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Rattenloch oder Goldgrube

Um die Frauenstraße 24 in Münster wird seit langem gestritten. Es geht um Profit und bezahlbare Mieten

  • Von Maurice Lötzsch, Münster
  • Lesedauer: 8 Min.
Lange wurde um das besetzte Haus in der Frauenstraße 24 gekämpft. Mittlerweile ist es legalisiert und steht unter Denkmalschutz. Doch ein Ort für politischen Aktivismus ist das Haus noch immer.
Lange wurde um das besetzte Haus in der Frauenstraße 24 gekämpft. Mittlerweile ist es legalisiert und steht unter Denkmalschutz. Doch ein Ort für politischen Aktivismus ist das Haus noch immer.

Wer heute in die Frauenstraße 24 in Münster kommt, erlebt einen Touristenmagneten. Geführte Gruppen halten an der reich verzierten Fassade an, Reisende zücken ihre Fotoapparate und lauschen den Anekdoten aus der wilden Vergangenheit. Dort, wo es heute im gemeinschaftlichen Garten aus der Küche der Kulturkneipe im Erdgeschoss regelmäßig nach frischer Köfte und Falafel riecht und gerne mal eine wilde Mischung aus Klavierstücken und hämmernden Technobeats aus den Wohnungen darüber schallt, wurde in den 1970er-Jahren der Wohnungskampf ausgerufen. Es begann eine acht Jahre andauernde Besetzung, deren Auswirkungen noch immer zu spüren sind.

Ein beherrschendes Thema in der Stadt ist der bis heute rasant steigende Mietpreis, der durch den traditionell knapp bemessenen Wohnraum in Münster noch befeuert wird. »Friss oder stirb«, zahlen oder woanders leben, das ist das Motto der westfälischen Provinzstadt, die sich als Stadt der Wissenschaft und Lebensart feiert. Daran hat sich in den letzten 50 Jahren wenig geändert.

Als die Wohnsituation 1973 mehr als prekär war, reichte es vielen Studierenden. Sie besetzten auf Initiative des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta) das Wohnhaus in der Frauenstraße - just an dem Tag, als es abgerissen werden soll. Auch ein Kamerateam des WDR besucht die rund 300 Besetzer*innen für einen Beitrag. »Die F24 lag durch die Innenstadtlage dermaßen im Fokus, dass der öffentliche Druck zu groß wurde«, erinnert sich Bernd Uppena, der ab 1975 im Haus engagiert war. Als einziges Wohnhaus im gesamten Straßenzug hat der Altbau den Krieg überstanden, 1952 wurde es durch Landesmittel wieder instand gesetzt. »Somit unterlag das Gebäude der Sozialbindung und sollte günstige Mieten garantieren«, erklärt Uppena. »Trotzdem wurde das Haus an einen Makler verkauft, der in der Immobilie in bester Lage ein gutes Geschäft sah.« Die Frauenstraße 24 steht fortan für acht Jahre unter dem Damoklesschwert des Abrisses.

Als der Makler Hans Stürmer 1974 Konkurs anmelden muss, steht die Immobilie unter Zwangsverwaltung, und die Besetzer*innen erhalten Mietverträge. »Wir haben versucht, die Öffentlichkeit auf unsere Seite zu ziehen und Kontakte zum Stadtrat aufzubauen«, erzählt Uppena. »Die SPD war ein guter Ansprechpartner, und sogar die FDP hat uns unterstützt.« Nicht dagegen die CDU, denn »viele ihrer Stadträte waren mit der Immobilienwirtschaft bekannt«.

Als 1976 der Makler Hermann Josef Schmalt die Frauenstraße 24 kauft, helfen ihm kurze Drähte in den Stadtrat, um eine Abrissgenehmigung zu beantragen. Die Gegenwehr wird stärker, die Aktivist*innen um Bernd Uppena laden verschiedene Gutachter ein, die dem Haus eine gute Bausubstanz bescheinigen. Der neue Eigentümer will dennoch abreißen lassen. Als Schmalt im darauffolgenden Jahr wegen zwielichtiger Geschäfte in U-Haft muss, steht das Haus erneut unter Zwangsverwaltung. Hauptmieter ist ab jetzt der Asta der Universität, der die Räumlichkeiten an Studierende vermietet.

