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Ausbeutung als Staatsräson

Berichte aus der Klassengesellschaft: Die Soziologen Nicole Mayer-Ahuja und Oliver Nachtwey zeigen mit ihrem Band »Verkannte Leistungsträger:innen« die brutale Realität der Dienstleistungsökonomie

  • Von Tom Wohlfarth
  • Lesedauer: 6 Min.
Streik ist in der prekären Dienstleistungsökonomie noch immer unüblich.
Streik ist in der prekären Dienstleistungsökonomie noch immer unüblich.

Von den zahllosen Missständen, die die Pandemie offenbart hat, ist einer der schlimmsten - und vermutlich gerade deshalb schon wieder vergessenen - die Situation derjenigen Dienstleistungsbeschäftigten, die immerhin schnell als »systemrelevant« bezeichnet wurden. Doch hat dieser Ehrentitel keineswegs zu einer wirklichen Aufwertung ihrer Tätigkeiten oder einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen geführt, im Gegenteil diente die »Systemrelevanz« oftmals dazu, den Druck auf die Beschäftigten weiter zu erhöhen.

Gut, dass inzwischen wenigstens über das Thema geschrieben wird. Nachdem im Frühjahr die Journalistin Julia Friedrichs ihre vielbeachtete Buchreportage »Working Class« veröffentlichte, liefern die Soziolog*innen Nicole Mayer-Ahuja und Oliver Nachtwey nun das sozialwissenschaftliche Gegenstück dazu. In dem Band »Verkannte Leistungsträger:innen« versammeln sie mehr als 20 Einzelstudien zu ebenso vielen unterschiedlichen Branchen, vom Einzelhandel über Friseur*innen bis zur Krankenhauswäscherei. Dabei geht es den Autor*innen der Beiträge nicht nur um einzelne Schlaglichter auf Bereiche, in denen die Anerkennungsmechanismen der »Leistungsgesellschaft« nur noch nicht ganz optimal greifen. Vielmehr zeichnen sie ein umfassendes Bild der unteren Sphären unserer Klassengesellschaft.

Inmitten der Abstiegsgesellschaft

In ihrer Einleitung bieten die Herausgeber*innen einen kurzen historischen Abriss. Konnte man dem, was im wirtschaftlichen Aufschwung Nachkriegsdeutschlands als »nivellierte Mittelschichtsgesellschaft« (Helmut Schelsky) erscheinen mochte, noch eine gewisse Orientierung am Leistungsprinzip unterstellen, gemäß dem sich durch harte Arbeit (egal in welchem Bereich) tatsächlich ökonomische und gesellschaftliche Anerkennung - und damit sozialer Aufstieg - erreichen ließ, ist dieser Zusammenhang inzwischen weitgehend außer Kraft gesetzt. Seit den 1980er Jahren wurde unter dem eingängigen Motto »Leistung muss sich wieder lohnen« eine »ideologische Neudefinition dessen, was als Leistung gelten sollte« vollzogen. Als Leistungsträger*in wurde nun nicht mehr die Industriearbeiter- oder Angestelltenschaft betrachtet, die sich bislang zu Recht als »Produzent:in des gesellschaftlichen Reichtums« verstand, sondern »Unternehmer:innen, Manager:innen, Berater:innen und all diejenigen, die Geld, Einfluss und Erfolg hatten, egal ob diese selbst erarbeitet waren«.

Während man also für Reiche, Einflussreiche und Erfolgreiche die Steuern senkte, wurde durch die Beschneidung öffentlicher Dienstleistungen und sozialer Sicherungssysteme, durch erhöhten Druck auf Arbeitslose und die Entstehung eines riesigen Niedriglohnsektors der kollektiv aufwärts führende »Fahrstuhleffekt« (Ulrich Beck) der Nachkriegswirtschaft zur Prekarisierung der »Abstiegsgesellschaft« (wie sie Nachtwey in seinem gleichnamigen Buch von 2016 beschrieben hat). Seitdem sind die wahren Leistungsträger*innen weitgehend unsichtbar, in die Abgründe der sozialen Missachtung im Maschinenraum des Dienstleistungskapitalismus verbannt, ihre allzu alltäglichen Höchstleistungen werden erst dann »als notwendig erkannt, wenn sie ausbleiben«.

Permanenter Notstand und Streik

Das wäre nun ein gutes Argument für eine lebhafte Streikkultur in eben jenen Bereichen, um dadurch mehr Sichtbarkeit, Anerkennung und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu bewirken. Nur handelt es sich bei vielen der Tätigkeiten in der sogenannten »sozialen Reproduktion« - also der Pflege und Wiederherstellung von Arbeitskraft und sozialen Beziehungen - um solche, bei denen ein Streik die zu versorgenden Menschen meist stärker treffen würde als das verantwortliche Unternehmen. Daher sind Arbeitskämpfe etwa in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen nach wie vor unüblich - und zugleich ist die Tendenz zur Selbstausbeutung der Beschäftigten hier überdurchschnittlich hoch.

Das gilt auch für die Kinderbetreuung. Ihr ist der erste Beitrag des Bandes gewidmet, also einem Bereich, der in der Pandemie für viele besonders im Fokus stand, weil hier die Versorgung am nachhaltigsten abgeschnitten war. Zu Wort kommt die 51-jährige Erzieherin Sandra, die sich als eine von wenigen in ihrer Branche gewerkschaftlich engagiert. Obwohl sie eigentlich gerne studiert hätte, war es für Sandra aufgrund mangelnder familiärer Unterstützung der naheliegendere Weg, das Gymnasium vorzeitig zu verlassen und statt eines Studiums »einen schlecht bezahlten Frauenberuf« zu ergreifen, wie Autor Yalcin Kutlu schlüssig mit der Habitustheorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu zu analysieren weiß. Zwar habe durch die Aufwertung des Kita-Bereichs seit der Jahrtausendwende eine gewisse Professionalisierung stattgefunden, doch der eklatante Personalmangel sorge für ein »Umsetzungsdilemma« in Form des »permanenten Notstands«. Die Folge sind Arbeitsverdichtung, unbezahlte Mehrarbeit und chronische Überlastung.

