Werbung
  • Kultur
  • Literatur aus Österreich

Ein Vokal in seinen Stimmbändern

Wie ticken die Anhänger von Sebastian Kurz? Elias Hirschl hat über sie einen satirischen Roman geschrieben

  • Von Guido Speckmann
  • Lesedauer: 4 Min.
Österreich, wie es kreischt und lacht: Zusammen über Sebastian Kurz jubeln und sich dabei voneinander entfremden
Österreich, wie es kreischt und lacht: Zusammen über Sebastian Kurz jubeln und sich dabei voneinander entfremden

Es fällt schwer, von einem Protagonisten im strengen Sinne in Elias Hirschls neuem Roman zu sprechen. Nicht weil die Hauptfigur keinen Namen trägt, sondern weil der Namenlose lediglich das Imitat eines Individuums ist oder, wie seine Freundin es ihm an den Kopf schleudert, »eine leere Hülle ohne Emotionen«. Soll das vielleicht der am Samstag zurückgetretene österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz sein?

Nein, denn bei Hirschl geht es vor allem um dessen Anhängerschaft. Und um diese zu beschreiben, zeichnet der 27-jährige Wiener Autor in »Salonfähig« das Porträt eines kleinen Funktionärs einer rechtskonservativen Jugendorganisation, und zwar mit satirischen Mitteln. Zur »Generation Slim Fit« wird diese Anhängerschaft nach ihrer Vorliebe für eng geschnittene Anzüge gezählt. Die perfekte Inszenierung ist ihr Ziel.

Im Roman heißt der junge Vorsitzende der konservativen Partei, der im Laufe der Handlung zum Kanzler gewählt wird, Julius Varga. Er ist vor allem Kurz nachempfunden, aber nicht nur, wie der Autor in einem Interview sagte; Pate stand etwa auch Philipp Amthor von der CDU. Und so wie Julius möchte auch die Hauptperson sein - oder vielmehr: Er möchte Julius Varga sein oder zumindest »ein Vokal in seinen Stimmbändern«, wie es an einer Stelle heißt.

Die 29-jährige Hauptperson hat das neoliberale Credo tief verinnerlicht: »Viele glauben, Erfolg hat etwas mit Talent zu tun, aber das stimmt nicht. Talent existiert nicht. Jeder kann werden, was er möchte.« Nach dieser Maxime handelt er. Und das ist harte Arbeit. Unabdingbar dafür: ein sicheres Auftreten und ein gepflegtes Äußeres. Täglich vollzieht er folgende Prozedur: »Ich trage ein Repair-, Detox- & Protect-Hitzeschutzspray auf und föhne mich mit meinem Dyson Supersonic mit patentierter Smoothing-Düse schonend bei mittlerer Temperatur (…) Dann nur noch ein bisschen Wachs rein, mit dem Kamm in Form bringen, und fertig.« Er steht er vor dem Spiegel und übt Ansprachen, Mimik und Gestik, kontrolliert permanent seinen Haaransatz und hat wöchentliche Termine bei einer Rhetoriktrainerin und einer Therapeutin. Erstere bläut ihm die drei Regeln des Erfolgs ein: »Suche dein Idol. Finde dein Idol. Werde dein Idol.« Die Imitationsversuche des Protagonisten gehen so weit, dass er selbst das Hinken seines Vorbildes nachahmt, aber irgendwann durcheinanderkommt, welches Bein denn nun nachgezogen werden muss.

Er ist von Terroranschlägen fasziniert, hat ein Patenkind in Afrika, redet sich ein, ein mitfühlender Mensch zu sein, schenkt dem Bettler auch schon mal einen Kaffee, belohnt sich dafür dann mit einer Sacher-Torte. Er redet nicht, sondern gibt Phrasen von sich und geht mit seinen Parteikollegen auf Punk-Konzerte, Bälle oder in exklusive Clubs. Wenn er dort einen Mann mit Dreadlocks erblickt, hat er Gewaltfantasien. Und natürlich wird viel gekokst und gesoffen.

Aber vor allem stalkt er Julius Varga, der ihn auf Twitter blockiert und auf seine zahlreichen SMS-Nachrichten nie reagiert. Immerhin hat er über Umwege den Auftrag erhalten, die Blumen in der Wohnung des Kanzlers gießen zu dürfen. Eine Aufgabe, die er zelebriert wie einen Staatsakt.

Diese Hauptfigur ist im Grunde eine arme Wurst, ein Parteisoldat, der im Gegensatz zu seinen Parteikollegen nach der gewonnenen Wahl nicht in der Hierarchie aufsteigt und selbst noch aus dem parteieigenen Podcast herausgeschnitten wird. Und so zerbricht der Protagonist an der Spannung, wie sein Vorbild sein zu wollen. Er leidet an Panikattacken, hat zitternde Hände und Ausfälle, seine Freundin herrscht er wegen scheinbarer Nichtigkeiten an (die Zeugnis eines Traumas sind).

Wie Hirschl mit satirischen Mitteln der bisherigen Anhängerschaft von Kanzler Kurz den Spiegel vorhält, ist überaus gelungen, mitunter lustig und oft erschreckend. Manchmal bedient er sich auch realsatirischer Mittel. Das Sex-Punktesystem innerhalb der Jugendorganisation, das Sex mit hohen Funktionären entsprechend besser mit Punkten belohnt, ist nicht erfunden, das hat es in der Schülerunion Österreichs tatsächlich gegeben. »Salonfähig« ist auch ein Buch über toxische Männlichkeit, die sich ausschließlich an Werten wie Leistungsfähigkeit und Produktivität orientiert. Der Roman zeigt, wie sich die Menschen voneinander entfremden, wenn es nur noch darum geht, was einem dieser oder jener Kontakt karrieremäßig bringt.

Elias Hirschl: Salonfähig. Zsolnay-Verlag, 256 S., geb., 22 €.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung