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Knappe Kassen und Biosprit im Tank

Die deutschen Flughäfen schreiben trotz der Belebung des Luftverkehrs weiter hohe Verluste. Zudem fordert die Klimakrise ein rasches Umsteuern

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 5 Min.

Spätestens seit dem Feriensommer sind über Berlin wieder mehr Verkehrsflieger zu sehen. Der Hauptstadtflughafen BER, an dem im ersten Halbjahr 2021 coronabedingt ganze 1,5 Millionen Fluggäste abgefertigt wurden, hat sich deutlich belebt. Seit Juli werden pro Monat mehr als eine Million Passagiere gezählt, im September waren es rund 1,5 Millionen. Obwohl kaum davon auszugehen ist, dass die Pandemieentwicklung auch im Spätherbst noch stabile Zuwächse zulässt, wächst Zuversicht. Und das hängt nicht unwesentlich an dem Engagement der Fluggesellschaft Easyjet, die mit einer Millioneninvestition am BER den krisengeschwächten Standort stärkt.

Die Coronakrise macht dem BER weiter zu schaffen. Dank des anziehenden Verkehrs prognostizierte Engelbert Lütke Daldrup als scheidender Geschäftsführer vor Wochenfrist im Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg (FBB) für 2021 am Standort Berlin zehn Millionen Passagiere - im Rekordjahr 2019 waren es 36 Millionen.

Wie argwöhnisch die Luftfahrtbranche angesichts der mitten in der Pandemie stockenden Impfkampagne die Entwicklung des Luftverkehrs verfolgt, wurde zu Wochenbeginn bei einer zweitägigen Konferenz der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) in Schönefeld deutlich. Unmittelbar nach der Bundestagswahl hatten auf Einladung der FBB Geschäftsführer und Vorstände der deutschen Flughäfen - dem Verband gehören 32 internationale und regionale Airports an - deren aktuelle Lage sowie Zukunftsaussichten analysiert und Erwartungen an die neue Bundesregierung formuliert.

Während sich die deutsche Wirtschaft gut erholt, bleibt die wirtschaftliche Lage der Flughäfen angespannt. Zwar erklärte ADV-Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel dieser Tage: »Die Bevölkerung will wieder fliegen.« Und die Buchungszahlen ließen den Schluss zu, »dass sich das aktuell gute Niveau im Oktober fortsetzt«. Noch aber würden die Flughäfen monatlich rund 250 Millionen Euro an Umsatz verlieren. 2021 rechne der ADV mit einem operativen Gesamtverlust aller Standorte von 1,5 Milliarden Euro, nur rund 600 000 Euro weniger als im Vorjahr. Auch im nächsten Jahr stellt sich die Branche auf weitere erheblichen Verluste ein. ADV-Präsident Stefan Schulte erwartet, dass die ersten deutschen Flughäfen 2024 wieder das Vorkrisenniveau erreichen, manche erst 2026.

Um langfristig aus der Krise zu kommen, hoffen die deutschen Flughäfen vor allem auf die Wiederbelebung der Langstreckenverbindungen. Das betrifft vor allem Übersee, also Kanada und auch die USA, die im November die Reisbeschränkungen aufheben wollen. Begleitet wird die Neuaufstellung der Branche nun aber von sich zuspitzenden Herausforderungen, die sich aus der Klimakrise ergeben. Das im Juli von der EU vorgelegte Klimapaket »Fit for 55«, das bis 2030 eine 55-prozentige CO2-Reduzierung gegenüber dem Niveau von 1990 vorschreibt, zwingt auch die Luftfahrt in Richtung Klimaneutralität.

»Prinzipiell sehen sich die Flughäfen in Deutschland und Europa mit ihrer ehrgeizigen Agenda zur CO2-Reduzierung gut vorbereitet«, erklärte Schulte schon im Sommer, warnte aber vor Benachteiligungen im Wettbewerb. Das betrifft nicht zuletzt Mehrkosten aus einer Kerosinsteuer sowie aus einer europäischen Beimischungsverpflichtung von nachhaltigen alternativen (Bio-) Kraftstoffen (SAF), zu der sich der Flughafenverband ausdrücklich bekennt. Insgesamt beziffert der ADV die Belastungen der Branche in Deutschland durch »Fit for 55« mit fünf Milliarden Euro und sieht den Staat in der Pflicht. Auf dem Weg zu mehr Klimaverträglichkeit erwartet Schulte, der als Fraport-Chef den größten deutschen Flughafen in Frankfurt am Main repräsentiert, von einer künftigen Bundesregierung daher Unterstützung der deutschen Airports. So müssten die Bemühungen auf EU-Ebene wettbewerbsneutral sein.

