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Baustelle Revolution

Heiliger Unernst: Am Berliner Ensemble feierte Bertolt Brechts »Die Mutter« Premiere

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 7 Min.
Wird hier zur Revolution angeleitet? Christina Tscharyiskis Inszenierung von Bertolt Brechts »Die Mutter« am Berliner Ensemble
Wird hier zur Revolution angeleitet? Christina Tscharyiskis Inszenierung von Bertolt Brechts »Die Mutter« am Berliner Ensemble

Ketchup ist genauso rot wie die rote Fahne. Gibt es noch mehr Gemeinsamkeiten? Man hat den Eindruck, dass dieser Abend im - merkwürdig gesichtslosen - Theaterneubau hinter dem Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm dieser Farbenanalogie gewidmet ist. Der Suche nach dem revolutionären Element in postmodernen Zeiten. Wie viel Ernst wohnt in der Massenkultur, und wie viel Parodie im Klassenkampfpathos?

Die bulgarisch-österreichische Regisseurin Christina Tscharyiski geht mit ihrer Inszenierung von Bertolt Brechts »Die Mutter« (nach Maxim Gorki), die am vergangenen Sonnabend Premiere hatte, jenen Weg weiter, den Frank Castorf 1997 bereits mit Gerhart Hauptmanns »Die Weber« beschritt - damals im unmittelbaren Schatten des Untergangs des sozialistischen Systems und inmitten einer geschichtsfreien Spaßkultur mit Loveparade und Ballermann-Flugreisen. So wurde der »Hunger«-Ruf zum »Unger«-Ruf (ein heute längst vergessener Touristikanbieter), mittels dessen sich der von seiner historischen Mission (und nicht selten auch von seinem Arbeitsplatz) befreite Arbeiter in kommerziell gelenkten Bahnen maximal-exzessiv vergnügen, sprich: besaufen, konnte. Bloß nicht zu Bewusstsein kommen in dieser besten aller möglichen Welten (es gab ja keine andere mehr), so die Autosuggestion einer panisch gesteigerten Konsumgier.

Ausbeutung, Kapital, Klassen und Herrschaftsmechanismen - das schienen Vokabeln von gestern zu sein. Inzwischen hat sich das gründlich geändert, aber auf eine irritierende Art, der dieser Abend mit erstaunlicher Spielenergie nachgeht. Brecht allein mit seinem Stück von 1932 schien der Regisseurin zu wenig, sie sucht nicht das Gegenwärtige im Originaltext, sondern - zeitgeistgemäß - in der Anlagerung von zeitgenössischen Dokumenten und Zitaten. Kann man machen, führt aber zumeist nicht in die Tiefe, sondern eher in die Breite. Aber natürlich ist es ein nicht uninteressantes Experiment, anhand von Brecht zu fragen, wo die Ausgebeuteten von heute sind und wie ihr Protest dagegen aussieht, um nicht gleich von Revolution und Kommunismus zu reden.

Aber ob sich nun gerade die russischen Punk-Feministinnen von Pussy Riot dafür eignen, den Revolutionsgedanken in die Gegenwart zu tragen? Das mottogleiche Zitat im Programmheft lässt zweifeln: »Besetz die Stadt mit ’ner Bratpfanne, / Geh raus mit ’nem Staubsauger, besorg dir ’nen Orgasmus, / Verführ Bataillone von Polizistinnen-Mädchen, / Nackte Bullen erfreuen sich der Reform … Zum Arsch mit Sexisten, den verfickten Putinisten!«

Das klingt nicht gerade nach gerechter verteilten Lebenschancen für alle, sondern nach durchgeknallter Ego-Show. Aber da sind wir beim Problem sich radikal dünkender Emanzipationsbewegungen der Gegenwart. Sie sind oft partikular, meinen zuerst sich selbst oder bestenfalls noch die eigene Community. Sie teilen die - gleich ob Mann oder Frau - Ausgebeuteten in sich feindlich gegenüberstehende Geschlechter. Die ganze zu rettende Menschheit ist so nur noch die halbe - und als Gegner erscheint immer zuerst die andere Hälfte.

Ein perfider Trick von Herrschaftssicherung, wie von Brecht bereits in »Die Rundköpfe und die Spitzköpfe« beschrieben. Man eröffnet lauter Nebenschauplätze und wirft Nebelkerzen unter die dann nur noch mit sich beschäftigten Streitenden, derweil die soziale Ungleichheit im Lande sich nicht nur ungestört reproduziert, sondern sogar rasant wächst. Die Identitären von rechts und links saugen gerade höchst erfolgreich der Gesellschaft ihr soziales Bewusstsein aus und ersetzen Klasse durch Geschlecht, Nationalgefühl oder andere nebulöse Dinge. Das aber ist, auch wenn es sich selbst für emanzipatorisch halten sollte, zuallererst Ausdruck eines neoliberalen Prinzips. In Geschlechter geteilte Solidarität ist bloßer Biologismus. Der Kampf um Aufmerksamkeit dominiert dabei: Platz da, hier komme ich!