Ein kurzer Burgfrieden tritt ein, bis 1978 der Dortmunder Makler Günter Arno Ernst das Gebäude erwirbt. Bei einer Versteigerung überbietet er das Angebot eines von Hausbewohner*innen gegründeten Vereins um 40 000 D-Mark. Für Bernd Uppena, der ein Jahr zuvor zum Haussprecher gewählt wurde, kam die erneute Wendung denkbar ungelegen. »Die Luft war einfach raus, die Öffentlichkeit war genervt - ›schon wieder diese Frauenstraße‹, hieß es. Wir mussten aber trotzdem ein Zeichen setzen«, erinnert er sich. »Wir haben die Stuckfassade mit schwarzen Planen verhängt, um den Anwohner*innen zu zeigen, wie es aussieht, wenn das Haus nicht mehr da ist.« Das war eine Aktion, die wieder Aufmerksamkeit erzeugt.

Der Eigentümer erhebt in den Jahren 1979 und 1980 Räumungsklagen gegen den Asta und einzelne Hausbewohner*innen, kann die Räumungstitel aber nicht durchsetzen, da ihm der Zugang zum Haus verwehrt wird. In den Zimmern wohnen zudem »zufälligerweise« nicht mehr die Personen, gegen die er die Titel erwirkt hat. »Das war schon purer Stress«, berichtet Uppena. »Wir haben Nachtwachen abgehalten und waren für den Ernstfall einer Räumung vorbereitet, die aber nie kam.« Einzig eine Schnellschussaktion des Maklers bleibt in Erinnerung, als kurz vor Auslaufen der Abrissgenehmigung ein Fahrradschuppen und ein Gartenhaus zerstört werden. »Wir haben dann Barrikaden gebaut, damit das nicht noch mal passiert«, sagt Uppena. Er lacht dabei. Der Eigentümer Ernst schaltet auf Angriff und kündigt in Zeitungsinterviews großspurig an: »Ich mache aus der Frauenstraße 24 ’ne Goldgrube oder ein Rattenloch. Die Anwohner werden mich noch anbetteln, das Ding endlich abzureißen«.

Die Bewohner*innen bleiben jedoch weiterhin kreativ. 1981 reihen sie sich unerlaubt in den Rosenmontagsumzug ein und protestieren »wider den tierischen Ernst«. Wenige Wochen später knallen dann die Sektkorken, als bekannt wird, dass das Land Nordrhein-Westfalen die Frauenstraße 24 kauft und das Haus unter Verwaltung der Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) stellt. Im November wird es sogar in der Landesdenkmalliste erfasst. Durch den jahrelangen Kampf seien die »Voraussetzungen der Denkmalwürdigkeit aus städtebaulicher, künstlerischer und sozial-geschichtlicher Bedeutung gegeben«, so das Denkmalamt. Im heutigen Denkmal leben 21 Menschen unter einem Dach, die Vermietung übernimmt der Asta. Beim Verkauf an die LEG wurde festgelegt, dass das Haus fortan an junge Menschen und Studierende vermietet werden soll.

Die dort Wohnenden heute sind sich der Historie ihres Wohnhauses bewusst. »Man merkt jeden Tag, was hier los war, wenn Touristen Fotos von unserer Fassade machen. Manchmal klingeln auch Leute und erzählen uns Geschichten von früher«, erzählt Sara Schomakers, eine der Haussprecherinnen. »In der Stadt haben viele eine Beziehung zum Haus. Irgendwer kennt immer jemanden, der mal hier gewohnt hat.« Auch den politischen Geist hat sich das Haus bewahrt. Viele Bewohner*innen sind politisch aktiv oder setzen sich mit gesellschaftlichen Themen wie der Wohnungspolitik auseinander. Regelmäßig hängen Transparente zu aktuellen politischen Themen an der Fassade, die Haustür ist übersät mit Aufklebern, im Hausflur finden sich zahlreiche Graffiti und Malereien, die dem besonderen Geist des Hauses entsprechen. »Wer mit 25 Jahren schon CDU wählt, der fühlt sich bei uns wahrscheinlich nicht so wohl«, sagt Schomakers.

