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Auch die Monster sind zugelassen

Es tut richtig weh beim Zusehen: Der Siegerfilm des diesjährigen Festivals von Cannes »Titane« erzählt von der Wandelbarkeit und technifiziert-hybriden Veränderung menschlicher Körper

  • Florian Schmid
  • Lesedauer: 4 Min.

Kaum ein Film dürfte in diesem Jahr so sehr polarisieren wie »Titane«, der Siegerfilm des Festivals von Cannes. Fast schon in den Hintergrund tritt dabei, dass mit »Titane« erst zum zweiten Mal überhaupt eine Frau die Goldene Palme für den besten Film erhalten hat. Wobei sich vor 28 Jahren Jane Campion (»Das Piano«) den Preis noch mit Chen Kaige (»Lebewohl, meine Konkubine«) teilen musste. In diesem Jahr war sich die von Frauen dominierte Jury, der unter anderem neben Mati Diop und Maggie Gyllenhaal auch Jurypräsident Spike Lee angehörte, aber einig. Der zweite Spielfilm der 37-jährigen französischen Regisseurin Julia Ducournau ist zweifelsohne ein außergewöhnlicher Film. Im Zentrum der fantastischen Geschichte steht Alexia (Agathe Rousselle), der als Kind nach einem schweren Autounfall die Titel gebende Titanplatte in den Schädel eingesetzt wird. Von da an hat sie ein inniges und schließlich auch sexuelles Verhältnis zu Automobilen. Als Tänzerin umlagert von Autogrammjägern jobbt sie bei einer Autoshow und hat irgendwann Sex mit einem Cadillac, wovon sie schwanger wird. Sonst ist Alexia viel unterwegs, wenn sie nicht bei ihren Eltern fernsehend auf dem Sofa rumhängt, und bringt Menschen um – egal ob es ein aufdringlicher Mann ist oder eine Frau, mit der sie erst am Strand knutscht und schließlich deren ganze queere WG massakriert.

»Titane« ist definitiv kein einfacher Film, stellenweise tut es richtig weh beim Zusehen. Julia Ducournaus Faible für Bodyhorror, das auch schon ihren ersten Film »Raw« maßgeblich prägte, während dessen Aufführung beim Toronto-Filmfestival einige Zuschauer sogar in Ohnmacht fielen und ärztliche Betreuung brauchten, spielt auch hier wieder eine große Rolle. Egal, ob es die Gewalt ist, mit der Alexia andere Menschen mordet, indem sie ihnen spitze Gegenstände ins Gesicht rammt oder ihre bizarre Schwangerschaft, bei der immer wieder Schmieröl aus ihrem Körper austritt und Metallstücke aus ihrem Unterleib ragen, den sie ständig aufkratzt – »Titane« ist von Anfang bis Ende durchzogen von brutaler sexualisierter Gewalt, die ästhetisch inszeniert wird und in der Summe den Eindruck erweckt, als wäre sie eher Selbstzweck und weniger erzählerisches Mittel. Die Gewalt wird reproduziert, ohne ihre gesellschaftliche Funktion wirklich zu hinterfragen. Als würde Julia Ducournau vor allem Grenzen überschreiten wollen und dabei ausloten, was die Zuschauer in der Lage und gewillt sind auszuhalten. Wobei die Geschichte in der zweiten Hälfte dieser gut anderthalbstündigen Tour de Force stellenweise dann fast versöhnliche Momente hat, in denen es auch durchaus um Zärtlichkeit, Zuneigung und Fürsorge geht.

Auf der Flucht vor der Polizei trifft Alexia schließlich auf den Feuerwehrmann Vincent (Vincent Lindon), der in ihr seinen im Alter von sieben Jahren verschwundenen oder entführten Sohn Adrien zu erkennen glaubt. Er nimmt Alexia/Adrien mit nach Hause, wo sie Mitglied der ausschließlich aus Männern bestehenden Feuerwehrtruppe wird. Alexia/Adrien fügt sich in ihre Umgebung ein, verbirgt ihre zuvor so extrovertiert gelebte Weiblichkeit und die Schwangerschaft, um in einer von Hilflosigkeit, großen Hoffnungen und Verzweiflung geprägten und absurden Familiensituation mit dem alternden Feuerwehrhauptmann zu bleiben. Wobei Alexia/Adrien sich momentweise sogar wohlzufühlen scheint. Mit Arbeitskollegen ist sie unterwegs bei Rettungseinsätzen und bei riesigen Bränden, die als geradezu apokalyptische Feuer inszeniert werden. Wobei einigen Feuerwehrmännern bald klar wird, dass Alexia/Adrien keineswegs der wirkliche Sohn von Vincent sein kann. Dem Feuerwehrhauptmann ist das aber völlig egal. Geschlecht ebenso wie Familie sind hier vor allem auch fiktionale Konstruktionen, haben viel mit Erwartungen und Zwängen zu tun, denen die Figuren in dieser Geschichte immer wieder versuchen auf schmerzhafte Weise gerecht zu werden oder zu entkommen.

»Titane« lässt sich kaum kategorisieren. Ein Stück weit ist der Low-Budget-Film natürlich Arthouse-Kino, aber auch Science-Fiction, Horror und Fantasy, ohne dass er sich diesen Genres wirklich zuordnen ließe. Stellenweise übernimmt »Titane« Motive aus dem SF-Klassiker »Alien«. Nicht wenige – vor allem Filmkritiker – fühlen sich aber auch an David Cronenbergs Verfilmung (1996) von J.G. Ballards Kult-Roman »Crash« (1973) erinnert, in dem es aber weniger um das Verhältnis zu Technologie als vielmehr um den Unfall als fetischisierte Allegorie einer gesellschaftlichen Todessehnsucht geht. »Titane« erzählt dagegen – vor allem auch in der bizarren finalen Auflösung – von der Wandelbarkeit und technifiziert-hybriden Veränderung menschlicher Körper, die in der SF mittlerweile eine zentrale Rolle spielt und mit der transhumanistisch geprägten Cyborg-Bewegung mittlerweile auch eine ganz eigene Subkultur hervorgebracht hat. Aber »Titane« lässt sich auch nicht wirklich als filmische Adaption dieser Cyborg-Technokultur lesen. Der Film entzieht sich allzu einfachen Einhegungen. Julia Ducournau bedankte sich bei der Jury in Cannes, dass sie mit ihrer Entscheidung mehr Diversität und auch die »Monster« zugelassen habe, die so in dieser Form im Filmgeschäft sonst kaum vorkommen. Das hört sich nach einem Empowerment an, das der Film aber nicht wirklich allen Zuschauern wird vermitteln können.

»Titane«: Frankreich/Belgien 2021. Regie und Buch: Julia Ducournau. Mit: Agathe Rousselle, Vincent Lindon, Laïs Salameh, Garance Marillier, 108 Minuten, Start: 7. Oktober.

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