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Die gekaufte Demo

»Werterauschen« im Schloss Berlin-Biesdorf fragt, was Geld in Kunst und Politik anrichten kann

  • Von Tom Mustroph
  • Lesedauer: 5 Min.
Ansicht von Anna Jermolaewas Videoinstallation
Ansicht von Anna Jermolaewas Videoinstallation "Political Extras" (2015) im Schloss Biesdorf, Berlin

Die Ausstellung »Werterauschen« im Berliner Schloss Biesdorf untersucht die Zusammenhänge von Kapital, Kunst und Gesellschaft. Wie käuflich ist die Kunst, wie käuflich ist die Politik? Eine eindrucksvoll einfache Antwort darauf findet die russische Künstlerin Anna Jermolaewa. Bereits im Jahr 2015 heuerte sie über eine Website gegen Geld potenzielle Demonstrant*innen an. Sie stellte ihnen im Zusammenhang mit der Moskauer Kunstbiennale Schilder zur Verfügung, auf denen Kunst in die Nähe von Satanismus gerückt und Künstler*innen ihr Handwerk abgesprochen wurde. Andere Plakate wiederum feierten die Kunst als Menschenverbinder und riefen Gott an, dass er die Biennale schützen möge.

Dutzende dieser Transparente in kyrillischer Schrift lehnen jetzt an den Wänden im Schloss Biesdorf. Im zugehörigen Video ist zu sehen, wie Jermolaewa Geldscheine an Menschen verteilt, die Schlange stehen, um sich in Listen einzutragen und den Geldempfang zu quittieren. Alles muss schließlich seine Ordnung haben. Einige Listen, die den Empfang von jeweils 500 Rubel bestätigen, gehören ebenfalls zur Installation.

Mit Geld, so sagt diese Intervention der bereits seit 1989 hauptsächlich in Wien lebenden Künstlerin und Kunstprofessorin aus, lässt sich alles kaufen: Haltung zur Kunst und sogar komplette Demonstrationen. Jermolajewa bezog sich in ihrer Arbeit auf die zumindest damals zu beobachtende Praxis politischer Akteure, Fußvolk für den medial vermittelten Straßenkampf mit Handgeld anzulocken. Auch eine der letzten Bastionen von kollektiver wie individueller Willensbildung und Willensäußerung ist also vom Geld kontaminiert. Dies ist die klarste und eindrucksvollste Arbeit in der Ausstellung »Werterauschen«. Sie stellt zugleich einen ultimativen Endpunkt dar. Denn wenn alles käuflich ist, bestimmt die brutal einfache Mathematik der Preise alle Prozesse.

Andere Künstler*innen in der Ausstellung gehen da differenzierter vor. Die Videoinstallation »24 Stunden und ein Arbeiterlied« von Michaela Schweiger etwa dringt filmisch in die Tagesabläufe von sieben eher unterbezahlten Menschen ein - unter anderem ein Wachmann, eine Puppenspielerin und ein Angestellter am Flughafen. Schweiger beobachtet deren Tätigkeiten und kontrastiert sie mit Aussagen zur Größe des Niedriglohnsektors in Sachsen-Anhalt (etwa ein Drittel der Beschäftigungsverhältnisse) und zum Anteil von Zeitverträgen an neu abgeschlossenen Arbeitsverträgen (mehr als die Hälfte). Und immer wieder lässt sie einen Chor auftreten, der das Szenario von Prekarisierung und Vereinzelung mit den vorwärtstreibenden Texten von Arbeiterliedern aus dem sozialdemokratischen und kommunistischen Fundus kontrastiert. Hoffnung auf bessere Verhältnisse kommt da bestenfalls im Gewand romantisierender Erinnerungen zustande.

