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Neue Chancen für die Frauen

Im Skispringen machen im Olympiawinter die Aussicht auf deutsche Medaillen und wichtige Schritte zur Gleichberechtigung Hoffnung

  • Von Lars Becker
  • Lesedauer: 5 Min.
Deutschlands beste Skispringerin Katharina Althhaus hat viel Anlass zur Freude.
Deutschlands beste Skispringerin Katharina Althhaus hat viel Anlass zur Freude.

Zumindest beim Auftakt in diesen Olympiawinter spielen die fliegenden Frauen wieder mal nur die zweite Geige. Während die männliche Skisprung-Weltelite an diesem Wochenende in Russland in die neue Weltcupsaison startet, werden die Skispringerinnen erst eine Woche später auf dem »Trampolin Stork« von Nischni Tagil im Ural ihren ersten Wettkampf erleben. Die zeitliche Verzögerung beim Sprung in den Winter ist aber nur eine Momentaufnahme - denn die kommende Saison dürfte die Gleichberechtigung in der Luft ein gutes Stück voranbringen.

Das freut natürlich auch die beste deutsche Athletin Katharina Althaus. »Wir werden bei Olympia durch die Premiere des Mixed-Wettbewerbs erstmals zwei Medaillenchancen haben«, blickt die Mixed-Weltmeisterin von 2021 auf die Winterspiele im kommenden Februar voraus. Neben dem seit 2014 olympischen Einzelspringen von der Normalschanze werden in Peking erstmals auch Medaillen im gemischten Teamwettbewerb mit jeweils zwei Frauen und Männern einer Nation vergeben. Deutschland gehört hier zu den Mitfavoriten: Schließlich haben Althaus, Anna Rupprecht Karl Geiger und Markus Eisenbichler bei den Heimweltmeisterschaften im vergangenen Winter in Oberstdorf in diesem bei den Fliegern und Fliegerinnen überaus beliebten Wettbewerb den Titel geholt.

Das ist aber nicht die einzige positive Veränderung für die Frauen: Die Springerinnen treten in diesem Winter immerhin an 14 Weltcup-Wochenenden an. Das sind doppelt so viele wie im Vorwinter und fast so viele wie bei den Männern - wenn Corona nicht wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Auch die Zahl der Wochenenden, an denen Männer und Frauen am gleichen Ort ihre Besten ermitteln werden, steigt rapide an. In Deutschland beispielsweise werden beide Geschlechter in Klingenthal vom 10. bis 12. Dezember und Willingen vom 28. bis 30. Januar gemeinsam am Start sein. »Auf Willingen sind wir alle besonders gespannt«, verrät Althaus. Schließlich gibt es in der Partyhochburg nicht nur die »größte Großschanze der Welt«, sondern auch riesige Fanmassen.

Getoppt wird das höchstens von der Vierschanzentournee, die in diesem Winter ihre 70. Auflage erlebt. Ein eigener Skisprung-Grand-Slam ist schon seit Jahren der größte, aber immer noch unerfüllte Wunsch der Skispringerinnen. Zum Jahreswechsel gibt es immerhin den ersten Schritt auf dem Weg zum großen Ziel. In Slowenien wird erstmals auf der Schanze von Ljubno ein Neujahrsspringen auch für Frauen ausgetragen. Für den nächsten Winter sei nach Informationen von Maximilian Mechler, der neue Bundestrainer der deutschen Athletinnen, eine »echte« Vierschanzentournee geplant.

Die traditionsreiche Tournee ist in diesem Winter für die Männer der erste Höhepunkt in einem an Großereignissen vollgepackten Winter. Neben Olympia in Peking vom 4. bis 20. Februar stehen außerdem noch die Skiflug-Weltmeisterschaften auf der größten Schanze der Welt in Vikersund auf dem Plan. Karl Geiger wird in Norwegen Titelverteidiger sein, nachdem er im vergangenen Dezember sensationell die wegen Corona verschobenen Titelkämpfe in Planica für sich entschieden hatte. Für den Oberstdorfer stehen dennoch die anderen beiden Megaevents des Winters auf der Wunschliste ganz oben. »Es wäre schon ein Traum, wenn ein Deutscher endlich mal wieder die Vierschanzentournee gewinnt«, sagt Geiger selbst. Schließlich liegt der letzte deutsche Gesamtsieg von Sven Hannawald inzwischen 20 Jahre zurück. Geiger durfte als Gesamtzweiter vor einem knappen Jahr immerhin schon mal am großen Tourneetriumph schnuppern. In seiner spektakulären Erfolgssammlung fehlt dem Konzentrationswunder außerdem noch eine Goldmedaille bei Olympia.

Große Ziele, die den jungen Familienvater zu noch härterer Arbeit angetrieben haben. Dass er in Topform ist, hat er bereits bei den deutschen Meisterschaften bewiesen. Ende Oktober siegte er wie seine Oberstdorfer Vereinskollegin Althaus in Oberhof. »Von Karl dürfen wir einiges erwarten, auch weil er sich sein Familienleben gut zurechtgelegt hat. Sein derzeitiger Stand ist besser als im letzten Jahr und er ist weiter gereift«, berichtet Stefan Horngacher. Der Bundestrainer erwartet aber nicht nur von ihm Topleistungen, denn das gesamte deutsche Team könne in die absolute Weltelite fliegen.

Neben dem zweiten deutschen Mitfavoriten Markus Eisenbichler, Teamweltmeister Pius Paschke, Olympiasieger Andreas Wellinger und Toptalent Constantin Schmid hat sich auch Stephan Leyhe nach einem Kreuzbandriss zurück in die Mannschaft gekämpft. Er entschied das wochenlange, interne Duell gegen Routinier Severin Freund für sich, der in seinem vielleicht letzten Karrierewinter vorerst im zweitklassigen Continentalcup seine Chance suchen muss. Gar keine Chance mehr hat ein anderer einstiger Vorflieger wie Richard Freitag - er denkt deshalb über sein Karriereende nach.

Der Name Freitag dürfte allerdings in Skisprungübertragungen weiterhin eine Rolle spielen. Richards kleine Schwester Selina hat den Sprung in die deutsche Spitze geschafft und kann sich unter dem neuen Bundestrainer Hoffnungen auf eine Olympiateilnahme machen. Die Zahl der Medaillenmöglichkeiten für die 20-Jährige und ihre Kolleginnen bei Winterspielen könnte künftig noch weiter wachsen. Bei Olympia 2026 in Mailand hoffen die Frauen auf die Premiere des Großschanzenspringens. Und auch ein eigener Teamwettbewerb steht noch nicht im olympischen Programm. Somit führen die Männer nach der Zahl der Medaillenchancen bei Olympia immer noch mit 4:2.

Ein weiteres wichtiges Anliegen der Frauen sind mehr Großschanzenspringen - und endlich das erste Skifliegen. Auch in Sachen Preisgeld spielen sie noch in einer kleineren Liga. 71 800 Schweizer Franken - davon mindestens 10 000 für den Sieger - werden bei jedem Einzelweltcup der Männer mindestens ausgeschüttet. Bei den Frauen sind es »nur« 25 194 Schweizer Franken, davon 3800 für die Siegerin. »Das hat damit zu tun, dass die Ausrichter mit einem Weltcup der Männer Geld verdienen können, während die Frauen meist noch ein Zuschussgeschäft sind«, hatte noch der ehemalige Bundestrainer Andreas Bauer verraten. Vor den Fliegerinnen liegt also noch ein weiter Weg bis zur Gleichberechtigung.

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