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Vom Himmel fallende Milliardengewinne

Die spanischen Energiekonzerne freuen sich über explodierte Strompreise und drohen der Regierung, die jetzt einschreiten will

  • Von Ralf Streck, San Sebastian
  • Lesedauer: 4 Min.

Auch in Spanien sind die Großhandelspreise für Strom in den vergangenen Monaten förmlich explodiert. Am Sonntag wurde ein neuer Allzeitrekord für diesen Wochentag mit gut 160 Euro pro Megawattstunde (MWh) aufgestellt. Die Preise sind also auch am Wochenende sehr hoch, trotz deutlich geringerer Nachfrage. Am Montag lag der Preis bei 175 Euro, knapp unter dem Allzeitrekord von Mitte September.

Seit dem Frühjahr hat sich der Großhandelspreis damit mehr als verdreifacht, und das treibt auch die Endverbraucherpreise hoch. Für einen Durchschnittshaushalt sind sie um etwa 35 Prozent gestiegen. Zwar steigen auch die Strompreise in Deutschland, doch hier schlagen die hohen Großhandelspreise wegen unterschiedlicher Tarifsysteme bei weitem nicht so stark und nicht so schnell durch wie in Spanien.

Die sozialdemokratische Regierung hatte die Preisexplosion schon durch befristete Notmaßnahmen zu begrenzen versucht. Seit Juli müssen die gut zehn Millionen Kleinverbraucher nur den verminderten Mehrwertsteuersatz von 10 statt 21 Prozent zahlen, zudem wurde die Steuer auf Stromerzeugung von sieben Prozent gestrichen. Diese Maßnahmen haben den Anstieg der Verbraucherpreise aber nur etwas gebremst.

Nur noch nachts Wäsche waschen: Die spanische Regierung hat durchgesetzt, dass Strompreise tagsüber sehr teuer, nachts aber sehr günstig sind

Zu den preistreibenden Faktoren gehören gestiegene Gaspreise nach der Coronakrise und gestiegene Kosten für CO2-Zertifikate im EU-Emissionshandel. Über die Nachfrage allein können die Rekordpreise aber nicht erklärt werden. Der Strombedarf ist in Spanien noch immer niedriger als vor der Finanzkrise ab 2008. Im Sommer wurden Hitzewellen für die Rekorde verantwortlich gemacht, doch die sind vorbei. Spekulation spielt ebenfalls eine Rolle. Das Wirtschaftsmagazin »Bloomberg« berichtete, »obskure« Hedgefonds würden computergesteuert auf Gas- und Strompreise wetten. Betroffen seien niederländisches und britisches Erdgas oder die spanischen und deutschen Strompreise. Allein der Investor Gresham habe darüber bis August eine Rekordrendite von 38,5 Prozent verzeichnet, andere Fonds stünden dem kaum nach.

Da der Preisauftrieb nicht nachlässt und es im Urlaubssommer sogar zu Protesten kam, will die spanische Regierung die befristeten Maßnahmen nun verlängern und sie hat die Energiesteuer von 5,1 auf 0,5 Prozent gesenkt. Zuvor hatten einige Gemeinden angekündigt, keine Stromrechnung mehr zu bezahlen. Víctor Manuel López, Bürgermeister der Gemeinde Batres südlich von Madrid, hat die Bürger aufgefordert, dem Beispiel zu folgen, um darüber »Druck auf die Regierung und die Energieversorger« zu machen.

Diese will nun an die Milliardengewinne der großen Stromerzeuger heran, da diese quasi »vom Himmel fallen«: Abgeschriebene Anlagen wie Atom- und Wasserkraftwerke erhalten nämlich bisher nicht die Vergütung, für die ihr Strom versteigert wird, sondern sie bekommen den Preis für die zuletzt versteigerte und damit teuerste Erzeugungsart, derzeit Gas. Die großen Stromerzeuger sollen nun per Dekret dazu verpflichtet werden, zeitlich befristet einen Teil ihres Stroms zum realen Preis außerhalb der Strombörse zu verkaufen. Auch um bisherige Steuerausfälle zu mildern und Strompreise zu senken, soll ein Teil der Sondergewinne »umgeleitet« werden. Gesprochen wird von 2,6 Milliarden Euro. Die Energiekonzerne gehen indes gegen das Vorhaben auf die Barrikaden. So hat das Nuklearforum, kurz Fine, mit der vorzeitigen Abschaltung der Atomkraftwerke gedroht, die noch etwa 20 Prozent zum Strommix des Landes beitragen. Die Lobbyorganisation meint, dass die Strompreise bald stark fallen werden, wenn erneuerbare Energien mit marginalen Kosten »massiv« ans Netz gingen. Das würde »zur wirtschaftlichen und finanziellen Unrentabilität« der Atomanlagen führen und die »vorzeitige Einstellung der Aktivität zur Folge haben«. Eigentlich stärkt Fine damit die Forderung nach Ausbau der erneuerbaren Energien.

Unschuldig an den stark gestiegenen Endverbraucherpreisen ist die Regierung indes nicht. Sie will nämlich weiterhin nicht an dem Tarifsystem rütteln, über das die Atomkraftwerke subventioniert werden. Vor dem Sommer wurde zwar ein neues Tarifmodell mit drei Zeitzonen eingeführt, um »ökologische Nachhaltigkeit« und einen bewussteren Umgang mit Energie zu erreichen sowie die Infrastruktur besser zu nutzen. Das führte aber dazu, dass seit August viele Verbraucher in der teuren Tageszeit von 10 bis 14 Uhr und von 18 bis 22 Uhr mit 31 Cent pro Kilowattstunde mehr als in Deutschland bezahlen. Bezieht man die Kaufkraft in die Rechnung ein, dann ist der Strom in Spanien für viele Menschen damit noch viel teurer.

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