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  • BallHaus Ost: BFC Dynamo

Weinrotweißer Arbeiterduft

Erweckt von Beckus Beck: Der Homo Hohenschönhausius

  • Von Frank Willmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Exzentrik oder gar die Launenhaftigkeit einer Diva sind den Fans des BFC Dynamo fremd. Der Homo Hohenschönhausius führt seine hipsterfreie Grummel-Existenz am oberen Rand der Stadt, wo ihn die aufregenden Bedürfnisse der schnell lebenden Innenstadtcrowd nicht erreichen. Seine Selbstinszenierung ist seit dreißig Jahren unberührt von wechselnden Moden, obgleich der Fightclub aus Altersgründen geschlossen ist. Er kleidet sich gern in olivgrüne Jacken und Cargo-Hosen, kleinbürgerliche Accessoires wie Regenschirme sind ihm fremd. Er hält seinen kaum behaarten Kopf, den selten ein stylisches Barthaar ziert, in die frische Luft, die aus Brandenburg in die Stadt hineinweht.

Filigran gezupfte Augenbrauen, eimerweise Gel in den Haaren zeigt möglicherweise ein junger Plattenbauhirsch, doch dieses ichbezogene Wesen strahlt nicht allzu lang unter der Sonne: weil hier der ehrliche Duft des Arbeiters die absichtlich zufällig vorbeischauenden Primadonnen aus Berlin-Mitte betört. Was soll ich sagen, der beste Freund der Herren mit Bauchansatz um die fünfzig ist ihr Bier.

Nackensteak und Luftleitblech (Achtung Spoiler!), und noch mal, das Gesamtkunstwerk BFC Dynamo ist rustikal und etwas aus der Mode gekommen. Es will kein Tiki-Taka sehen, kein Rasenschach und keinen Schönspieler. Schön ist im weiten Rund gegebenenfalls der alle paar Jahre vorbeischauende Vadder Regenbogen, dessen Anblick die hartgesottensten Gerüstbauerinnen zum Schmelzen bringt. Der BFC-Mensch, egal welchen Geschlechts, mag die Worte Abwehrschlacht, Dritte Halbzeit, Kopfballungeheuer und holt liebend gern die Brechstange raus. Seine Lufthoheit reicht bis Weißensee, obgleich sich versprengte Weinrotweiße selbst im Bezirk Köpenick finden.

Als man sich vor dieser Saison die Dienste von Beckus Beck, dem Großen aus Magdeburg, sicherte, ahnte die eine oder andere anständige Zeitgenossin, dass nun ein neuer Klöppel die Glocke verdrischt. Ist der jahrzehntelange Schlaf des einstigen DDR-Dauermeisters wirklich vorbei?

Am schön verregneten Sonntag erschien das schmalbrüstige Team aus Fürstenwalde, das sich seit der Wende mit dem Namen Union schmückt. Früher liefen die Ostbrandenburger unter dem Sammelbegriff Dynamo auf, bis irgendein traumatisierter Mitbürger das Wort Dynamo durch Union ersetzte. Politisches Kalkül, ehrliches Empfinden oder gemeine Anwanzerei? Sucht euch einen Grund aus.

Der Brandenburger Mannschaft hat es nicht weitergeholfen, Union-Fans gab’s keine – abgesehen von einigen jüngeren BFC-Menschen (bedeutet in Hohenschönhausen unter 45 Jahre), die Mützen mit einer reichlich verunglückten Unionverballhornung trugen. Die Poesie des Fußballs versteht sich gelegentlich selbst nicht mehr.

Das Textilvergehen der Dynamo-Poeten verwirrte indes ihre Mannschaft nicht, eher war es der ureigene Schlendrian, die gute Luft oder die eilende mattgraue Wolkenpracht? Wir wissen nicht warum, doch plötzlich führten die Exdynamos aus Füwa. Freilich führten sie nur kurz – ras dwa tri lochte der BFC nähmaschinengleich ein. Um es nicht zu langweilig zu gestalten, ließ sich ein Berliner vom Platz stellen, doch auch diese Steilvorlage nützte dem Gegner aus dem Land der Biber und Waschbären nichts.

Schaut auf die Tabelle der Regionalliga Nordost. An der Spitze steht die Mannschaft des Berliner AK. Zwei Punkte dahinter geistert der BFC Dynamo. Nach der Länderspielpause treffen beide Mannschaften nächste Woche im schönen Poststadion zum fröhlichen Ringelpietz aufeinander. Lasst euch diese Berliner Sause nicht entgehen, Fahnen raus am 19.11.!

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