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Baumhäuser im »Entwicklungsland«

Bei Dresden besetzten Aktivisten einen Wald und verleihen damit langjährigem Widerstand gegen Kiesabbau am Naturschutzgebiet neuen Auftrieb

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 7 Min.
Waldschützer: Baumhäuser im »Entwicklungsland«

Der »Flower Tower«, der in gut drei Metern Höhe an den Stämmen mehrerer Kiefern hängt, ist ein besonderes Baumhaus. Anders als die benachbarten, ebenfalls in luftiger Höhe errichteten Holzgebäude hat er eine Treppe – »damit unsere Hündin hochkommt«, sagt ein junger Mann, der sich Bagira nennt. Zudem verfügt der »Flower Tower« über Thermofenster. Auch die Wände sollen noch mit Stroh gedämmt werden. Der Winter steht vor der Tür, sagt Bagira, »und bei minus 15 Grad hört der Spaß auf.«

Noch herrschen angenehme Temperaturen im Camp »Heibo bleibt«, mit dem im August ein Wald in Ottendorf-Okrilla am östlichen Stadtrand von Dresden besetzt wurde. Es herrscht gelassene Geschäftigkeit. Ein paar Aktivisten trainieren das Abseilen; zudem werden aus Stämmen und Brettern weitere Plattformen zwischen Bäumen errichtet. »Unser Plan ist, alles in die Höhe zu verlagern«, sagt Bagira: Küche, Werkstatt, Lager, Yogaraum. In der Luft ist das Camp schwerer zu räumen. Ab Anfang Oktober, sagt Bagira, erlaubt das Gesetz wieder das Fällen von Bäumen: »Wir müssen gewappnet sein.«

Der Wald, in dem sich Bagira und seine Mitstreiter einrichten, soll verschwinden und einer Kiesgrube weichen. Die Steine wurden am Grund der Elbe abgelagert, als diese vor Jahrmillionen durch die Region mäanderte; jetzt werden sie vom Kieswerk Ottendorf-Okrilla GmbH & Co. KG als Baumaterial abgebaut. Das Unternehmen will nun seine bestehenden Abbaufelder erweitern. Das Problem: Sie grenzen an streng geschützte Landschaften im »Heidebogen« der Radeberger und Laußnitzer Heide, den die Baumbesetzer »Heibo« nennen. Es gebe wertvolle alte Wälder und »eines der größten Vorkommen von Kreuzottern in Sachsen«, sagt Holger Oertel vom Naturschutzbund Nabu; zudem Moore, die in Zeiten des Klimawandels eine zusätzliche Bedeutung als CO2-Speicher gewonnen haben. In direkter Nachbarschaft sind ein Vogel- und ein Trinkwasserschutzgebiet ausgewiesen. Der Kiesabbau hätte fatale Folgen für das Grundwasser. Die Moore, die »nicht zu ersetzen sind«, drohten entwässert zu werden. Eine geplante Verfüllung der Gruben mit Bauschutt würde den Mineralgehalt des Grundwassers beeinflussen. Die an magere Böden angepassten Pflanzen in der Heide würden »durch ein Überangebot an Nährstoffen vergiftet«, sagt Oertel.

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Umweltverbände und eine Bürgerinitiative wehren sich gegen das Vorhaben bereits, seit 1997 ein »fakultativer Rahmenbetriebsplan« für die schon in der DDR erschlossene Grube Würschnitz I genehmigt wurde. Damals seien die Auswirkungen auf viele Pflanzen und Tiere nicht untersucht worden, sagt Oertel: »Heutigen Maßstäben an eine Umweltprüfung wird das nicht gerecht.« Der Nabu plädiert dafür, das Vorhaben noch einmal zu prüfen, schätzt die Erfolgsaussichten aber nüchtern ein: »Bei einem genehmigten Tagebau ist das ziemlich aussichtslos.«

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Vor zwei Jahren legte das Unternehmen noch eine Schippe drauf und beantragte eine weitere Grube von 106 Hektar Fläche. Im Raumordnungsverfahren legten nicht nur Anwohner und zwei Landkreise Einspruch ein; auch die Landesdirektion Sachsen bezeichnete das Vorhaben als überdimensioniert und nannte eine Obergrenze von 44 Hektar, sagt Oertel. Das Unternehmen überging die Einwände. In der laufenden Planfeststellung geht es nun gar um 134 Hektar.

Die Zuständigkeit für das Verfahren liegt jetzt beim sächsischen Oberbergamt. Wie sich dieses im Zwist zwischen Bergbau und Ökologie entscheiden würde – darüber gibt sich Elisabeth Lesche keinen Illusionen hin. Die Landschaftsarchitektin betreibt ein Büro in Dresden und wickelt Projekte in der ganzen Bundesrepublik ab. Der »behördliche Umgang mit dem Schutzgut Ökologie«, sagt sie nach dreijährigem ehrenamtlichem Engagement in der Bürgerinitiative, »spottet jeder Beschreibung und wäre in keinem anderen Bundesland denkbar«. Sachsen sei, fügt sie polemisch an, in dieser Beziehung quasi ein »Entwicklungsland«. Auch Naturschützer Oertel zeichnet ein düsteres Bild. Die einst staatlichen Umweltfachämter seien aufgelöst, die Zuständigkeit auf die kommunale Ebene übertragen worden, wo es aber an Ressourcen und Expertise mangele. Teils bleibe es Naturschutzverbänden überlassen, Behauptungen von Unternehmen mit Gegengutachten zu widerlegen; die Behörden hätten dafür kaum mehr die Kapazitäten.

