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Barbarei oder Normalbetrieb

»Die Faschisierung des Subjekts« von Emanuel Kapfinger untersucht die Theorien von Heidegger und Adorno - und ihr Verhältnis zur Demokratie

  • Von Peter Nowak
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Philosophen Martin Heidegger (l.) und Theodor W. Adorno.
Die Philosophen Martin Heidegger (l.) und Theodor W. Adorno.

Viel wurde in den letzten Jahren darüber diskutiert, ob der Philosoph Martin Heidegger überzeugter Antisemit und Nationalsozialist war. Der Soziologe und Philosoph Emanuel Kapfinger hingegen stellt sich nun die Frage, ob Heideggers Philosophie in sich als faschistisch zu begreifen ist. In seinem im Mandelbaum-Verlag erschienenen Buch »Die Faschisierung des Subjekts« seziert Kapfinger detailliert Heideggers zentrales Werk »Sein und Zeit« von 1927 und kommt zu dem gut begründeten Schluss, dass es sich dabei in der Tat um faschistische Philosophie handelt.

Doch Kapfingers Schrift leistet noch mehr, wie bereits ihr Untertitel »Über die Theorie des autoritären Charakters und Heideggers Philosophie des Todes« aufzeigt. Der Autor macht deutlich, dass der Schwerpunkt seiner Untersuchung auf der Frage liegt, wieso die Subjekte bereit waren, sich dem Faschismus nicht nur zu unterwerfen, sondern sich sogar als willige Vollstrecker*innen am faschistischen Vernichtungsprogramm beteiligten. In einem kurzen Kapitel begründet Kapfinger, warum er in seiner Schrift durchgängig den Begriff Faschismus anstelle von Nationalsozialismus verwendet: Letzteren verwirft er als demagogische Selbstbezeichnung der NSDAP, die heute zudem der sogenannten Totalitarismustheorie Vorschub leiste.

Weiterhin kritisiert der Autor ökonomistische Analysen des Faschismus, die in diesem nur eine Herrschaftsform des Großkapitals erkennen wollen. Politik und Ideologie würden hier keine eigenständigen, geschichtlich wirksamen Faktoren darstellen. Kapfinger verweist dagegen auf Wilhelm Reich, der diesen Ökonomismus schon zum Anfang der 1930er Jahre kritisiert hat und die Eigenständigkeit des subjektiven Faktors betonte. Dabei hebt er insbesondere auf Reichs »kommunistische Phase« ab, kritisiert aber dessen späteres Abschweifen in den esoterischen Irrationalismus. Diese politische Wandlung werde auch an der Editionsgeschichte von Reichs erstmals 1933 publizierten Bestseller »Massenpsychologie des Faschismus« sichtbar, aus deren späteren Ausgaben der Psychoanalytiker viele marxistische Theorieelemente gestrichen hat.

Ebenso gründlich und differenziert wie mit Wilhelm Reich beschäftigt sich Kapfinger mit den Kritischen Theoretikern Erich Fromm, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Akribisch analysiert er Adornos »Studien zum autoritären Charakter« und weist auf ein politisch folgenreiches »Selbstmissverständnis« bei der Rezeption dieser einflussreichen Schrift hin: Ihr Untersuchungsgegenstand sei das autoritäre, eben nicht das faschistische Subjekt - und trotzdem würden die »Studien« heute häufig so rezipiert, als hätten sie das Potenzial einer Gesellschaft zum Faschismus untersucht.

»Alles Regressive, jede Diskriminierung ist so lediglich dem autoritären Charakter zugehörig. Die demokratische Gesellschaft aber ist frei von Rassismus und Populismus. Die Thesen von Adorno implizieren, dass der kapitalistische Normalbetrieb wirklich frei und demokratisch und nicht autoritär ist«, benennt Kapfinger die politischen Konsequenzen des Adorno-Werks und seiner Rezeption. Dies erlaube es, die bürgerliche Demokratie in Deutschland zum Maßstab zu erklären und sie von autoritären, illiberalen Demokratien wie Russland oder der Türkei abzugrenzen. So werde »das Regressive im Bestehenden - also der Alltagsrassismus, Alltagssexismus, Alltagsantisemitismus - nur als Problem des autoritären Charakters gesetzt (…), daher der Status Quo nicht tangiert.« Damit benennt Kapfinger den Grund, warum die von ihm kritisierte Lesart der Texte der Frankfurter Schule heute in breiten Kreisen der Zivilgesellschaft so angesagt ist.

Er selbst hingegen beendet sein Buch mit einem Kapitel unter der Überschrift »Sozialismus oder Barbarei«, in dem er zu folgendem wenig ermutigenden, aber nicht unrealistischen Fazit kommt: »Schreitet die Krise fort, dann wird die Verteidigung des bürgerlichen Normalzustands die Barbarei kaum verhindern können. Es ist dieser selbst, der die Keime der Barbarei hervorbringt.« So leistet der Autor mit seiner Studie zum faschistischen Subjekt auch einen wichtigen Beitrag für die Rekonstruktion einer linken Debatte, die nicht in der Alternative Faschismus versus bürgerliche Demokratie verharrt.

Emanuel Kapfinger: Die Faschisierung des Subjekts. Über die Theorie des autoritären Charakters und Heideggers Philosophie des Todes. Mandelbaum-Verlag, 232 S., br., 24 €.

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