In der rechtspopulistischen Vorhölle

Der Vierteiler »Die Ibiza-Affäre« schafft es, Politthriller und Gangstergroteske, tragikomisch und aufklärerisch in einem zu sein

  • Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.

Heinz-Christian Strache, das zu behaupten erfüllt fast drei Jahre nach seinem Sturz nicht mal mehr den Anfangsverdacht der üblen Nachrede, Heinz-Christian Strache ist erwiesenermaßen die perfideste Ausgeburt der rechtspopulistischen Vorhölle westlich von Warschau, Prag und Budapest. Dass Österreichs Ex-Vizekanzler auch in der fiktionalen Fassung seiner realpolitischen Niedertracht die Hauptrolle spielt, ist demnach nur logisch. Irgendwie unlogisch ist hingegen, wer in der Sky-Serie »Die Ibiza-Affäre« fehlt: Kanzler Sebastian Kurz.

Viermal 60 Minuten wühlt sich Christopher Schier durch den jüngsten Skandal dieses skandalgesättigten, oft wie eine Bananenrepublik erscheinenden Landes. Viermal 60 Minuten begleitet der Regisseur einen Privatdetektiv und seinen Anwalt dabei, wie sie zwei Spitzenpolitiker aus Wien als korrupt entlarven. Viermal 60 Minuten zeigt er nebenbei, wie ein investigatives Reporterduo aus München daraus den denkbar größten Scoop seriöser Medien wie der »Süddeutschen Zeitung« macht. Doch viermal 60 Minuten taucht Sebastian Kurz dafür nur in ein paar Archivbildern echter Nachrichten, aber nicht in der Besetzungsliste auf.

Dabei war es Kurz, der die Partei des völkischen Hetzers HC Strache 2017 zum Koalitionspartner machte. Jener Sebastian Kurz übrigens, der demokratische Institutionen allem Anschein nach als Selbstbedienungsladen für seine Allmachtsfantasien betrachtet und infolge von Korruptionsvorwürfen kürzlich als Bundeskanzler zurücktreten musste. Dass die zweitperfideste Ausgeburt der rechtspopulistischen Vorhölle in »Die Ibiza-Affäre« schlichtweg nicht vorkommt, ist demnach ein Riesenmakel. Er bleibt aber der einzige.

Denn abgesehen davon ist bis auf den eklatanten Mangel an souveränen Frauenfiguren nahezu alles am Vierteiler aus der Ideenfabrik Wiedemann & Berg (»4 Blocks«) makellos - makellos unterhaltsam, makellos anspruchsvoll, makellos recherchiert, makellos sehenswert. Der abgehalfterte Wiener Privatdetektiv Julian Hessenthaler (Nicholas Ofczarek) trifft darin auf den austro-iranischen Wirtschaftsanwalt Ramin Mirfakhrai (David A. Hamade), der kurz vor Straches Ausflug nach Ibiza kompromittierendes Material über den neuen Star der wiedererwachten FPÖ erhält.

In einer dubiosen Mischung aus Perspektivlosigkeit, Profilneurosen und Furcht vorm rassistischen Führerstaat machen sie sich Minute für Minute näher an Straches Spezi Johann Gudenus (Julian Looman) heran, um beide mithilfe der falschen Oligarchin Aljona Makarowa (Anna Gorshkova) als das zu entlarven, was die großspurigen freiheitlichen Alphatiere sind: das Gegenteil jener kleinen Leute, um die sich ihre Partei angeblich so rührend sorgt.

Umso genüsslicher stapft Schiers Serie durch den Glitzersumpf aus Koks und Champagner, in dem die Mächtigen, Reichen und Schönen der Wiener High Society stecken. Und niemand könnte sie von dort aus plausibler in die Ferieninselfalle locken als Nicholas Ofczarek. Sein schmerbäuchig versoffener Schnauzbartschnüffler Julian H. ist von derart glaubhafter Verkommenheit, dass man sich über die Verhaftung des Originals wegen diverser Rotlichtdelikte kaum wundern müsste - wäre nicht auch das ein Hinweis auf die Abgründe der Wiener Scheindemokratie anno 2021. Kein Wunder, dass sie den Serienmachern mindestens ebenso wichtig sind wie jene Milieustudien, die Schiers Kostüm- und Szenenbildner in einer Absurdität bis hin zum Kasperletheater erzählen.

Ein Realpolitthriller, dessen Machart mehr an die Filme von Wes Anderson als an die von Oliver Stone erinnert - zum Niederknien! Zwei weitere Hauptfiguren sorgen in Zeitsprüngen zwischen 2015 und 2020 dafür, dass man wieder aufstehen kann: Bastian Obermayer und Frederik Obermaier. Verkörpert von Stefan Murr und Patrick Güldenberg, wühlen die Investigativreporter der »Süddeutschen« auf Grundlage des eigenen Sachbuchs so verbissen und redlich im FPÖ-Dreck, bis die Enthüllungsstory Mitte 2019 zum Regierungssturz führt. Als tragikomischer Mix aus »Ocean’s 11« und »Die Unbestechlichen«, ist »Die Ibiza-Affäre« damit gleich zwei Serien in einer, souverän vereint im bisher besten Mehrteiler des jungen Herbstes - ob mit oder ohne Sebastian Kurz.

»Ibiza-Affäre« läuft auf Sky

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