Brechts »Die Mutter« trägt hier den Untertitel »Anleitung für eine Revolution«. Er stellt mit seinem Bühnenbild von Janina Audick und den Kostümen von Verena Dengler einen Anti-Raum vor, bunt, beliebig und geistverlassen, gegen den die Schauspieler mitsamt drei Live-Musikern (Manuel Poppe und Band) anspielen müssen, nur mit Tönen, Sprache und Gestik. Kein hilfreiches Interieur ist zur Stelle, kein Auspinseln von Szenen möglich; die rote Fahne, die zum Symbol des Widerstands der im Jahre 1905 gescheiterten russischen Revolution wird, muss man sich denken. Die Szenerie ähnelt einem Western, genauer einem Italo-Western, der immer auch zu einer Westernparodie wird.

Aber dieser ins Groteske gesteigerte Unernst ebnet ernsten Fragen den Weg. Die Rhetorik der Eigentümer an den Produktionsmitteln ändert sich tatsächlich nie: »Ihr wisst, wenn es dem Betrieb gut geht, geht es euch auch gut.« Diese Lüge klingt altvertraut, ebenso wie jene Behauptung, die allgemeine Lage sei leider nicht gut, darum »sind wir für das kleinere Übel«, den Lohnverzicht.

Es bleibt dabei, dass jene, die nur ihre Arbeitskraft besitzen, niemals so reich und mächtig werden wie die Besitzenden. Lässt sich das irgendwie ändern? Für Brecht nur, wenn man das System aufsprengt und die Eigentumsverhältnisse ändert. Dagegen aber machen Kapital und Staat gemeinsam mobil.

Wie museal klang doch zu DDR-Zeiten das »Lob des Kommunismus«, wie durch Machtanmaßung diskreditiert auch. Hier in dieser Inszenierung, die den Anschein des Unernsten erweckt, aber die zentralen Fragen durchaus ernst nimmt, ist das anders. Gewiss, die homogene Arbeiterklasse gibt es nicht mehr, aber darum auch keine Ausgebeuteten und keine Ausbeuter?

Ein Kunstgriff der Inszenierung erweist sich als Glücksgriff: Die starke Sophie Stockinger, die mal Pawel, der Sohn von Pelagea Wlassowa, mal ein Dienstmädchen ist, spricht wie ein vom Bühnenhimmel gefallener Agitator immer wieder gegenwärtige Texte zur Lage der arbeitenden Massen von heute. Diese betreffen das Phänomen des Prekariats, das sich quer durch die Gesellschaft bis weit in die bürgerliche Mittelschicht zieht.

Von Leiharbeitern bis zu Privatdozenten an der Universität und freiberuflichen »Mediendienstleistern« und Künstlern - sie eint, dass sie in sozialer Ungewissheit, finanziell am unteren Rand und ohne wirkliche Perspektive leben. Dabei arbeiten sie viel, sind oft hoch spezialisiert. Keine austauschbaren Funktionselemente, sondern tragende Säulen der Gesellschaft. Das sind die Ausgebeuteten von heute!

So eröffnet sich das Tableau einer Gesellschaft, die sich am Scheideweg weiß. Bloßer Zerfall, Apokalypse - oder ein Übergang in ein gerechteres gesellschaftliches System, das wieder eine integrative Kraft entfaltet? Das ist eine sehr gegenwärtige Frage. Die Schauspieler entwickeln dann auch eine Intensität, die diese - durch die Gewohnheit des falschen Pathos - entleerten Texte wieder mit Leben erfüllt. »Du musst die Führung übernehmen!«, wie es in einem der Lieder heißt, ist auch der Ruf, sich selbst als machtvolles solidarisches Wesen neu zu entdecken - auch das kann Revolution bedeuten.

Eindrucksvoll Constanze Becker als Pelagea Wlassowa, die Mutter des erschossenen Revolutionärs Pawel, die sich hier Stück für Stück selbst entdeckt, indem sie die Funktionsweise der Ökonomie verstehen lernt. Wenn sie wächst, dann jedoch, um für andere eine Rolle spielen zu können, nicht für sich selbst. Am Ende übernimmt Josefin Platt den Part der Mutter (zuvor war sie Kommissar und Lehrer). Sie absolviert es mit österreichischem Schmelz, doch fragt man sich, ob es klug war, Constanze Becker die Figur der Mutter in jenem Moment zu geben, da diese eine tragische Größe erlangt. Peter Moltzen spielt den Narren im Stück, auch das souverän mit Gespür für Slapstick, der etwas Verzweifeltes bekommt. Ein Einzelner, den man auf der Bühne aussetzt und vergisst, ihn wieder zurückzuholen.

Eindringlich ist dieser Abend in vorsätzlich kleiner Besetzung (sechs Schauspieler teilen sich die Rollen), der Brecht unerwartet burlesk auffasst, in jenen Momenten, wenn altbekannte Worte (die berühmten Lieder mit der Musik von Hanns Eisler etwa) auf unerwartete Weise neu klingen. Das Thema Kommunismus aber bleibt offen. Eine Baustelle, die zu betreten, Ideologen verboten werden sollte.

Nächste Vorstellungen: 6., 7. und 8. Oktober.

www.berliner-ensemble.de

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