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»Das neue Moria ist noch schlimmer als das alte Camp«

Efi Latsoudi arbeitet als Psychologin in der Geflüchtetenhilfe auf Lesbos. Die Situation ist verheerend.

  • Von Julia Trippo
  • Lesedauer: 5 Min.
Am 9. September 2020 ging das Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos in Flammen auf. Migrant*innen fliehen mit ihren Habseligkeiten.
Am 9. September 2020 ging das Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos in Flammen auf. Migrant*innen fliehen mit ihren Habseligkeiten.

Frau Latsoudi, Sie arbeiten als Psychologin mit Geflüchteten auf Lesbos. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation auf der Insel ein?

Die allgemeine Situation auf der Insel ist derzeit sehr schwierig, da es eine Polarisierung der Einheimischen gibt. Die Medien und Kommunalpolitiker*innen verbreiten ein Narrativ, das sich gegen die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen mit Geflüchteten und gegen Solidarität richtet.

Für die hier ankommenden Menschen herrscht viel Unsicherheit, vor allem auch wegen des Fast-Track-Verfahrens. Hier wird der Entscheidungsprozess des Asylverfahrens beschleunigt, sie können auch schneller abgelehnt werden und immer mehr Menschen werden dann tatsächlich abgelehnt. Dann können sie in die Türkei zurückgeschickt werden, die als sicheres Drittland gilt.

Wie hat sich die Situation seit dem Brand von Moria im September 2020 verändert?

Die derzeitige Situation ist prekärer denn je. Das neue Moria ist schlimmer als das alte. Denn dort hatte sich nach all den Jahren zumindest eine gewisse Infrastruktur aufgebaut. Jetzt leben die Leute wieder in prekären Verhältnissen, mit ihren Zelten im Schlamm. Und das Camp liegt direkt am Meer, also sind die Menschen dem starken Wind und den Wetterbedingungen ausgesetzt. Das neue, große Lager, das nach dem Feuer in Moria im September 2020 von der Regierung gebaut wurde, ist kein geeigneter Ort für Menschen, denn es ist nur ein temporärer Ort. Es gibt keinen richtigen Strom- und Wasseranschluss, die Leute leben dort im Dreck. Noch immer stehen überall Wohncontainer oder Zelte, Schutt liegt rum, Chemietoiletten werden gebaut. Und den Menschen fehlt es an Schutz und auch an medizinischer Versorgung. Außerdem hat die Polizeipräsenz massiv zugenommen. Zugang zu dem Lager haben nur Personen, die mit dem Staat zusammenarbeiten. Die Geflüchteten werden von der Polizei unterdrückt, sie dürfen keine Bilder aus dem Camp machen oder über den Zustand sprechen. Momentan herrscht einfach extreme Unsicherheit.

Wann hat die Polizeipräsenz so extrem zugenommen?

Die Regierung hat mehr Polizisten für das neue Lager Moria 2.0 geholt. Und auch die Pushbacks von griechischer Seite haben zugenommen. Mit der neue Regierung 2019 hat sich der Fokus auf systematische Zurückweisungen gerichtet, wir haben viele Berichte darüber erhalten. Deshalb kommen weniger Geflüchtete an. Lesbos sieht aus wie ein militärischer Ort. Es gibt so viel patrouillierende Frontex-Präsenz, wissen Sie, Boote auf dem Meer, die wie in einem Krieg gegen Flüchtlinge auf den Meeren patrouillieren.

Sie haben in einem Lager gearbeitet, Pikpa. Dann wurde es geschlossen. Was ist passiert?

Nach dem Brand in Moria wurden alle alternativen Lager geschlossen, andere Einrichtungen, Unterkünfte und Wohnungen in der Stadt. Als das passierte, waren wir am Boden zerstört. Was für eine große Ungerechtigkeit! Für mich gab es keine Logik dahinter, Menschen in Zelte in Lager zu stecken, die vorher in Häusern gewohnt haben. In Pikpa hatten wir angemessene Unterkünfte für schutzbedürftige Menschen, insbesondere für Frauen, Kinder und Menschen mit Behinderung. Das alles wurde geschlossen, im Winter, während einer Pandemie. Die Menschen wurden zurück in diese schwierigen Bedingungen geschickt. In Pikpa hatten wir es sogar geschafft, die Menschen vor COVID zu schützen.

Wie können die besonderen Bedürfnisse von bedrohten Minderheiten – also zum Beispiel Frauen, Schwangere, Menschen mit Behinderung, Mitglieder der LGBTQ-Community – sichergestellt werden?

Das erste, was benötigt wird, sind anständige Lebensbedingungen. Die Leute brauchen einen sicheren und würdevollen Ort. Wenn Menschen ein Gefühl von Freiheit verspüren und sich nicht von der Polizei eingeschränkt oder von Behörden ungewollt fühlen, hat das eine heilende Wirkung und vermittelt ihnen Sicherheit.

Was sind denn die Hauptprobleme, mit denen Sie bisher konfrontiert waren?

Viele Frauen beispielsweise haben während der schwierigen und gefährlichen Reise traumatische Erfahrungen gemacht. Viele Menschen haben Gewalt auf dem Weg zu oder in den Lagern erfahren und werden durch die Bedingungen dann auch noch retraumatisiert. Wir wissen auch von Vergewaltigungen in den Camps. Ich weiß sogar von einem dreijährigen Kind, das vergewaltigt wurde. In den Lagern fühlen sich die Menschen sehr unsicher, Frauen und Kinder fühlen sich unsicher. Doch die Gewalt dort wird nicht dokumentiert, weil die Leute nicht darüber sprechen können.

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Momentan arbeiten sie bei Lesbos Solidarity. Was genau machen Sie dort?

Nach dem Verlust von Pikpa haben wir alles restrukturiert. Mit Lesbos Solidarity haben wir uns Partner in der lokalen Community gesucht und Integrationsprogramme gestartet, wie die Restaurierung eines Hauses oder ein soziales Restaurant. Geflüchtete werden dann angestellt und bekommen ein Gehalt und Sozialversicherung, sie können Miete bezahlen und ihr Leben beginnen. Auch in unserem Betrieb haben wir Arbeitsplätze geschaffen, 35 Prozent der Mitarbeitenden in der Organisation sind Geflüchtete.

Wir bieten Kurse und Workshops für die Geflüchteten an und haben Bildungsprogramme und kreative Aktivitäten für die Kinder, für einheimische Kindern und Flüchtlingskinder zusammen. Und wir versuchen, Bewusstsein zu schaffen und die Gemeinschaft zusammenzubringen, weil wir dieser enormen Polarisierung entgegen wirken müssen. Die griechische Gesellschaft wendet sich immer mehr gegen die Flüchtlinge, weil Medien und Politik sie als Feinde darstellen. Nach der Solidaritätswelle 2015 in Griechenland wird mittlerweile auch über eine Bedrohung durch solidarische Menschen gegen das griechische Volk gesprochen. Solidarische Nichtregierungsorganisationen werden stark kriminalisiert und stigmatisiert. Deshalb machen wir uns auch in der Politik stark und verweisen auf den katastrophalen Zustand auf Lesbos. Es ist eine Katastrophe für die Menschenrechte.

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