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  • Obdachlosenhilfe in Wedding

Ein Lastenrad voller Hilfe

Im Wedding liefert eine Gruppe von jungen Leuten Essen an obdachlose Menschen – und braucht nun selbst Unterstützung

  • Von Julia Trippo
  • Lesedauer: 4 Min.

Das XXL-Lastenfahrrad ist vollgepackt. Wie jeden Dienstag fahren David Pähle und Valerie Feist damit vom Sitz der Berliner Obdachlosenhilfe im Wedding zum U-Bahnhof Turmstraße. In einer kleinen Gruppe aus ehrenamtlichen Helfenden stehen sie dort seit Februar jede Woche auf dem kleinen Platz am U-Bahnhof und verteilen Essen an Obdachlose und Bedürftige. Innerhalb kürzester Zeit stehen ein Dutzend Leute an, um sich Kaffee, Obst und Kartoffelsuppe abzuholen. Auch nach Kuchen wird gefragt. »Ich bin froh, dass überhaupt jemand kommt«, erzählt Klaus, der teilweise auf Initiativen wie diese angewiesen ist. Er freut sich über die warme Mahlzeit, auch wenn ihm heute zu viel Pfeffer in der Suppe ist.

Die »Hilfe auf Rädern«-Gruppe hat nicht nur Lebensmittel dabei, sondern auch Hygieneprodukte. Besonders oft fragen die Menschen an diesem Dienstag nach Rasierern, Shampoo und Masken. Auch Menstruationsprodukte und Kondome haben die Helfer*innen dabei. Neben der Essensausgabe ist ein kleiner Erste-Hilfe-Punkt aufgebaut, an dem zwei Ärzte medizinische Beratung und Wundversorgung anbieten. Es geht oft um medizinische Grundversorgung, aber viele Menschen brauchen auch einfach ein offenes Ohr, berichten sie über ihre Einsätze.

In acht großen Plastikkisten am Rand gibt es jede Menge Klamotten, so viel Auswahl, dass sogar auf Farbwünsche eingegangen werden kann (»Socken bitte in blau!«). Jimmy hat Schuhe bestellt, er bekommt schwarze Chucks in Größe 43.

Schuhe sowie Zelte, Isomatten und Schlafsäcke gibt es nur auf Bestellung, erzählt David Pähle. Damit auch noch etwas übrig ist, wenn sie am Leopoldplatz ankommen. Dort liegt der zweite Stopp der wöchentlichen Versorgungstour. Mit den Touren angefangen hat die Initiative am ersten Dienstag im Februar dieses Jahres. »Wir wollten schon länger etwas in der Obdachlosenhilfe machen«, erinnert sich Pähle. An jenem Dienstag waren es Minus 17 Grad. »Da haben wir gedacht: Jetzt müssen wir anfangen«, erinnert sich der junge Mann. Es stimme ihn traurig, wie viele Schicksalsschläge es gibt, und wie oft man in Berlin damit konfrontiert sei.

Eine offizielle Statistik dazu, wie viele obdachlose Menschen in Berlin leben, gibt es nicht. Bei einer Zählung Anfang 2020 wurden knapp 2000 obdachlose Menschen gezählt, Wohlfahrtsverbände und Hilfsorganisationen gehen zum Teil von bis zu 10.000 Menschen aus.

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Auch Valerie Feist ist es ein Bedürfnis, die Menschen, denen es zum Teil am Nötigsten fehlt, zu unterstützen. Der Anlaufpunkt Turmstraße und die Menschen dort sind ihr besonders wichtig. Der 21-Jährigen war aufgefallen, dass dort viele bedürftige Menschen sind, aber niemand, der sich um sie kümmert. Derzeit besteht die Helfendengruppe aus rund zwei Dutzend Leuten von Anfang 20 bis Mitte 30, vor allem aus »Freunden und Freunden von Freunden«, erzählt sie.

Ein Biobauer vom Wochenmarkt am Boxhagener Platz in Friedrichshain spendiere ihnen jeden Samstag eine Kiste Gemüse, einige der Lebensmittel kommen auch von der Berliner Tafel, erklären die Helfer*innen. Eine Gruppe von vier bis fünf Leuten kocht am Montag das Essen in der Küche der Obdachlosenhilfe in der Weddinger Lynarstraße, am Dienstag wird es dann ausgefahren und verteilt. Schätzungsweise 150 Menschen versorgen sie insgesamt, rund 100 Leute bekommen pro Tour eine Mahlzeit.

Derzeit hat die Gruppe ein neues Projekt: ein eigenes Lastenrad. Denn organisatorisch ist die wöchentliche Aktion ein ziemlich großer Aufwand. Vor allem die Beschaffung des Lastenfahrrads frisst viel Zeit. Denn es muss in Reinickendorf abgeholt werden, ausgeliehen wird es von dem sozialen Träger Beteiligungsfüchse, bei dem Pähle als Erzieher arbeitet. Aus versicherungstechnischen Gründen dürfen nur er selbst oder Valerie Feist mit dem Lastenrad fahren. Ein zeitintensives Verfahren, das viel Organisation erfordert.

Für die Finanzierung des neuen Lastenfahrrads, mit dem dann alle fahren können, hat die Gruppe auf dem Portal Startnext die Kampagne »Hilfe auf Rädern« gestartet. 12.500 Euro werden für das rund dreieinhalb Meter lange und anderthalb Meter breite Gefährt benötigt. Dann muss noch eine zusätzliche Stahlkonstruktion gefertigt werden als Ladefläche für den Transport und weiteres Material wie Spanngurte besorgt werden, mit denen sich die gestapelten Kisten festzurren lassen.

Die Arbeit von »Hilfe auf Rädern« finanziert sich bisher nur aus Spenden, vor allem von Freund*innen und aus der Familie. Langfristig wollen die jungen Leute das Projekt weiter ausbauen und auch einen gemeinnützigen Verein gründen. Wenn das Geld für das Lastenrad zusammen ist, soll es weitergehen: ein Pavillon für regnerische Tage ist das nächste Objekt auf der Wunschliste.

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