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Mission Menschenrechte in der Ägäis

Wie Tee und Honig dazu beitragen, illegale Pushbacks an den EU-Außengrenzen zu dokumentieren

  • Von Interview: Corinna Meisenbach
  • Lesedauer: 5 Min.

Was ist Mare Liberum für eine Organisation? Was ist eure Mission?

Wir sind eine Gruppe von Menschenrechtsaktivisten, die mit einem Schiff in der Ägäis unterwegs sind. Dort, an der EU-Außengrenze, werden die Menschenrechte der Geflüchteten mit Füßen getreten. Wir sind vor Ort, um das zu beobachten und im besten Fall auch zu verhindern. Darüber hinaus berichten wir über die Vorfälle, um den politischen Druck aufrechtzuerhalten, damit sich diese Zustände ändern.

Was war Anlass für die Gründung?

Es war eine schleichende Entwicklung. Seit 2015 fliehen sehr viele Menschen über die Route in der Ägäis nach Europa. Die Zustände haben sich seitdem ständig verschlimmert und wir wollten handeln. Selbst 2018, bei unserer Gründung, war es noch eine ganz andere Situation als heute. Damals erfolgten die Pushbacks, also das illegale Zurückdrängen von Geflüchteten an den Grenzen, noch nicht so systematisch.

Seit März 2020 finden diese Pushbacks in sehr hoher Zahl statt. Wir wollen als zivilgesellschaftlicher Akteur in der Gegend präsent sein, damit die Küstenwachen und die europäische Grenzschutzagentur nicht schalten und walten können, wie sie wollen. Wir möchten, dass ihre illegalen und gewalttätigen Praktiken wie zum Beispiel die illegalen Rückführungen verhindert werden. Dafür sind wir vor Ort präsent und berichten darüber.

Macht ihr auch Seenotrettung? Also nehmt ihr Menschen auf eurem Schiff auf?

Nein, die Ägäis ist ein sehr enger Raum, in dem sowohl die türkische als auch die griechische Küstenwache und auch Frontex vor Ort sind. Alles, was dort geschieht, passiert unter den Augen der Behörden, und wir rufen diese dazu auf, Flüchtlinge zu retten.

Für uns geht es in erster Linie nicht darum, Menschen mit an Bord unseres Schiffes zu nehmen. Wir beobachten, ob Menschen auch tatsächlich an Land kommen und ihre Reise fortsetzen können. Dazu dokumentierten wir 700 Pushbacks seit März 2020. Konkret heißt das, dass 20 000 Menschen zurückgedrängt wurden.

Was macht ihr mit den Beobachtungen der Pushbacks?

Wir veröffentlichen regelmäßig einen Pushback-Report. Wir haben erst vor Kurzem unseren neuesten Bericht vorgestellt, der zeigt, dass die Fälle leider dramatisch zunehmen. Im September 2021 gab es die höchste Zahl illegaler Pushbacks seit jeher. Alleine in diesem Monat sind in über 90 Fällen fast 2300 Menschen nach ihrer Einreise nach Europa illegal über die Grenze zurückgedrängt worden. Unsere Berichte verbreiten wir über unsere Kanäle in den sozialen Medien und über die Presse.

Habt ihr ein eigenes Schiff?

Ja, wir haben ein eigenes Schiff. Es ist erst vor einer Woche wieder ausgelaufen zur Seegrenze nördlich von Lesbos. Hier versuchen die meisten Menschen überzusetzen. Gleichzeitig passieren hier die meisten Menschenrechtsverletzungen durch die Behörden. Wohl deshalb wurde unsere Crew sofort aufgefordert, das Gebiet wieder zu verlassen, und musste sich langsam entfernen.

Wie sieht der Alltag auf See aus?

Normalerweise sind zwischen vier und acht Leute an Bord eines Schiffes. Wir halten Ausschau und bekommen so mit, wie sich die Grenzschützer und Frontex verhalten. Wenn wir Vorfälle sehen, bereiten unsere Crewmitglieder unsere Sichtungen und Informationen auf und übermitteln diese an unser Team, das in ganz Europa verteilt sitzt und unsere Beobachtungen entsprechend weiterverbreitet.

Ihr engagiert euch auch im Camp Moria. Dieses Engagement weicht ja von eurer Arbeit auf dem Meer ab. Was macht ihr dort?

Obwohl sich das nicht auf dem Meer abspielt, geht es um die Menschenrechte der Geflüchteten an den EU-Außengrenzen. Damit gehört es natürlich zu unserer Aufgabe, darüber zu berichten und Aufmerksamkeit für diese Zustände zu schaffen.

Moria ist ein großes Flüchtlingslager auf der Insel Lesbos und ein sogenannter Hotspot der Europäischen Union. Nach einem Brand, der das ursprüngliche Camp zerstörte, gibt es nun das Lager Moria 2, das eigentlich nur als Übergangslager betrieben werden sollte. Wenn die Menschen auf den Inseln ankommen und nicht zurückgedrängt wurden, werden sie an der Weiterreise gehindert und sitzen teilweise Jahre unter menschenunwürdigen Bedingungen dort fest, um auf ihre Asylentscheidungen zu warten. Auch jetzt, wo es wieder Winter wird und damit kalt. Wenn es jetzt wieder anfängt häufig zu regnen, stehen die Lager unter Wasser.

Wie finanziert ihr eure Arbeit?

Wir sind komplett spendenfinanziert und auf private Zuwendung angewiesen. Wir haben vor Kurzem eine Fördermitgliedschaft entwickelt, um mit kontinuierlicher Unterstützung unserer Arbeit Planungssicherheit zu ermöglichen. Wir sind außerdem dankbar, wenn Soli-Produkte verkauft werden und ein finanzieller Beitrag davon an uns geht. Herzlichen Dank an dieser Stelle an das »nd«.

Außerdem haben wir T-Shirts entworfen, die unsere Crew trägt. Wir haben beschlossen, auch diese zu verkaufen. Zum einen, um auf diesem Weg unsere Botschaft zu verbreiten, aber auch um ein wenig Geld einzunehmen.

Wie kann man euch unterstützen?

Wir brauchen dringend Spenden, um unsere Missionen zu finanzieren. Darüber hinaus hilft es, mit Freunden und Bekannten darüber zu sprechen. Es ist wichtig, dass sich Menschen in Deutschland an Bewegungen beteiligen und in Gruppen organisieren, die den Druck auf die Politik erhöhen, da die Bundesregierung in der EU maßgeblichen Einfluss darauf hat, diese Zustände aufzuheben. Man kann außerdem unsere Social-Media-Kanäle abonnieren und unsere Inhalte liken und teilen, sodass sich unsere Informationen verbreiten und auf die menschenunwürdige Situation aufmerksam gemacht wird.

Seenotrettung und Geflüchtetenhilfe werden oft kriminalisiert. Habt ihr damit auch Erfahrungen machen müssen?

Man muss sagen, dass vor allem die Geflüchteten selber kriminalisiert werden. Zusätzlich zur illegalen Abschottung werden die Geflüchteten wie Schmuggler behandelt. Die Personen, die ein Boot fahren und so Leben retten, werden dafür oft zu 50 Jahren Gefängnis verurteilt. Es ist auch so, dass die griechischen Behörden zunehmend Solidaritätsstrukturen angreifen - auch das ist eine Strategie, um uns als Zeugen aus der Region zu halten. Das wird uns aber nicht davon abhalten, weiterzumachen.

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