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Die Bedienungsanleitung für die Revolution ist in Arbeit

Zapatistas aus Mexiko bringen rebellisches Saatgut mit und packen Neues ein

  • Von Luz Kerkeling
  • Lesedauer: 5 Min.

Nach intensiven Treffen in Deutschland, Österreich, Osteuropa und Skandinavien geht der fruchtbare Organisierungsprozess der Zapatistas mit linken Gruppen nun in West- und Südeuropa weiter. Ziel ist nicht weniger als die komplette Überwindung des kapitalistisch-patriarchalen Systems und die Rettung der »Madre Tierra«, der Mutter Erde. Die anderen Kontinente sollen als weitere Mobilisierungsziele für eine Organisierung von unten und von links folgen.

»Eine andere Welt ist möglich! Wir haben zwar keine ›Bedienungsanleitung‹ für eine Revolution, aber wir lernen beim Praktizieren und Zuhören, bei uns und bei euch, wir gehören zusammen!«, so die zentrale Botschaft der 28 Delegationsgruppen von je fünf Angehörigen der zapatistischen Befreiungsarmee (EZLN) aus Südmexiko, die derzeit noch bis zum 6. Dezember Europa besuchen.

Vom 22. September bis zum 10. Oktober 2021 bereisten Delegierte der zapatistischen Bewegung zum ersten Mal mehrere europäische Länder in der sogenannten Zone 1, darunter viele Bundesländer in Deutschland, um einen tiefgreifenden Austausch gegen jede Form von Ausbeutung, Unterdrückung, Diskriminierung und Naturzerstörung zu thematisieren und rebellische Kontakte zu knüpfen.

Die zapatistischen Delegierten, darunter viele Frauen, beschrieben detailliert die unterdrückerischen Strukturen, unter denen die Menschen zu Zeiten der Herrschaft der Großgrundbesitzer leiden mussten. Aber sie konnten sich durch Selbstorganisation und ihren Aufstand befreien und erfolgreich autonome Strukturen aufbauen. Die linkspolitischen solidarischen Gruppen aus Deutschland, die sich fast ein Jahr auf den Besuch der »Compas« (Genoss*innen) vorbereitet hatten, konnten viele ihrer Projekte vorstellen. In vielen Bundesländern wurden Veranstaltungen zu antipatriarchalen Kämpfen von Flinta*-Gruppen (durchgeführt, auch migrantische Selbstorganisation, antifaschistischer und antirassistischer Aktivismus, solidarisch-ökologische Landwirtschaft, Klimaschutz, gemeinschaftliche Wohnprojekte des Mietshäuser-Syndikats sowie Kollektivbetriebe waren zentrale Themen.

Die Aktivistin Chris vom Kaffeekollektiv Aroma Zapatista aus Hamburg, das zapatistischen Kaffee importiert und vertreibt, berichtete vom spannenden Austausch mit den Zapatistas: »Wir haben den Kaffee-Bäuer*innen von der großen Nachfrage nach zapatistischem Kaffee in Deutschland und Europa berichtet und wie gut er sich hier verkauft. Darüber waren die Compas sehr erfreut und haben angeregt, nach ihrer Rückkehr mehr zapatistische Bäuer*innen zu ermutigen, sich in den Kooperativen zu organisieren und den Kaffee an solidarische Strukturen nach Europa zu verkaufen.«

Rebellisches Treffen

Ein Höhepunkt des Besuches der EZLN-Vertreter*innen war sicherlich das »Rebellische Treffen« im Wendland. Hier gab es die Möglichkeit für eine breite Öffentlichkeit, die detailliert ausgearbeiteten Redebeiträge der Zapatistas über ihre Widerstands- und Organisationsprozesse zu verfolgen und sich auszutauschen.

