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Ein hoffnungsvoller Anfang

Frankreich gibt in Kolonialzeit geraubte Kunstwerke an Benin zurück

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 6 Min.

Im Rahmen einer feierlichen Zeremonie im Museum der Ersten Künste am Pariser Quai Branly hat Präsident Emmanuel Macron am vergangenen Donnerstag 26 geraubte Kunstwerke aus dem Besitz der einstigen Könige von Dahomé an die Republik Benin zurückgegeben. Sie wurden in der letzten Oktoberwoche noch einmal zusammen ausgestellt, bevor sie am 9. November mit einem Frachtflugzeug den Weg zurück nach Afrika antreten. Die Stücke stammen aus dem Palast von Abomey, der Hauptstadt des Königreichs Dahomé, eines der reichsten in Afrika, das vom Anfang des 17. Jahrhunderts bis zum Ende des 19. Jahrhunderts existierte, bis sich Frankreich das Land als Kolonie aneignete. 1960 erlangte Dahomé die Unabhängigkeit wieder, 1975 erfolgte die Umbenennung in Republik Benin.

Zu den 26 Exponaten, die fast alle aus harten Tropenhölzern geschnitzt wurden, gehören beeindruckende lebensgroße Statuen von drei Königen, zwei Thronsessel der Könige Ghézo und Glèlè, die von 1818 bis 1889 regierten, kunstvoll verzierte Türen, ferner aus Kalebassen gefertigte Gefäße, kleine metallene Glockenspiele und handgewebte Teppiche. All diese Stücke waren von der französischen Kolonialarmee unter General Alfred Doddsdes bei der Einnahme des königlichen Palastes in Abomey 1892 geraubt worden. Während der letzte Monarch, König Béhanzin, mit seiner Familie zunächst in die französische Kolonie Martinique verbannt und später nach Algerien, wo er bis zu seinem Tod 1906 unter Hausarrest stand, wurden die 26 Kunstwerke nach Frankreich verschleppt, wo der General sie dem Völkerkundemuseum am Pariser Place du Trocadéro schenkte. Als 2006 das vom Architekten Jean Nouvel erbaute Museum der Ersten Künste eröffnet wurde, zogen sie um an den Quai Branly, wo in der Folge auch zahlreiche Schätze aus Asien, Nord- und Südamerika sowie dem Pazifikraum untergebracht wurden. Das Museum beherbergt allein 70 000 Stücke aus Schwarzafrika, also aus subsaharischen Gegenden. Davon dürften viele auf ähnlich unrühmliche Weise wie die Kunstwerke aus Benin nach Frankreich gelangt sein.

»Afrika ist regelrecht ausgeraubt worden«, sagt der Historiker Gabin Dandjesso aus Benin. 85 bis 90 Prozent der Zeugnisse afrikanischer Kultur würden sich in ausländischen Museen befinden, vor allem in denen der einstigen Kolonialmächte. Skrupellos war seinerzeit das ungleiche Kräfteverhältnis zwischen Siegern und Besiegten ausgenutzt worden. So hat beispielsweise der später mit dem ersten Lehrstuhl für Ethnologie an der Pariser Universität Sorbonne geehrte Völkerkundler Marcel Griaule Anfang der 1930er Jahre in Mali rund 3500 Objekte zusammengetragen, die dann die Sammlungen des Musée de l´Homme (Museum des Menschen) am Parier Trocadéro-Platz bereicherten. Auf ähnliche Weise kamen auch das Berliner Völkerkundemuseum, das Tervuren-Museum im Brüssel sowie das British Museum in London zu ihren Exponaten.