Den zerstörerischen Einfluss von Investorengeldern in städtischem Gefüge stellt Thomas Ravens in seiner großformatigen Leinwand »City upon two Hills« sehr wirkmächtig dar. Winzig steht die Humboldt-Box - bis 2018 der Schauraum zu den Entwicklungen beim umstrittenen Schlossneubau in Berlin - auf einer gerasterten Fläche. Einzelne Bauklötze liegen ebenfalls herum. Ins Auge stechen allerdings riesenhafte Hochhäuser. Sie schießen weit höher in den Himmel als in den bislang bekannten Hochhausplanungen für den Alexanderplatz. Aber sie illustrieren ganz schön die Träume vom Versilbern des Baulands und Kapitalakkumulation.

Wieder eine Anknüpfung an die spärlichen Reste des solidarischen Moments der Arbeiterlieder aus Schweigers Filminstallation bietet die Textilinstallation »Firma« von Simon Mullan. Er ließ mehr als 100 Arbeitsoveralls auftrennen und fügte die textilen Reste dieser Blaumänner zu einer abstrakten Fläche aus unterschiedlich schimmernden Rechtecken zusammen. Bei manchen Anzügen war die Farbe mehr entwichen als bei anderen. Spuren von Schmutz und Dreck sorgten für weitere Farbmischungen. Das textile Arrangement zeigte aber auch, wie die Individualität jedes einzelnen Blaumannträgers im Gesamtkontext der titelgebenden »Firma« untergeht, von ihr geradezu absorbiert wird.

Kleine, letztlich aber doch weitgehend illusorische Auswege bietet die Videoinstallation »never neverland« der österreichischen Künstlerin Heidrun Holzfeind. Sie suchte diverse Aussteigergemeinschaften auf und berichtet von deren an Geld eher armem, an Selbstbestimmung und auch Zufriedenheit eher reichem Leben. Es bleibt aber der Eindruck vom Glück in der Nische.

Das Kurator*innenteam von »Werterauschen« - die selbst als Künstler*innen tätigen Ingeborg Lockemann, Sven Kalden und Roswitha von den Driesch sowie die Leiterin von Schloss Biesdorf, Karin Scheel - hat sich eines wichtigen Themas angenommen. Leider waren viele der ausgewählten Arbeiten inhaltlich und formal eher erwartbar. Als ungewöhnlich stachen Jermolajewas Intervention, Mullans Blaumann-Komposition und auch Schweigers Arbeiterlied-Arbeit hervor.

Bei den meisten anderen Arbeiten wurde man aber den Verdacht nicht los, dass sie lediglich ausgewählt wurden, um die eine oder andere kapitalismuskritische Position abzudecken oder eben auch eigene Werke in der Ausstellung unterzubringen. Von Kalden stammt die Installation einer »Mad As Hell Bank«, die vorgibt, eine Alternativwährung auszugeben. Lockemann steuerte eine Videoarbeit bei, die Geräusche und Bilder zweier Einkaufsstraßen in London und Accra übereinanderschichtete. Von den Driesch entwickelte gemeinsam mit Jens-Uwe Dyffort die formal interessante, ästhetisch aber eher karge Smartphone-Installation »rating-star fa fa-star«. Algorithmen von Bewertungsportalen werden mit im Netz gefundenen Bildern verknüpft. Die Bild- und Tonsequenzen wirken willkürlich. Daraus eine Kritik an Künstlicher Intelligenz und deren Einfluss auf die menschliche Gesellschaft abzuleiten, wie es der Begleittext nahelegt, erscheint dann aber doch recht bemüht.

Immerhin sind die meisten Werke in dieser Themenausstellung leichter zugänglich, als oft in der gern selbstbezüglichen zeitgenössischen Kunst üblich. Das führte dann auch dazu, dass nicht nur das Schlosscafé mit dem Blick in den harmonisch gestalteten Park gut besucht war, sondern auch die Ausstellung selbst. Genau das ist ja auch der Zweck kommunaler Einrichtungen, wie das Schloss Biesdorf eines ist.

»Werterauschen«, noch bis 14. November, Schloss Biesdorf, Alt-Biesdorf 55, Berlin.

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