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  • Qualifikation zur WM 2022

Die rasche Revitalisierung der deutschen Fußballer

Bundestrainer Hansi Flick führt die DFB-Elf als erstes Team zur WM 2022

  • Von Frank Hellmann
  • Lesedauer: 4 Min.
Timo Werner (M.) traf für die DFB-Elf gegen die Nordmazedonier doppelt.
Timo Werner (M.) traf für die DFB-Elf gegen die Nordmazedonier doppelt.

Hansi Flick schien es wichtig, sich am Ende der erfolgreichen Pflichtübung im Nationalstadion von Nordmazedonien direkt vor den Kabinentrakt zu stellen. So ging der Bundestrainer auf Nummer sicher, jeden einzelnen Akteur beim Abklatschen zu erwischen. Nicht mal die leichte Erkältung drückte auf die Stimmung des 56-Jährigen, der nach dem 4:0 (0:0) im WM-Qualifikationsspiel im nasskalten Skopje zufrieden Zwischenbilanz zog. »Wir haben unser Ziel erreicht, uns so schnell wie möglich zu qualifizieren«, erklärte Flick später in der digitalen Pressekonferenz. Die deutsche Elf hatte am Montagabend mit dem fünften Sieg im fünften Spiel unter seiner Regie als erster Teilnehmer hinter Ausrichter Katar die Zulassung für die umstrittene Weltmeisterschaft erwirkt.

Kein Gegner manifestiert den Stimmungsumschwung für Fußballdeutschland besser als Nordmazedonien: Wo die DFB-Auswahl im Frühjahr unter Anleitung von Joachim Löw beim 1:2 in Duisburg eine Bruchlandung erlebte, leistete sich das Team in der Toše-Proeski-Arena nun keinen Ausrutscher. DFB-Direktor Oliver Bierhoff kann nun umgehend in die konkreten Vorplanungen für den Wüstentrip einsteigen, die bis Februar nächsten Jahres finalisiert werden sollen. »Wir sind an einem guten Punkt. Wir haben die Dinge schon sehr schnell umgesetzt, das, was Hansi Flick auch fordert«, ließ der 53-Jährige in einem Verbandsvideo wissen. Man würde spüren, wie auf und außerhalb des Platzes etwas zusammenwächst. Einen ähnlichen Tenor sollen auch die Dankesreden im Teamhotel in Skopje gehabt haben.

Allmählich wächst die Zuversicht, dass der vierfache Weltmeister wieder seinen natürlichen Turnieransprüchen gerecht werden könnte. Der 35 Jahre alte Kapitän Manuel Neuer träumt jedenfalls schon wieder vom Gewinn des Goldpokals und findet in seiner mutigen Zielstellung auch in der jüngeren Generation vermehrt Gesinnungsgenossen. »Wenn man für Deutschland spielt, ist das Ziel immer, Titel zu gewinnen. Deswegen werden wir nächstes Jahr auch so anreisen«, sagte der 22-jährige Kai Havertz, der mit seinem Führungstor nach einer zähen ersten Hälfte den Bann gebrochen hatte. Ausgerechnet der viel gescholtene Timo Werner legte mit zwei sehenswerten Treffern nach. »Es muss ja abperlen«, sagte der 25-Jährige zur stets aufflammenden Kritik an seiner Person. »Hätte ich mir jetzt zwei Tage lang einen Kopf gemacht, hätte ich nicht spielen können.« Der Stürmer des FC Chelsea verriet auch, dass der Fußballlehrer Flick empfindliche Seelen streichelt. »Ich brauche dieses Vertrauen von außen, das gibt er mir zu hundert Prozent. Das versuche ich zurückzuzahlen. Das hat in vier von fünf Spielen gut geklappt.«

Neben Werners Treffsicherheit verblüffte auch die Selbstverständlichkeit, mit der Freigeist Thomas Müller zweimal mustergültig auflegte oder der eingewechselte Jamal Musiala leichtfüßig im Zusammenspiel der Jungspunde mit Karim Adeyemi den Schlusspunkt setzte. Leon Goretzka empfahl trotz des positiv verlaufenden Erneuerungsprozesses, »weiter kleine Brötchen zu backen«. Denn: »Wir müssen noch viele Dinge besser machen.« Aber auch der Antreiber ist optimistisch, dass das gelingt: »Das kann kaum jemand besser als Hansi.« Flick scheint wie gemacht für die rasche Revitalisierung. Er kommt ohne Überschwang, erst recht ohne Überheblichkeit aus, setzt sich dennoch hohe Ziele. »Wir müssen uns entwickeln bis zur WM. Wie weit wir dann sind, weiß ich nicht. Aber ich weiß auf jeden Fall, mit dieser Mentalität ist einiges machbar.«

Vor den Halbfinalisten der Nations League, die zuletzt in Italien tolle Spiele boten, müsse sich sein Team nicht verstecken, erklärte Flick: »Von der Qualität unserer Spieler, wenn man mal schaut, wo sie spielen, muss man einfach sagen, haben sie auch die Qualität, gegen Italien, Spanien, Frankreich und Belgien zu bestehen.«

Stellt sich noch die Frage, ob auch die Stabilität gegen stärkere Gegner reicht. Weil es in 13 Monaten kaum Vorbereitungszeit für die WM gibt, kommt den nächsten Länderspielen große Bedeutung zu. Im November können die Qualifikationspartien gegen Liechtenstein und Armenien zum Experimentieren genutzt werden, obwohl Neuer bereits durchblicken ließ, dass Leistungsträger wie er gar nicht geschont werden wollen: »Jeder hat Bock auf die Nationalmannschaft.« Im März 2022 kann sich der DFB noch zwei Gegner aussuchen. Weiteren Aufschluss werden dann drei Monate später die vier Partien in der nächsten Nations-League-Runde bringen. Definitiv braucht es Vergleichsmöglichkeiten auf hohem Niveau: Denn Deutschland wird wohl, sofern die Fifa die WM-Endrunde auf Basis ihrer Weltrangliste auslost, nur im zweiten Lostopf landen und mindestens einen Topfavoriten bereits in der Gruppenphase antreffen.

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