2016 hat Patrice Talon, Präsident von Benin, bereits die Rückgabe der in Abomey geraubten Stücke gefordert, was seinerzeit noch vom sozialistischen Präsidenten François Hollande abgelehnt wurde. Emmanuel Macron zeigt sich aufgeschlossener. Er will Gräben überwinden und neue Wege gehen. Schon im Präsidentschaftswahlkampf 2017 prangerte er den Kolonialismus als Verbrechen gegen die Menschlichkeit an. Ungeachtet des Sturms der Entrüstung, insbesondere in rechten Kreisen, blieb er dieser Überzeugung auch im Amt treu. Natürlich will Macron nicht nur Frankreichs Ruf in Afrika aufbessern, sondern auch Einfluss auf dem Kontinent zurückgewinnen, wo in den vergangenen Jahren China mehr und mehr Fuß gefasst hat. In diesem Sinne programmatisch war seine Rede vor vier Jahren vor Studenten der Universität von Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso. »Die Jugend Afrikas hat ein Recht darauf, in der Heimat und nicht nur in europäischen Museen Zugang zu Zeugnissen ihres Kulturerbes zu bekommen«, sagte er damals - und sinngemäß auch jetzt im Musée du Quay Branly. »Die Jugend muss sich die Geschichte ihres Landes aneignen können, um die Zukunft zu gestalten.« Nach Macrons Rede von Ouagadougou erging tatsächlich aus dem Elysée die Weisung an französische Museen, eine Bestandsaufnahme ihrer Sammlungen vorzunehmen und deren Herkunft zu erforschen.

»Nicht alle Objekte in den Museen Europas sind geraubt«, betont Emmanuel Kasarhérou, Direktor des Musée du Quai Branly, der selbst von einer französischen Pazifikinsel stammt, »aber wir müssen alles sorgfältig prüfen, um die Stücke zu identifizieren, die eine problematische Herkunft haben, die also durch Militärs mit Gewalt geraubt wurden, oder die sich die Kolonialverwaltung durch Druck auf die Eigentümer angeeignet hat«. Bei den 26 Stücken, die jetzt zurückgegeben werden, war die Provenienz von Anfang an klar, doch oft haben Exponate die Besitzer so oft gewechselt, dass die Frage, ob sie auf korrekte Weise erworben wurden, nicht leicht zu beantworten sei.

Außer Benin haben inzwischen auch Senegal, die Elfenbeinküste, Äthiopien, Tschad, Mali und Madagaskar Rückgabeforderungen in Paris angemeldet, weitere Staaten werden folgen. »Macron öffnet da eine Büchse der Pandora«, unkt der Abgeordnete der rechtsbürgerlichen Partei der Republikaner, Eric Ciotti. »Eine Rückgabe zieht die nächste nach sich und das geht früher oder später an die Substanz unserer Museen.« Andere Gegner von Rückgabe ziehen die Fähigkeit der afrikanischen Länder in Zweifel, eine sachgerechte Aufbewahrung und Präsentation der Kunstwerke zu gewährleisten.

Die Frage der Rückgabe der 26 Stücke aus Benin hat das Pariser Parlament im vergangenen Jahr kurz, aber heftig beschäftigt. Da nach französischem Recht seit der Revolution von 1789 die Bestände der öffentlichen Museen für alle Zeiten unantastbar sein sollen und nicht wie in den USA verkauft werden können, um das eigene Budget aufzubessern, muss hier für jede Ausnahme vom Prinzip ein spezielles Gesetz verabschiedet werden. Das Gesetz, das neben den 26 Stücken für Benin auch die Rückgabe des im Pariser Armeemuseum ausgestellten Schwerts des senegalesischen Nationalhelden El Hadj Omar betrifft, ist mit seltener Einstimmigkeit vom Parlament angenommen werden.

Ab Januar werden die zurückgegebenen Kunstwerke der Herrscher von Dahomé vorübergehend im ehemaligen Amtssitz des französischen Gouverneurs in Abomey ausgestellt. Ihren endgültigen Platz sollen sie in einem noch im Bau befindlichen Museum finden, das 2023 bezugfähig sein soll, dessen Konzept gemeinsam von Spezialisten aus Benin und Frankreich erarbeitet worden ist und mit zwölf Millionen Euro aus der französischen Entwicklungshilfe unterstützt wird.

Es gibt allerdings auch in Benin Kritiker, die die jetzige Rückgabe als völlig unzureichend erachten. »Man wirft uns 26 Stücke vor die Füße, damit wir den Mund halten«, äußert Bernard Gabin Djimassé, Direktor des Tourismusbüros der Region Abomey. Sein Chef, der Kultur- und Tourismusminister von Benin, Jean-Michel Abimbola, formuliert es diplomatischer. Die Rückgabe der 26 Stücke seien ein »hoffnungsvoller Anfang«. Nach seiner Kenntnis besitzt das Musée du Quai Branly 70 000 Exponate aus 48 Ländern Afrikas, und darunter noch 3157 aus Benin.

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