Im Rahmen der Reise sind viele Kontakte entstanden oder wurden wiederbelebt. Es bleiben tatsächlich historische Momente: Zum ersten Mal reiste eine basisdemokratisch legitimierte Delegation aus dem sogenannten Lateinamerika an, um direkt zur Weltöffentlichkeit zu sprechen und den Menschen, die sich in Europa für eine grundlegende Emanzipation einsetzen, zuzuhören. Diese Konterkarierung der »Conquista« - des brutalen und ausbeuterischen europäischen Überfalls auf Lateinamerika - wurde aus direkter Perspektive der betroffenen Menschen aus dem südmexikanischen Bundesstaat Chiapas benannt, wobei sie die kaum fassbare Gewalt gegen die attackierten Menschen minutiös beschrieben, darunter Erniedrigung, Schläge, Auspeitschungen, Vergewaltigungen und Ermordungen bei voller Präsenz der jeweiligen Dorfgemeinschaft. Wegen dieser schweren Menschenrechtsverletzungen und der jahrhundertelangen Ausbeutung kämpfen die Zapatistas für ein Leben in Würde für alle.

Nach zwölf Tagen ihres bewaffneten Aufstands vom 1. Januar 1994 (Tag des Inkrafttretens des neoliberalen Freihandelsabkommens Nafta zwischen Kanada, Mexiko und den USA) engagieren sie sich pazifistisch und bauen konstruktiv solidarisch-demokratische Alternativen in den Sektoren Gesundheit, Bildung, Rechtsprechung, Verwaltung, Medien, Geschlechtergerechtigkeit und Lebensmittelproduktion auf, die weltweit anerkannt werden.

Die Zapatistas agieren keineswegs separatistisch, sie bauen weiterhin autonom ihre lokalen Selbstverwaltungsstrukturen auf, die der Bevölkerung dienen. Beispielsweise konnte die Mütter- und Kindersterblichkeit um über 90 Prozent gesenkt werden. Der mexikanische Zentralstaat hat die indigenen Bevölkerungsgruppen meist völlig missachtet, unterdrückt und schlicht sterben lassen.

Auch die neue Regierung unter dem vermeintlich sozialdemokratischen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador wird von den Zapatistas als reine Fortführung der bisherigen Herrschaftsstrukturen analysiert. Beleg dafür sind wieder einmal die aktuellen Angriffe auf zapatistische Amtsträger in Chiapas.

Weltweiter Weckruf

Die aktuelle EZLN-Rundreise wurde basisdemokratisch vom bundesweiten Ya-Basta-Netz - das 1996 im Kontext des von der EZLN so benannten »Intergalaktischen Treffens für die Menschheit und gegen den Neoliberalismus« gegründet wurde und bis heute weiterarbeitet - sowie von vielen weiteren engagierten Gruppen organisiert. Allein die Vorbereitungen seit Herbst 2020 haben Hunderte außerparlamentarisch orientierte Menschen aus der Linken zusammengebracht, die sich vorher überhaupt nicht kannten.

Diese Vernetzung ist ein Verdienst der Zapatistas für die hiesige Bewegungslinke. Dies war klare Absicht: Die Zapatistas haben der hiesigen rebellischen Linken einen freundschaftlichen »Tritt in den Hintern« (una patada) verpasst, damit auch im »Herzen der Bestie« (des Kapitalismus) entschlossen, kontinuierlich und im Alltag Selbstorganisation vorangetrieben wird.

Es nahmen nicht nur Zapatistas an der Besuchsreise teil, sondern auch Aktivist*innen des Nationalen Indigenen Kongresses CNI. Es handelt sich dabei um einen mexikoweiten Zusammenschluss indigener Gemeinden, Organisationen und Kollektive, die sich autonom gegen die leider omnipräsente Gewalt gegen kleinbäuerlich-indigene Gemeinden, die Vertreibung von ihren Ländereien und die immense Naturzerstörung engagieren. Die CNI-Delegierten forderten in aller Deutlichkeit von deutschen Firmen wie Bayer-Monsanto und Heckler & Koch, ihre Praxis des Verkaufs hochtoxischer Agrarchemikalien sowie von Waffen umgehend einzustellen, mit denen soziale und ökologische Aktivist*innen in Mexiko tagtäglich konfrontiert sind.

Mit der Reise wurde schon jetzt Geschichte gemacht - von unten und von links. Es wurde rebellisches Saatgut hergebracht - und mitgenommen. Viele Freundschaften sind entstanden.

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