Einstweilen aber beobachtet Schulte das Pandemiegeschehen mit Sorge. »Es wird noch ein kalter Winter werden«, sagte er. Man könne froh sein, wenn 40 Prozent der Passagiere im Vergleich zu 2019 kämen. »Am Ende müssen wir aber unsere Kosten in Griff behalten. Fürs erste Quartal des nächsten Jahres sollten wir noch die Kurzarbeiterregeln in Anspruch nehmen können, damit wir nächstes Jahr mit unserer motivierten Belegschaft durchstarten können.« Die Lage bei den Beschäftigten ist ernst. Zehn Prozent der 180 000 Jobs an den Flughäfen seien bereits abgebaut, aber weitere 27 000 in Gefahr.

Eine Wiederbelebung sieht Schulte beim Geschäftsreiseverkehr, der etwa in drei Jahren 70 bis 80 Prozent des ursprünglichen Niveaus erreichen könnte. Gut stehe das Cargo-Geschäft da, mit dem sich die Luftfahrt als verlässlicher Partner der Wirtschaft zeige. Mit 3,5 Millionen Tonnen Luftfracht liegen die Flughäfen 2021 sogar über Vorkrisenniveau.

Den BER hat die Betreibergesellschaft, die den Ländern Berlin und Brandenburg gehört, auf Sparkurs gebracht. 90 Millionen Euro hat sie im laufenden Jahr eingespart, sie setzt auf Kurzarbeit und hat Neueinstellungen und geplante Investitionen auf das absolut Notwendige zusammengekürzt. Nur einer von drei Terminals ist in Betrieb, Starts und Landungen erfolgen nur über eine der beiden Pisten.

Laut der neuen Fughafenchefin Aletta von Massenbach, die seit Freitag im Amt ist und bisher Finanzgeschäftsführerin war, ist die Liquidität des Hauptstadtflughafens nur bis Februar 2022 gesichert. »Bis dahin brauchen wir frisches Geld«, sagte sie mit Blick auf die Gesellschafter. Für 2021 rechnet sie mit einem Gesamtumsatz von 265 Millionen Euro und einem operativen Verlust von etwa 60 Millionen Euro. Die Finanzlage der Betreibergesellschaft ist seit Jahren schwierig, denn auch wegen der Bauverzögerungen ist sie mit 4,5 Milliarden Euro verschuldet. Die Eigentümer sollen dem BER bis 2026 mit 2,4 Milliarden Euro aus der Krise helfen.

Easyjet, oft als »Billigflieger« abgetan, ist für Engelbert Lütke Daldrup die »Nummer eins am BER«. Als Schwergewicht in der europäischen Luftfahrt verfügt sie über das beste Streckennetzwerk, das Europas zentrale Flughäfen miteinander verbindet. Für Easyjet ist Berlin-Brandenburg die größte Basis außerhalb Großbritanniens. Und als erste große Airline kompensiert sie die CO2-Emissionen des Treibstoffs für alle ihre Flüge. Vor zehn Tagen begann auf dem BER-Gelände der Bau ihres ersten Wartungshangars im Ausland. Ab 2023 sollen dort bis zu vier mittlere Passagierjets gleichzeitig instand gesetzt werden können. Vorgesehen ist er für die am BER stationierte, aber auch die gesamte Europa-Flotte von Easyjet. »Ein Investment von 20 Millionen Euro und die Schaffung hochwertiger Arbeitsplätze am BER ist ein klares Statement für die Region als Wirtschaftsraum und als Flughafenstandort«, erklärte Lütke Daldrup beim ersten Spatenstich.

Seine Nachfolgerin von Massenbach will das Unternehmen auf eine gesunde finanzielle Basis stellen. Nur so werde BER »die bestmögliche Anbindung der Hauptstadtregion an die Welt« gewährleisten können.

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