Die Erfolge sind im Fall von Ottendorf-Okrilla überschaubar – zum Ärger der Bürgerinitiative. Ihre Mitglieder schreiben seit bald 25 Jahren Briefe und Stellungnahmen an Behörden und Politiker, beteiligen sich an Genehmigungsverfahren, starten Petitionen. Sie haben zu Ortsführungen eingeladen und Fachkongresse ausgerichtet. Manchmal, sagt Lesche, konnten sie grobe Regelverstöße verhindern, etwa als im vergangenen Frühjahr eine Holzfällmaschine während der Vogelbrutsaison in den Wald rollte. »Wenn wir nicht 24 Stunden am Tag und sieben Tage pro Woche im Wald stehen, tun die, was ihnen beliebt«, sagt sie. Damals zog der Harvester ab; kürzlich seien aber doch Bäume gefällt worden, obwohl die Schutzzeit für Vögel noch andauere. Generell läuft der Kiesabbau aller Kritik zum Trotz unbeeinträchtigt weiter. »Die Politik schützt das Projekt«, sagt Lesche: »Wir hampeln uns ab und werden im Grunde ignoriert.«

Vielleicht aber ändert sich das jetzt – dank der Waldbesetzung. Die Aktivisten, die sich zwischen den Bäumen häuslich eingerichtet haben, wollen sich der Rodung widersetzen, mit der in absehbarer Zeit gerechnet wird, weil die Genehmigung für die Grube Würschnitz I ansonsten im Jahr 2023 verfällt. Ihnen geht es nicht nur um Kreuzottern und alte Eichen, sondern um das große Ganze: um »Climate Justice«, also Klimagerechtigkeit, wie auf einem Banner an einem Baumhaus steht. Der Kiesabbau in Ottendorf-Okrilla gilt ihnen als verwerflich, weil damit nicht nur die Moor- und Heidelandschaft zerstört, sondern mit der Bauindustrie auch eine Branche am Laufen gehalten wird, die für einen starken Ausstoß von Treibhausgasen verantwortlich ist. Die dahinter stehende »Wachstums- und Profitlogik« aber sei überholt; es sei Zeit für eine »Bauwende«, sagt ein Aktivist: »Es gibt Alternativen zum Kies, zum Beispiel recycelten Bauschutt.« Die Waldbesetzer wollen derlei Forderung Nachdruck verleihen, und zwar nicht mit Petitionen oder Eingaben, sondern mit zivilem Ungehorsam. Man werde »diesen Ort blockieren, an dem Natur ausgebeutet wird«, heißt es: »Wir bleiben hier.«

In Ottendorf-Okrilla vollzieht sich eine Entwicklung, die auch andernorts zu beobachten ist: Junge Menschen, die von Bewegungen wie »Fridays for Future« inspiriert und von Angst vor den Folgen des Klimawandels getrieben sind, greifen Konflikte auf, die teils seit Jahren schwelen, und verleihen ihnen neue Dynamik. Am Flughafen Leipzig etwa blockierten Klimagerechtigkeitsaktivisten eine Zufahrt und lenkten Aufmerksamkeit auf ein Luftdrehkreuz, das, wie sie betonen, nicht nur Anwohner um den Schlaf bringt, sondern auch für große Mengen an Treibhausgasen sorgt und Teil eines globalisierten, ausbeuterischen Warenstroms ist. Bekannt ist das im Prinzip seit Jahren; bundesweite Schlagzeilen gab es erst durch die Blockade.

Auch Baumbesetzungen gelten der Szene als probates Mittel. Die Internetseite »lantifa.de« listet bundesweit aktuell mehr als ein Dutzend Aktionen auf, deren bekannteste im Hambacher Forst stattfindet und die sich wie dort oft gegen Tagebaue oder, wie im Dannenröder Forst, gegen geplante Autobahnen richten. Derlei Initiativen sind inzwischen im bundesweiten Bündnis »Wald statt Asphalt« vernetzt. In Ottendorf-Okrilla verhelfen die Aktivisten einem Konflikt zu Aufmerksamkeit, über den lange nur die Lokalzeitung berichtete. Darüber, wie man damit umgehen soll, herrscht bei Beteiligten noch Unsicherheit. Der Chef der Kieswerke schlug die Einladung zu einem von den Besetzern organisierten Runden Tisch aus. Auch Vertreter des Oberbergamts ließen sich nicht blicken. Die Bürgerinitiative sieht die Besetzung mit Sympathie: »Ihre Ziele sind auch unsere«, sagt Elisabeth Lesche – auch wenn, wie sie anfügt, etliche ihrer Mitstreiter noch mit den jungen Aktivisten fremdelten. Beim Nabu betont man, das Besetzen von Bäumen sei »nicht unsere Aktionsform«. Man wolle, sagt Oertel, den Konflikt »fachlich und rechtlich angehen«. Die Besetzer winken ab. »Auf legalem Weg ist nichts passiert«, sagen sie. Nun werden Bäume besetzt.

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