Ein solidarisches Zusammenleben ist in dem Haus noch immer wichtig. »Wir sind kein normales Mietshaus, wo wir zufällig hingekommen sind. Wer bei uns lebt, ist Teil einer Hausgemeinschaft«, sagt die Haussprecherin. »Wir helfen und unterstützen uns gegenseitig, es herrscht schon eine andere Art im Umgang, als man das von anderen WGs kennt. Wenn gemeinsame Bauprojekte im Haus oder im Garten geplant sind, stehen gerne mal ein Dutzend Leute da, um mit anzupacken.«

Ein besonderer Aspekt des Hausprojekts ist die mit der LEG und dem Asta verhandelte soziale Mietenpolitik. Die aktuellen Mieten sind für die attraktive Lage im Universitätsviertel sehr niedrig, oftmals sind sie für WG-Zimmer in umliegenden Straßen meist doppelt so hoch wie in der Frauenstraße 24. Für die Bewohner*innen ist das Projekt ein Glücksfall. »Wenn es dieses Haus nicht gäbe, könnten sich viele diese Lage nicht leisten«, sagt Schomakers. Denn in Münsters Eliteviertel gewinnt häufig der auf dem Wohnungsmarkt, der die dickste Brieftasche hat. Wer auf der beliebten Plattform »WG-gesucht« nach einem Zimmer in Münster schaut, findet meist saftige Preise - einzig die vielen konservativen bis offen nationalistischen Burschenschaften und Verbindungen der Stadt vermieten ihre Zimmer zu Spottpreisen, um ihre Ideologie weiterzugeben. Es kommt häufiger vor, dass die Wohnungsnot ulkige Blüten treibt und sich verzweifelte Studierende beim Wetttrinken zwischen Bundesbrüdern wiederfinden.

Das Problem mit dem Wohnraum kennt auch Werner Szybalski, der für die Mieter*innen der LEG aktiv ist und auch die Leute aus der Frauenstraße 24 kennt. Seit die LEG im Jahr 2008 privatisiert wurde, herrsche einzig der Profitwille, sagt er. »Es ist kein Geheimnis, dass versucht wird, die Mieter*innen weiter auszuquetschen. Wohnraum ist seit Jahren knapp, aber die Stadt findet keine Lösungen.« Durch den Zuzug von neuen Studierenden platzt die Stadt zu Semesterbeginn aus allen Nähten, viele finden auf Anhieb keine Wohnung. Der Asta ruft jedes Jahr die Aktion »Deine Couch für Erstis« ins Leben, mit der zumindest Symptombekämpfung stattfinden soll. Rund 50 000 Studierende wohnen in Münster - nur für jeden Zehnten gibt es einen Platz in einem der Wohnheime. Neubauten sind in der Stadt rar.

Für Szybalski liegt das am Profitinteresse der Wohnungsunternehmen. Neubauten sollten verpflichtend ein Drittel Sozialwohnungen beinhalten, fordert er, obwohl er weiß, dass man damit kein Geld verdient. Auch bei Renovierungen sei die LEG geizig, sagt der Mietrechtler, das würde man auch in der Frauenstraße 24 merken.

Reparaturen gibt es in dem Altbau häufig, aber grundlegende Verbesserungen sind das aber nicht. Deshalb arbeitet Werner Szybalski an einem neuen Projekt. Gemeinsam mit den Bewohner*innen der Frauenstraße 24 wurde ein Antrag an die Stadt Münster erarbeitet, der vorsieht, das Haus wieder in die öffentliche Hand zu geben und von der Wohn + Stadtbau, einer städtischen Gesellschaft, verwalten zu lassen. Die LEG hat bereits Verhandlungsbereitschaft signalisiert, der Kaufpreis würde auf einem marktüblichen Niveau liegen. Ein bald folgender Ratsentscheid soll Klarheit bringen, ob die Stadt das Objekt ankauft. Bis dahin wird es wieder spannend in der Frauenstraße 24.

Ganz ruhig wird es im Altbau mit der blauen Fassade aber vermutlich nie zugehen, dafür sorgen noch immer die umtriebigen Bewohner*innen und der rebellische Geist der Anfangszeit.

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