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Patientenwege werden länger

Bei der Transformation des Klinikwesens in Schleswig-Holstein wird mit dem Verlust von Arbeitsplätzen gerechnet

  • Von Dieter Hanisch, Kiel
  • Lesedauer: 4 Min.

Was für die Klima- und Energiepolitik angesagt ist, das trifft auch die Krankenhausstruktur in Schleswig-Holstein: Transformation ist unvermeidlich. Viele Einwohner fühlen sich dabei nicht mitgenommen. Mehrere Kliniken kündigen ihre Neuaufstellung an. Als Reaktion ernten sie Proteste.

Zur Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein (KGSH) gehören 70 Kliniken an 100 Standorten, Fachkliniken inbegriffen. Der finanzielle Druck auch auf dieses Unternehmen ist gewaltig. Kleinere Häuser haben mehr Sorgen, weil Vorhaltungskosten stärker zu Buche schlagen. Hauptübel ist auch für KGSH-Geschäftsführer Patrick Reimund das Abrechnungsmodell der Fallpauschalen, das er zwar nicht abschaffen möchte, aber für dringend reformbedürftig hält. Alle Betreiber beschäftigen sich Reimund zufolge deshalb mit strukturellen Überlegungen.

Die Sana-Kliniken in Ostholstein mit rund 1250 Beschäftigten an den Standorten Eutin, Middelburg, Oldenburg und Fehmarn peilen zum Jahreswechsel einen Trägerwechsel an. Der Schweizer Klinikkonzern Ameos soll neuer Betreiber werden. Diese Übernahme war bereits Ende 2018 geplant, scheiterte aber am Veto des Bundeskartellamtes, da die Carlyle-Gruppe an Ameos und am Konkurrenten Sana beteiligt war. Den Kartellamtsbedenken wurde durch den Rückzug des US-Investors aus Ameos Rechnung getragen. Laut Mitteilung aus der Vorwoche bleibt der Kreis Ostholstein mit 5,2 Prozent Minderheitsgesellschafter.

Zu den bisher neun schleswig-holsteinischen Standorten von Ameos sollen nun noch vier hinzukommen. Bisher keine Antwort von Ameos gibt es zur Zukunft des quasi baufälligen Krankenhauses in Eutin mit knapp 200 Betten.

Sana hatte im Mai noch umfangreiche Outsourcingmaßnahmen und Personaleinsparungen in Service und Logistik verkündet. Verdi zeigt sich ob der anstehenden Ameos-Übernahme skeptisch bis alarmiert. Die Gewerkschaft verweist auf den Ruf des Betreibers als knallharter Sanierer auf Kosten von Personal und gesundheitlicher Versorgung - insbesondere an ostdeutschen Standorten.

Ein noch schärferer Umbruch steht dem Kreis Pinneberg bevor. Die Öffentlichkeit dort wurde jetzt über die Zukunftspläne des privaten Trägers informiert. Die Regio-Kliniken GmbH ist größter privater Anbieter in Schleswig-Holstein mit 900 Betten und 2400 Beschäftigten in den Krankenhäusern Elmshorn und Pinneberg. Das Unternehmen versorgt ein Einzugsgebiet mit 300 000 Menschen und gehört zur Sana-Kliniken AG.

Regio möchte sich von beiden Standorten trennen und stattdessen bis 2030 einen einzigen Neubau für 400 Millionen Euro fertigstellen. Dafür hat der Aufsichtsrat offenbar bereits grünes Licht gegeben. Wo genau man sich niederlassen will, steht noch nicht fest. Bevorzugt werde Autobahnnähe, heißt es. Von Doppelstrukturen wolle man sich trennen. Volker Hatje, Bürgermeister aus Elmshorn, und Urte Steinberg (beide parteilos), Amtskollegin aus Pinneberg, waren nach Bekanntgabe der Pläne perplex. Hatje kündigte breiten Widerstand an.

Aus seiner Sicht ist ein Regio-Abzug aus Elmshorn (52 000 Einwohner) verantwortungslos. »Das würde uns mindestens 1000 Arbeitsplätze kosten«, prognostiziert Hatje. Steinberg macht sich zum gesundheitlichen Umfeld Gedanken. Viele Fachärzte, Reha-Praxen oder Sanitätshäuser hätten sich extra wegen der Klinik in der 43 500-Einwohner-Stadt Pinneberg niedergelassen. Fraktionsübergreifend zweifeln Kreistagspolitiker, ob die geplante Bündelung medizinischer Leistungen tatsächlich einen Mehrwert für die Region bieten wird. Bereits die Aufgabe der früheren Regio-Klinik-Standorte in Uetersen 2004 und Wedel im Vorjahr brachten schmerzhafte Einschnitte.

Die parteilose Landrätin Elfi Heesch begrüßt dagegen die Regio-Pläne. Ganz anders Hans-Ewald Mertens (Die Linke): Er fordert die Rekommunalisierung beider Kliniken, die der Kreis 2008 an Sana veräußerte. Mertens weiß die Sozialdemokraten dabei an seiner Seite. Die Seniorenbeiräte von Pinneberg und Elmshorn argumentieren, dass Patientenwege kurz bleiben müssten.

Regio-Betriebsratsvorsitzende Herta Laages sieht in einem modernen neuen Klinikum keineswegs nur Nachteile und spricht von möglichem Ressourcengewinn. Unter stärkerer Berücksichtigung der Interessen der Beschäftigten und des Ziels besserer Arbeitsbedingungen hält auch Verdi einen Neubau nicht per se für eine falsche Option. Für eine endgültige Bewertung sollten aber Betriebsversammlungen an beiden Standorten abgewartet werden.

Dirk Kehrmann, Geschäftsführer des Elmshorner Flora-Ärztezentrums mit 22 Praxen, hebt ebenso Vorteile bei der Fokussierung auf ein neues Klinikum hervor. So biete sich die Chance, Bereiche wie ein Adipositas-Zentrum oder eine stationäre HNO-Versorgung einzurichten, die es in Elmshorn und Pinneberg noch nicht gibt.

Unterdessen ist über die Zukunft der defizitären Imland-Kliniken in Rendsburg und Eckernförde noch nicht entschieden. Träger ist der Kreis Rendsburg-Eckernförde, der trotz misslicher Situation keine Privatisierungsabsichten verfolgt. Auch hier geht es entweder um den Fortbestand beider Standorte, den Wegfall eines der beiden Häuser bei Sanierung und Ausbau des anderen oder um den Neubau einer Klinik bei Verzicht auf die bisherigen Häuser. Für den Erhalt der Klinik in Eckernförde demonstrierten unlängst über 1000 Bürger.

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