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Ein ziemlich schlechtes Timing

Einrichtungen für Obdachlose mitten im November zu schließen, ist keine gute Idee

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 2 Min.
Hilfe vom Kältebus in Berlin.
Hilfe vom Kältebus in Berlin.

Es gibt unbestritten viel Engagement für wohnungs- und obdachlose Menschen in der Stadt. Aber sie werden nicht immer als selbstbestimmte Subjekte wahrgenommen, oder wenn, dann geht man dabei mitunter sehr unterschiedliche Wege. Die einen finden, dass man Menschen in einer miserablen Situation, die sie dennoch als selbst gewählt beschreiben, zwar unterstützen, aber nicht zu Veränderungen drängen soll. Andere sind der Meinung, dass nur unter menschenwürdigen Umständen - eine Unterkunft mit Bett, Heizung, Hygienemöglichkeiten, warmes Essen und Beratungshilfe - sich für manche Betroffene überhaupt erst wieder die Möglichkeit ergibt, darüber nachzudenken, ob und dass sich an ihrer Situation etwas ändern lässt, die sie über oft viele Jahre als gegeben betrachten. Auch Paternalismus, also ein Umgang, der ihnen glaubt, vorschreiben zu können, was »das Beste« für sie sei, lehnen sie zu Recht ab.

Welcher Ansatz ist richtig? Darüber ist man sich auch in der Obdachlosenhilfe in der Hauptstadt nicht einig, wie die Debatte um den »Warmen Otto« zeigt. Was aber unbestreitbar ist, dass die Schließung einer Tagesstätte für wohnungs- und obdachlose Menschen mitten im November ein äußerst schlechter Zeitpunkt ist. Denn natürlich haben die Menschen Routinen, die sie nicht von einem Tag auf den anderen aufgeben können und auf die sie auch angewiesen sind, um eine Art Stabilität zu haben.

Der Bezirk Mitte täte sehr gut daran, zeitnah eine Ersatzoption zur Verfügung zu stellen, die nicht darin besteht, die Menschen, die teilweise über Jahrzehnte den »Warmen Otto« als ihr Zuhause betrachten, zehn Kilometer weiter zu schicken, in eine Gegend, die vielen vielleicht unbekannt, vielleicht unangenehm ist. Denn Obdachlose sind so wenig über einen Kamm zu scheren, wie Menschen, die in Wohnungen leben. Die wollen meist auch nicht von einem Tag auf den anderen ihren Kiez und ihre Gewohnheiten verlassen, wie man weiß.

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