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Schlecht auf Ereignisse wie die Corona-Pandemie vorbereitet

Aktuelle Studie der OECD benennt dramatische Folgen der Pandemie. Vor allem benachteiligte Menschen sind davon betroffen.

  • Von Martin Höfig
  • Lesedauer: 4 Min.
Wer einen
Wer einen "Frontlinien-Job" ausübt kann sich nicht ins schützende Homeoffice zurückziehen.

Eine aktuelle Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigt, wie unterschiedlich sich die Corona-Pandemie auf die jeweiligen gesellschaftlichen Klassen auswirkt. Zudem seien die Gesundheitssysteme und Bevölkerungen in den OECD-Ländern nicht ausreichend auf derartige Schocks wie den Ausbruch einer Pandemie vorbereitet. Zu diesem Schluss kommt der OECD-Analyst für Gesundheitspolitik, Michael Müller. Er forderte am Dienstag auf der Pressekonferenz zur Vorstellung der Studie mit dem Titel »Mehr als ein Infektionsrisiko: Öffentliche Gesundheit in OECD-Ländern nach anderthalb Jahren Pandemie« mehr Investitionen und die Stärkung von Personal im Gesundheitswesen. »Wir müssen resilienter gegenüber solchen Ereignissen werden, nur so können wir zukünftige Herausforderungen dieser Art bewältigen«, sagte er.

Die OECD ist eine internationale Organisation mit 38 Mitgliedstaaten, von denen die meisten zu den Ländern mit hohem Pro-Kopf-Einkommen und damit zu den sogenannten entwickelten Ländern zählen. In der aktuellen Studie beleuchtet die OECD den Gesundheitsstatus der Bevölkerungen und die Qualität der Gesundheitssysteme in den 38 Mitglieds- sowie in Partnerländern. Der Fokus liegt dabei auf den direkten und indirekten Folgen der Coronakrise.

»Die direkten Auswirkungen von Covid-19 auf die Bevölkerung sind dramatisch und bei benachteiligten Gruppen am stärksten ausgeprägt«, fasste Müller die Ergebnisse in diesem Punkt zusammen. Das heißt, Arme, die in benachteiligten Gegenden zu eng nebeneinander wohnen, wenig Gebildete sowie Menschen mit Migrationshintergrund haben ein deutlich höheres Infektions- und Mortalitätsrisiko als bessergestellte Bevölkerungsgruppen. »Ein weiterer Grund für die höhere Vulnerabilität bei den benachteiligten Gruppen ist, dass diese Personen oft sogenannte Frontlinien-Jobs haben, bei denen es so etwas wie Homeoffice gar nicht gibt«, erklärte Müller.

Auch sei die Impfquote in benachteiligten Gegenden deutlich niedriger als in bessergestellten. »Überhaupt liegt Deutschland beim Impffortschritt hinter einigen OECD-Ländern zurück«, betonte der Gesundheitsexperte. Nichtsdestotrotz sei das Land im Vergleich zu anderen im Gesundheitswesen gut ausgestattet. So liege die Bettendichte in den deutschen Krankenhäusern 80 Prozent über dem OECD-Durchschnitt. Auch die Intensivkapazität sei vor Beginn der Pandemie sehr hoch gewesen, ebenso stehe Deutschland beim gesamten Personal noch gut da. »Allerdings ist die Personal-Betten-Quote hierzulande im internationalen Vergleich sehr gering«, räumte Müller ein. Es fehle vor allem Personal an Intensivbetten.

Bei den indirekten Folgen der Corona-Pandemie sei vor allem ein starker Anstieg von Depressionen und Angsterkrankungen in den jeweiligen Bevölkerungen zu verzeichnen. In den meisten untersuchten Ländern sei nach anderthalb Jahren Pandemie die Zahl derer, die an Depressionen leiden, mehr als doppelt so hoch als vor dem Ausbruch von Covid-19. Zudem stellt die Studie einen großen ungedeckten Behandlungsbedarf bei psychischen Belastungen fest, oft weil wiederum Menschen aus benachteiligten Gruppen Stigmatisierungen fürchteten, wenn sie sich in psychologische oder psychiatrische Behandlung begäben. Auch würden gerade Gesundheitsmitarbeiter in der Pandemie regelmäßig psychisch überlastet.

Eine weitere Folge der pandemischen Lage sei das Zurückgehen von Vorsorgeuntersuchungen, wie beispielsweise auf Brustkrebs. Dabei ist das Risiko, an einer solchen Erkrankung zu sterben umso höher, je später sie erkannt wird. Auch die Zahl elektiver Eingriffe - also im Gegensatz zu unaufschiebbaren Operationen zeitlich frei wählbare Eingriffe - sei während der Pandemie signifikant gesunken. Ebenfalls stark zurückgegangen sei die Inanspruchnahme von Notfallambulanzen, da viele Menschen diese aus Angst vor Ansteckung mit dem Covid-19-Virus meiden würden.

Nach der Vorstellung der Ergebnisse gaben Müller und weitere Gesundheitsexperten und -expertinnen noch Empfehlungen für den weiteren Umgang mit der im Moment gerade in Deutschland wieder erstarkenden Pandemie. So mahnte Stefan Willich von der Charité eine dringende Pflegeoffensive an. »Wir müssen vor allem über höhere Gehälter Anreize für Berufe im Gesundheitsbereich schaffen«, sagte er. Die Psychiaterin Susanne Walitza von der Universität Zürich machte sich für viel mehr Prävention stark. »Reagieren ist notwendig, aber nur zu reagieren ist viel zu wenig«, sagte sie. »Wir müssen viel stärker präventiv wirksam werden. Das fängt schon mit der Entstigmatisierung von Migrantinnen und Migranten sowie von psychisch erkrankten Menschen an.«

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