhin schon mal eine Art Bewerberstatus und muss sich nicht mehr jährlich für die Euroleague qualifizieren.

Sportlich steht für Alba derweil ein kleiner Umbruch an, denn die vierjährige Erfolgsära unter Trainerlegende Aito Garcia Reneses ist zu Ende gegangen. Der 74-jährige Spanier hat seinem Landsmann Israel Gonzalez Platz gemacht, der nun als Cheftrainer erstmals beweisen kann, wie viel er als Assistent von seinem Mentor gelernt hat. Immerhin kennt ihn die Mannschaft, die nur wenige Abgänge zu verkraften hatte, wenn auch mit Peyton Siva und Niels Giffey zwei sehr namhafte. »Natürlich wird nun einiges anders, aber wir kehren eher wieder zu dem schnellen Basketball zurück, den wir in den ersten zwei Jahren unter Aito schon gespielt haben«, beschrieb der neue Kapitän Luke Sikma die ersten erkennbaren Änderungen.

Zum Einspielen neuer Systeme bot die Saisonvorbereitung nur wenig Gelegenheit; sie war stattdessen vom Löcherstopfen geprägt. Zwischenzeitlich waren fünf Spieler verletzt, alle auf der Center-Position. Also müssen Leute wie Sikma oder der erst 18-jährige Nachwuchsspieler Christoph Tilly einspringen. Die gelungene Integration von Talenten aus der eigenen Jugend war in den vergangenen Jahren zum Markenzeichen der erfolgreichen Berliner geworden. »Und diesen Weg werden wir weiter gehen. Auch wenn er nicht jedes Jahr funktionieren wird«, stapelte Geschäftsführer Marco Baldi lieber tief. »Andere Spitzenteams setzen auf Erfahrung. Wir bauen die erst auf. Doch wir haben gelernt, dass wir damit am Ende der Saison unseren besten Basketball spielen.« Darauf hofft er auch dieses Mal. Und darauf, dass sich Albas Fans bis dahin wieder von der Couch erhoben haben.

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