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Spaziergänge auf dem Gitarrenhals

Weder Pandemie noch Rechtspopulisten können Carlos Santana von seiner Musik abbringen

  • Von Interview: Olaf Neumann
  • Lesedauer: 7 Min.
Kann ein Instrument eine Seele haben? Carlos Santana meint, ja
Kann ein Instrument eine Seele haben? Carlos Santana meint, ja

Mister Santana, Ihre Gitarre ist Ihre Stimme. Entwickelt sich diese immer noch von Album zu Album weiter?
Oh ja. Sie wird immer echter, authentischer, aufrichtiger, immer weniger statisch. Ich meditiere auch deshalb, um die Statik loszuwerden. Noten müssen pur klingen, wie bei Paco de Lucía oder Eric Clapton beispielsweise. Ein reiner Ton bleibt für immer in der Luft hängen.

Müssen Sie noch oft üben?
Ich übe nicht, ich unternehme mit meinen Fingern Spaziergänge auf dem Gitarrenhals.

Kann ein Instrument eine Seele haben? Oder konkret gefragt: Besitzt Ihre Gitarre eine Seele?
Ja, absolut. Danke, dass Sie mich das fragen. Wenn man Gitarre oder Schlagzeug spielt, kann man die Fasern des Holzes beziehungsweise die Haut der Ziege hören. Aber man muss auch das Herz eines Menschen hören. Es geht um Licht, Geist, Seele und Herz. Dann weiß man, dass die Musik die Menschen berühren wird.

Rick Rubin hat Ihr letztes Album »Africa Speaks« produziert. Hat er auch Ihr neues Werk mitbetreut?
Nur drei Stücke: »America For Sale«, »Peace Power«, »Mother Yes«.

Der »Song for Cindy« ist Ihrer Frau Cindy Blackman gewidmet, die in Ihrer Band Schlagzeug spielt. Inwiefern ergänzen Sie sich gegenseitig?
Wir vertrauen auf das, was wir sind und schätzen und würdigen das, was wir sind. Wir ehren die Kunstfertigkeit des anderen. Cindy ist selbst eine unglaubliche Schlagzeugerin. Wie eine olympische Athletin achtet sie sehr genau auf ihre Ernährung und ihr Training. Sie erscheint mir wie eine Verbindung von Bruce Lee, Jimi Hendrix und Usain Bold. Und natürlich beeinflusst sie mein Spiel. Ich muss nicht wie ein Chefkoch die ganze Küche im Auge behalten. Ich vertraue darauf, dass die Zutaten perfekt sind und ich mich mehr auf mein Spiel konzentrieren kann.

Ihre Tochter Stella und Ihr Sohn Salvador spielen auch auf dem neuen Album mit. Hat die Santana-Familie einen ganz eigenen Sound?
Jeder Mensch ist einzigartig in seiner Individualität. Anhand einer einzigen Note kann ich Manitos del Plata, Paco de Lucía, Miles Davis, Freddie Hubbard, Lee Morgan oder Django Reinhardt erkennen. Mit einem einzigen Ton sollte man einen Künstler von einem anderen unterscheiden können. Mein Sohn und meine Tochter haben ihr spezifisches Spiel und zu sich selbst gefunden. Sie haben ihr eigenes musikalisches Signum.

»America For Sale« ist eine US-kritische Nummer. Pflegen Sie eine Art Hassliebe zu Amerika?
Nein. Ich bin ein multidimensionaler Geist. Ich habe praktischerweise einen US-amerikanischen Pass, reise mit ihm durch die ganze Welt. Als ich nur einen mexikanischen Pass hatte, bekam ich immer Ärger mit den französischen Behörden. Denn Mexiko und Frankreich kommen seit der französischen Einmischung in Mexiko durch Kaiser Napoleon III. Mitte des 19. Jahrhunderts nicht gut miteinander aus. Ich bin kein großer Fan von Patriotismus. Das Gleiche gilt für Religionen. Für mich gibt es nur einen Gott, ich respektiere aber jeden Glauben, wenn er nicht zu Gewalt aufruft.

Hoffen Sie darauf, dass Joe Biden die von Donald Trump errichtete Mauer an der Grenze zu Mexiko wieder abreißen wird?
Er hat bereits mit Investitionen für deren Abriss begonnen. Irgendwann wird sie fallen, wie die Berliner Mauer. Mauern werden aus Angst gebaut. Wenn man das große Ganze betrachtet, erkennt man, dass wir Menschen alle gleich und eins sind, nicht voneinander getrennt werden können und dürfen. Astronauten bestätigen diese Ansicht durch ihren weiten Blick aus dem All auf unseren Planeten. Von da oben, aus einer Raumkapsel, sind keine Grenzen, Mauern und Flaggen zu erkennen.