Doch seit einigen Jahren kommt es im Kita-Bereich vermehrt zu Arbeitskämpfen, so etwa die durch ihre bunten Performances aufsehenerregenden Streiks von 2009 und 2015. Seitdem ist in Gewerkschaften wie Verdi eine »Feminisierung von Arbeitskonflikten« zu beobachten, die der Tatsache Rechnung trägt, dass ein Großteil der prekären Beschäftigungsfelder überwiegend weiblich geprägt ist. So auch die Pflege, etwa an der Berliner Charité, deren Beschäftigte 2011 ihrem Streikdilemma dadurch entkamen, dass sie durch frühzeitige Ankündigung dem Arbeitgeber die Verantwortung übertrugen, Versorgungsengpässe zu vermeiden, indem er Betten freihalten und dadurch auf Umsätze verzichten musste.

Entgrenzung und Entrechtlichung

Reguläre Beschäftigungsverhältnisse bieten immerhin noch die rechtlichen Voraussetzungen zum Arbeitskampf. Anders sieht das in den Bereichen aus, die von irregulärer, illegaler und überwiegend migrantischer Beschäftigung geprägt sind - wie die 24-Stunden-Betreuung, große Teile der Lebensmittelindustrie, aber auch der Logistik- und der Reinigungsbranche. Ein drastisches Beispiel, auch für die Verantwortungsverschiebung der Unternehmen, ist Nadim, ein Geflüchteter aus Marokko. Er reinigt trotz illegalem Aufenthalt über ein Subunternehmen die Räume einer internationalen Fastfood-Kette im Münsteraner Hauptbahnhof: sieben Tage die Woche, ohne Urlaub, für drei Euro die Stunde - mitten in Deutschland. Für die Arbeit wird er nachts in der Filiale eingeschlossen - meistens allein -, zum Betriebsbeginn lässt ihn der Filialleiter dann wieder heraus. Als ihm die Reinigungsfirma schließlich monatelang ganz den Lohn verweigert, hat Nadim keine Möglichkeit, sich zu wehren.

Fast ebenso düster sieht es für geduldete Migrant*innen in der häuslichen Pflege oder bei Lieferdiensten aus. Ihr Aufenthaltsstatus hängt oftmals an ihrem Beschäftigungsverhältnis, sodass Arbeitgeber sich eine gesteigerte Toleranz gegenüber unmenschlichen Arbeitsbedingungen zunutze machen können. Aufsehen erregten während der Pandemie auch die Verhältnisse in der Lebensmittelproduktion, etwa beim Fleischverarbeiter Tönnies im Kreis Gütersloh, bei dem sich wegen mangelnder Schutzmaßnahmen im Juni 2020 mehr als 1000 Mitarbeiter mit Corona infizierten. Aber auch in der Landwirtschaft, etwa im Spargelanbau, der jedes Jahr Zehntausende Saisonarbeiter*innen aus Osteuropa anzieht - die bei eintägiger Kündigungsfrist oft genug um den ohnehin kaum zum Leben reichenden Lohn geprellt werden. In vielen Branchen gibt es immerhin zaghafte Ansätze, sich mehr Rechte zu erkämpfen oder diese entschiedener einzufordern.

Globale Standortkonkurrenz

In der Gesamtheit der Beiträge entsteht so das Bild einer hochgradig prekären, aber doch auch politisch gestaltbaren Dienstleistungsökonomie. Die einzelnen Texte beleuchten ihre Bereiche durch eine Kombination aus Betroffeneninterviews und wissenschaftlicher Analyse, manchmal auch durch eigene Tätigkeit in den untersuchten Branchen. Dadurch gelingen eindrucksvolle bis haarsträubende Einblicke, welche die Lektüre der fast 600 Seiten fesselnd machen. Deutlich werden die systemischen Zusammenhänge des globalen Kapitalismus. Die Ausbeutung von Migrant*innen in der Ernährungsindustrie wird hier zur Garantie geringer Lebenshaltungskosten und folglich eines insgesamt niedrigen Lohnniveaus - und somit »in der globalen Standortkonkurrenz zur Staatsräson«, wie Autor Max Schnetker schreibt.

Wenn Friedrich Engels im Jahr 1845 in »Die Lage der arbeitenden Klasse in England« beschrieb, wie im dunklen Zeitalter des Industriekapitalismus verschiedene Gruppen auszubeutender Arbeiter*innen systematisch gegeneinander ausgespielt werden, dann muss man leider feststellen, dass wir uns in vermeintlich postindustriellen Zeiten solchen längst überwunden geglaubten Verhältnissen wieder annähern. Der Sammelband »Verkannte Leistungsträger:innen« leistet also einen kaum zu unterschätzenden Beitrag zur Kritik der Klassengesellschaft - und zur Würdigung der Menschen, die sie notgedrungen am Laufen halten müssen.

Nicole Mayer-Ahuja und Oliver Nachtwey (Hg.): Verkannte Leistungsträger:innen. Berichte aus der Klassengesellschaft. Suhrkamp, 567 S., br., 22 €.

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