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Nie wieder Faschismus

200.000 Menschen demonstrieren in Rom nach rechtem Angriff auf Gewerkschaftshaus

  • Von Anna Maldini, Rom
  • Lesedauer: 4 Min.

Blaue, grüne, weiße und rote Luftballons, Pyrotechnik, dazu Zigtausende Menschen – in Rom fand am Samstag eine große antifaschistische Kundgebung statt, die von den Gewerkschaften einberufen worden war. Sie wurde beschlossen, nachdem vor einer Woche eine Gruppe von Neofaschisten die Zentrale des größten Gewerkschaftsbundes CGIL gestürmt und zum Teil verwüstet hatte. Die Veranstalter sprachen von 200 000 Italienerinnen und Italienern, die teilnahmen, italienische Medien meldeten 50 000 Teilnehmer.

Dass die Kundgebung gerade am 16. Oktober stattgefunden hat, war sicherlich Zufall. Aber dieses Datum hat sich seit 1943 tief im kollektiven Gedächtnis der Stadt eingebrannt. An jenem Tag führten die deutschen Besatzungstruppen zusammen mit italienischen Faschisten eine Razzia im jüdischen Viertel durch. 1024 Menschen wurden in Eisenbahnwagen gepfercht und nach Auschwitz gebracht. Nur 16 Überlebende kehrten in ihre Heimatstadt zurück. Alle anderen starben schon auf dem Weg ins Vernichtungslager oder wurden dort umgebracht. Daran erinnerten praktisch alle Redner auf dem Kundgebungsplatz San Giovanni, und immer wieder ertönte der Ruf »Nie wieder!«.

»Eine antifaschistische Kundgebung ist keine Kundgebung gegen irgendjemanden«, erklärte der Vorsitzende der CGIL Maurizio Landini. »Es ist eine Kundgebung für alle, egal ob sie mit uns einverstanden sind oder nicht. Es ist eine Kundgebung für die Demokratie, für unsere Verfassung, die nur möglich war, weil wir den Faschismus bekämpft und besiegt haben.« Nun sei es an der Zeit, der »politischen Gewalt« Einhalt zu gebieten. »Neofaschistische Gruppen müssen verboten werden, und zwar ab sofort.«

Die Teilnehmer waren mit 800 Bussen, zehn Sonderzügen und sogar Flugzeugen und Schiffen aus ganz Italien angereist. Der Angriff auf das Gewerkschaftshaus hatte überall große Bestürzung ausgelöst, da es – und auch das unterstrichen die Redner – so etwas seit 100 Jahren nicht mehr gegeben hatte.

»Dies war kein Angriff auf eine Gewerkschaft«, sagte CGIL-Chef Landini weiter, »dies war ein Angriff auf alle Gewerkschaften, auf alle Arbeitnehmer und nicht nur in Italien.« Er berichtete auch von den unendlich vielen Solidaritätsbekundungen, die die CGIL in den Stunden nach dem Ansturm in Rom erreicht hatten. So ergriff auf der Kundgebung auch Luca Visentini, Generalsekretär des über 45 Millionen Mitglieder starken Europäischen Gewerkschaftsbundes (EGB), das Wort und sprach den italienischen Genossen seine Solidarität aus. Landini betonte, dass man ein antifaschistisches und demokratisches Netz in ganz Europa aufbauen müsse: »Wir haben gelernt, dass man die Demokratie nicht mit Waffen exportieren kann, sondern mit Arbeit und Rechten. Wir wurden gerade wegen dieser Rolle angegriffen, die die Arbeitnehmer schon immer in der Geschichte gespielt haben.«

Zwischen die »normalen« Italiener aus dem ganzen Land hatten sich auch einige Politiker gemischt. Durch Abwesenheit glänzten allerdings nicht nur die Vertreter der klar rechten Parteien, sondern auch die der Zentrumsparteien wie Forza Italia von Silvio Berlusconi, die sich den Antifaschismus zumindest immer auf ihre Fahnen geschrieben hatten. In diesen Tagen haben sie allerdings immer wieder erklärt, dass man eine Kundgebung gegen jegliche Form von Gewalt, auch gegen die extremen Linken, hätte organisieren müssen. Der ehemalige Ministerpräsident Massimo D’Alema antwortete darauf indirekt: »Die faschistische Gewalt ist nicht irgendeine Gewalt, sondern eine Gewalt, die aus dem Totalitarismus entspringt, der von unserer Verfassung verbannt wurde – von einer Verfassung, die eben aus dem Sieg über den faschistischen Totalitarismus hervorgegangen ist.«

In den letzten Tagen hat es in Italien immer wieder Unruhen gegeben, weil die Regierung beschlossen hatte, dass jeder Arbeitnehmer einen Impfpass oder ein negatives Testergebnis vorweisen muss, um seinen Arbeitsplatz betreten zu dürfen. Diese Regelung ist nicht nur bei den Impfgegnern auf Ablehnung gestoßen. Auch die Gewerkschaften fordern, dass zumindest die Tests, die Ungeimpfte machen müssen, unentgeltlich sein sollen.

Während in Rom die Antifaschisten auf die Straße gingen, kam es in Mailand erneut zu Ausschreitungen, bei denen sich neofaschistische Gruppen mit der Polizei regelrechte Straßenschlachten lieferten. Genau von so einer Demo gegen den sogenannten Green Pass hatte sich vor einer Woche auch die Gruppe von stadtbekannten Neofaschisten abgesetzt, die dann das Gewerkschaftshaus stürmten. Die meisten gehörten zur Partei Forza Nuova, deren Verbot jetzt gefordert wurde.

An der Gewerkschaftskundgebung in Rom nahmen auch viele Schüler und Studenten teil. Sie erklärten: »Wir sind aus ganz Italien nach Rom gekommen, weil wir diese Demo für notwendig und dringend halten: Wir sind der Ansicht, dass man unbedingt alle neofaschistischen Organisationen verbieten und ihre Sitze schließen muss!«

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