Musik ist ja immer auch ein Spiegel ihrer Zeit. Was erzählt Ihr neues Album über uns und unsere Zeit?
Diese Musik sagt dir, dass wir alle göttlich sind und uns eher wie Engel und nicht wie Esel oder Affen verhalten sollten. Ich glaube fest an die Menschheit. Wir sollten uns gegenseitig ehren und respektieren, schätzen und pflegen. Wir sollten mehr Energie, Zeit und Geld darauf verwenden, Menschen zu ernähren und zu kleiden, als sie zu trennen. Angst ist der Hauptfeind der Menschheit. Rechtspopulisten wie Trump schüren Angst. Licht und Freude vereint. Wir sollten uns mehr darum kümmern, als miteinander zu streiten.

Glauben Sie, dass Künstler die Welt heilen können?
Natürlich! Siehe John Lennon, Bob Dylan, John Coltrane, Bob Marley, Marvin Gaye, Sam Cooke, Mahalia Jackson. Man hört einen ihrer Songs und fängt zu weinen an. Oder zu lachen. Ihre Musik ist tiefgründig und von unnachahmlicher Integrität. Sie fordert dich auf, dir selbst für deine Fehler zu vergeben und anderen zu verzeihen. Vergeben in Mitgefühl hat eine große Qualität. Man kann den ganzen Tag in der Bibel lesen und alle Stellen auswendig lernen, aber wenn man kein Mitgefühl, keine Vergebung und keine Barmherzigkeit kennt, ist man nicht glücklich.

Sehr einfühlsam kommt »Angel Choir/All Together« daher. Darauf werden Sie von dem kürzlich verstorbenen Chick Corea und dessen Ehefrau Gayle Moran Corea begleitet. Ist das Stück Coreas musikalisches Vermächtnis?
Ich bin so dankbar, dass wir endlich zusammen spielen konnten. Wir haben das seit 1970 versucht. Chick rief mich an und sagte, dass wir es dieses Mal schaffen müssen. Also schickte er mir die Parts, die er geschrieben und aufgenommen hatte. Ich fügte Gitarre, elektrische Vibrafoninstrumente, Congas, Timbales, Schlagzeug und Bass hinzu. Jetzt klingt es wie Mongo Santamaria mit Willie Bobo 1958 im Black Hawk-Club in San Francisco. Gayle klingt galaktisch mit dem Chor vor dem Song. Ich bin Gayle und Chick Corea so dankbar. Wenn die Leute »Blessings and Miracles« hören, ist das wie ein versteckter Track, der sich großartig anfühlt.

Zusammen mit Stevie Winwood covern Sie Procul Harums Welthit »A Whiter Shade Of Pale« aus dem Jahr 1967. Welche Beziehung haben Sie zu diesem legendären Song?
Zu der Zeit, als ich von zu Hause auszog, wurde dieser Song häufig im Radio gespielt. Ich verließ damals meine Mutter, um zu Santana zu werden und zog wie ein Hippie-Vagabund von Haus zu Haus. Ikonische Songs wie »A Whiter Shade Of Pale«, »Light My Fire« oder »Satisfaction« haben die 1960er Jahre definiert. Und jetzt habe ich in meinem Kopf eine Stimme gehört, die zu mir sagte, ich könnte »A Whiter Shade Of Pale« doch noch einmal aufnehmen. Und zwar mit Steve Winwood an der Orgel und als Sänger. Diese Stimme meinte auch, ich solle es sehr sinnlich tun - in der Art, wie uns eine sanftmütige, erotische afrikanisch-puertorikanisch-kubanische Frau fasziniert. Steve Winwood hat vielleicht 20 Sekunden gebraucht, um mir zu antworten. Seine Augen weiteten sich und und er sagte mit feierlicher Stimme: »Carlos, ja, ich höre es! Danke, dass du mich eingeladen hast. Ich werde es tun«.

Werden Sie das Album auch in Deutschland auf einer Tournee vorstellen?
Ja. Sobald die Pandemie es zulässt, werden wir wieder um die Welt touren. Wir wollen auf jeden Fall wieder in Deutschland und ganz Europa spielen. Wir werden sehen, wo wir nächstes Jahr stehen. Hoffentlich können wir eine Lösung finden, um diese Infektion der Angst vor einem Mikrokeim und die damit einhergehenden negativen Gedanken und Gefühle zu heilen.

Ich habe gehört, dass Sie bereits am nächsten Santana-Album arbeiten.
Ich will sogar sieben neue Alben machen. Eines hauptsächlich mit Stücken des Jazzgitarristen Sonny Sharrock. Eines weiteres plane ich mit Eric Clapton und Derek Trucks. Wir nennen uns »Eric, Derek und der Mexikaner«. Es wird UFO-Musik mit Western-Cowboy-Klängen à la »Spiel mir das Lied vom Tod« enthalten.

Carlos Santana: Blessings and Miracles (BMG)

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