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»Jetzt ist nicht die Zeit zum Schweigen«

Die Kolumbianerin Jineth Bedoya wurde Opfer sexueller Gewalt und fordert nun Gerechtigkeit und Aufklärung

  • Von Knut Henkel
  • Lesedauer: 7 Min.
Jineth Bedoya fordert mit Vehemenz ein Ende der sexuellen Gewalt in Kolumbien, die seit Jahrzehnten gezielt gegen politische und militärische Gegner*innen eingesetzt wird.
Jineth Bedoya fordert mit Vehemenz ein Ende der sexuellen Gewalt in Kolumbien, die seit Jahrzehnten gezielt gegen politische und militärische Gegner*innen eingesetzt wird.

Jineth Bedoya wird es wieder tun, da ist sich Gustavo Gallón sicher. »Sie ist hartnäckig, wird wieder und wieder für die Stilllegung und Umwandlung des La Modelo in eine Gedenkstätte plädieren. Ihre Argumente sind gut, seit dem 18. Oktober sind sie noch besser«, erklärt der Direktor der kolumbianischen Juristenkommission. Am 18. Oktober erklärte der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte, die höchste juristische Instanz der Region, den kolumbianischen Staat für mitschuldig an der Entführung, Vergewaltigung und Folter von Jineth Bedoya. Er verurteilte ihn sowohl zu umfassenden Reparationszahlungen als auch dazu, die Tat lückenlos aufzuklären. Das historische Urteil verpflichtet den kolumbianischen Staat, auch eine Gedenkstätte für Opfer sexueller Gewalt einzurichten. »No es hora de callar«, so viel wie »Jetzt ist nicht die Zeit zum Schweigen«, soll der Gedenkort heißen.

Der Name ist kein Zufall. Er geht auf die 2010 vorgestellte Initiative von Jineth Bedoya zurück, die Opfer sexueller Gewalt sichtbar und auf die Folgen aufmerksam machen. »Viel zu lange ist sexuelle Gewalt als kleines Problem für die kolumbianische Gesellschaft bezeichnet worden, doch es ist ein gravierendes«, so Bedoya.

Die 47-Jährige weiß genau, wo sie die Gedenkstätte, an der auch zu den Hintergründen sexueller Gewalt in Kolumbien geforscht werden soll, einrichten will: im La Modelo. Das berüchtigte Gefängnis, im Zentrum Bogotás an der 56. Straße gelegen, ist seit 1957 in Betrieb, beherbergt mehr als doppelt so viele Insassen wie von den Architekten einst vorgesehen und ist nicht nur für Bedoya ein »Symbol der Straflosigkeit«, so Gustavo Gallón. Immer wieder habe es in dem Gefängnis Tote bei Unruhen und Bandenkriegen hinter Gittern gegeben. Wie viele Menschen allein dort starben, ist unklar, aber Recherchen von Journalisten, darunter Jineth Bedoya, legen nahe, dass es Hunderte sein müssen.

Symbolfigur für die Opfer sexueller Gewalt

Gute Gründe für die Stilllegung der Strafanstalt, vor deren mit Kameras gespickten Toren Jineth Bedoya am 26. Mai 2000 entführt worden war. Eingefunden hatte sich die damalige Reporterin der Tageszeitung »El Espectador«, um in einer der Zellen ein spektakuläres Interview mit einem ranghohen Paramilitär zu führen. Doch das ihr von Mitarbeitern der Sicherheitsbehörden angebotene Interview entpuppte sich als Falle: Unter den Augen von Gefängniswärtern und Polizisten wurde sie von drei Paramilitärs entführt. 16 Stunden dauerte das Martyrium aus Folter, Vergewaltigung, Demütigung und Beschimpfung. Ziel der Auftraggeber sei es gewesen, so die Richter*innen in ihrem 92-seitigen Urteil, die Reporterin mundtot zu machen. Sexuelle Gewalt sei gezielt eingesetzt worden, um Bedoyas Recherchen zu unterbinden. Das hatte die Journalistin früh gegenüber den Ermittlungsbehörden angeprangert.

Aber neun Jahre hat es gedauert, bis sie den Mut fand, an die Öffentlichkeit zu gehen. Da begriff sie, dass es nicht nur ihren eigenen Schmerz gibt, sondern auch einen kollektiven, »dass viele Menschen ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie ich, dass ihr Recht auf Meinungsfreiheit genauso verletzt wurde wie meines und auch, dass sie Opfer sexueller Gewalt sind«, erinnerte sie sich am Rande einer Pressekonferenz in Bogotá. Diese Erkenntnis hat der kleinen, zierlichen Frau mit dem lockigen, halblangen Haarschopf Kraft gegeben.

Im September 2009 sprach sie erstmals öffentlich über ihre Vergewaltigung, die erlittene Folter und forderte Gerechtigkeit ein. »Damals habe ich begriffen, dass meine Arbeit als Journalistin anderen Frauen helfen kann, sichtbar zu machen, was in Kolumbien so lange unsichtbar war: der Einsatz sexueller Gewalt als Instrument der Kriegsführung.«

Bedoya hat mit ihrem hartnäckigen Eintreten gegen die omnipräsente Straflosigkeit dazu beigetragen, eine gesellschaftliche Debatte anzustoßen, meint Linda Cabrera, Direktorin der Frauenrechtsorganisation Sisma Mujer. Für sie ist das Urteil des Interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte im Fall Jineth Bedoya gegen den kolumbianischen Staat ein Meilenstein: »Es ist der Appell sowohl an Kolumbiens Justiz als auch die Sonderjustiz für den Frieden, Abertausende Fälle sexueller Gewalt während des bewaffneten Konflikts aufzuklären und zu sanktionieren. Das ist überfällig«, so Cabrera. Eine Position, die sie mit Bedoya teilt, die mit ihrer Initiative »No es hora de callar« an die Frauen in Kolumbien appelliert, nicht zu schweigen, sondern Gerechtigkeit zu fordern. Dafür ist die Reporterin der größten Tageszeitung des Landes, »El Tiempo«, die sie und ihre Initiative unterstützte, ein Vorbild.

Bedoya hat sich immer wieder aufs Podium gesetzt, nicht locker gelassen, auch den Opfern der Gewalt eine Stimme gegeben. »Die Geschichte derjenigen zu erzählen, die keine Stimme haben, das ist meine zentrale Motivation«, sagt die Reporterin. Sie hat immer wieder geschildert, wie Menschen im Einflussgebiet der Guerilla leben, wie sie vor den Kampfverbänden der Paramilitärs oder denen der Armee in die Städte fliehen und wie sie dafür kämpfen, auf ihre Felder zurückkehren zu können. Es sind Geschichten wie die über die beiden Brüder, die sich eines Tages schwer bewaffnet gegenüberstanden - der eine in der Uniform der regulären Armee, der andere in jener der Guerilla -, die berühren. »Geschichten über gewöhnliche Menschen mit all ihren Facetten, die diesen Krieg durchleben und durchleiden. Das ist es, was diesen Konflikt so traurig macht«, sagt Bedoya, die mehrfach für ihre Arbeit ausgezeichnet und noch öfter bedroht wurde.

Hartnäckig, unbequem und gefährdet

Bodyguards und gepanzerte Limousinen gehören seit dem 26. Mai 2000 zum Leben von Jineth Bedoya. Morddrohungen hat sie Dutzende erhalten. »Die letzte vor rund 18 Monaten«, so Jonathan Bock, Direktor der Stiftung für die Pressefreiheit in Bogotá. 18 Monate seien jedoch kein Grund, die Wachsamkeit zu vernachlässigen, rät Bock, denn gerade jetzt, nach dem spektakulären Urteil des Interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte gegen den kolumbianischen Staat, sei die Journalistin gefährdet. »Das Urteil fordert den kolumbianischen Staat unmissverständlich auf, die Auftraggeber der an Jineth Bedoya verübten Gewalttaten zu ermitteln. Das sorgt für Unruhe, denn es ist unstrittig, dass Mitarbeiter staatlicher Sicherheitsdienste involviert sind.«

Bestes Beispiel dafür ist die Reaktion von Brigadegeneral Leonardo Gallego Castrillón auf den von Bedoya geäußerten Verdacht, er sei der Auftraggeber ihrer Entführung. Per Presserklärung und mit Verweis auf seinen Anwalt stritt Castrillón jegliche Beteiligung an den Ereignissen des 26. Mai 2000 ab. Doch wenn Kolumbiens Ermittlungsbehörden die Weisung der höchsten juristischen Instanz der Region ernst nehmen, werden sie dem Vorwurf gegen diesen und andere Polizeigeneräle nachgehen müssen.

Zudem hat Jineth Bedoya längst nachgelegt und mit dem Urteil im Rücken an die Verantwortlichen der »Sonderjustiz für den Frieden« appelliert, einen Megaprozess zur Ahndung sexueller Gewalt im jahrzehntelangen bewaffneten Konflikt zu initiieren. Das fordern Frauenrechtsorganisationen wie Sisma Mujer seit Jahren, aber das Urteil und die Initiative Bedoyas können dafür sorgen, dass die Richter*innen der Sonderjustiz für den Frieden aktiv werden, meint Gustavo Gallón.

Bei der zweiten Initiative Bedoyas, zur Errichtung einer Gedenkstätte, ist er hingegen nicht ganz so optimistisch. Sie hat in der Pressekonferenz nach dem Urteil Kolumbiens Präsident Iván Duque um einen Gesprächstermin gebeten, um über einen geeigneten Ort für das Zentrum der Erinnerung für die Opfer sexueller Gewalt zu sprechen. Klar ist, dass Bedoya einen neuen Anlauf zur Schließung des La Modelo unternehmen wird - mit dem Urteil der Richter im Rücken.

Dafür gibt es gute Argumente, auch wenn die Regierung mehrfach mit Verweis auf die leeren Kassen die Schließung der berüchtigten Haftanstalt kategorisch ausschloss. Doch das war vor dem Urteil. Bedoya sei hartnäckig und habe viele gute Argumente auf ihrer Seite, meint Gustavo Gallón. Er würde es begrüßen, wenn aus dem Symbol der Straflosigkeit ein Symbol für den Wandel in Kolumbien werden würde. Doch bisher hat sich der Präsident noch nicht bei der Journalistin gemeldet. Ob er es tun wird, steht in den Sternen.

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