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Sittes Welt

Der Umgang mit dem Maler zeigt, wie sehr heute Visionen in Kunst und Gesellschaft fehlen

  • Von Peter Arlt
  • Lesedauer: 7 Min.
Teilnehmer einer Vorbesichtigung betrachten die Arbeit «Meine Eltern IV», 1974, von Willi Sitte im Kunstmuseum Moritzburg.
Teilnehmer einer Vorbesichtigung betrachten die Arbeit «Meine Eltern IV», 1974, von Willi Sitte im Kunstmuseum Moritzburg.

Zuweilen möchte man ein Lob der Unterdrückung singen, denn die Verhinderung, das Gesamtwerk von Willi Sitte zu zeigen, bewirkt das Gegenteil. Als zum 80. Geburtstag des Künstlers 2001 in Nürnberg die große Sitte-Ausstellung politisch scheiterte, wurde fünf Jahre später in Merseburg die Galerie einer »Willi-Sitte-Stiftung für realistische Kunst« eröffnet. Da sie aus finanziellen Gründen nicht aufrecht zu erhalten war, gelang zum 100. Geburtstag Willi Sittes dem prädestinierten Museum in seiner Wohnstadt Halle (Saale), sein titanisches Lebenswerk zu zeigen. Es sprengt den Museumsplan des Kunstmuseums Moritzburg, weil der Museumsdirektor Thomas Bauer-Friedrich, zusammen mit Paul Kaiser, mit kühnem Zug über zwei Ebenen mit neuer Wandgliederung diesem den adäquaten Platz eingeräumt hat, einen großen Katalog und Biografie erarbeitete und eine dreitägige Konferenz dazu in der Leopoldina durchführte.

Ausstellung

Mit dem glücklichen Titel »Sittes Welt« wird alles erfasst. Die Retrospektive wird eröffnet mit einer Reihe von Selbstporträts und Bildern der Familie und zeigt in chronologischer Folge und thematischer Anordnung den nazarenischen Maler aus dem nordböhmischen Kratzau, seine Ausbildung an der Meisterschule für monumentale Malerei in Kronenburg und Bilder des jungen Künstlers in Italien. 1947 in Halle, »vitalste Stadt in der ostzonalen Malerei« (Fritz Löffler), durch die Burg Giebichenstein berühmt, an der Willi Sitte ab 1951 bis 1986 gelehrt hat, gehörte er zum Bachmann-Freundeskreis, der mit Lust an artifiziellen Erprobungen und mythopoetischer Erhöhung sich doppelt distanzierte von der westlichen abstrakten Kunst und dem stalinistisch überformten und verordneten »sozialistischen Realismus«. In ihm sah Sitte eine Kröte, doch er wollte Realismus als Größe. Zu ihm führte kein Glauben an die unbefleckte Empfängnis aus der Wirklichkeit, also unbefleckt von der persönlichen Eigenart des Künstlers, von den Kunstströmungen des 20. Jahrhunderts und den über Jahrhunderte hinweg vererbten Themen.

Sitte wurde als Formalist wegen des durch Picasso und Léger beeinflussten Stils angefeindet, selbst auch als sich Sitte an »Realismo« (Mucchi, Guttuso) orientierte und eindrucksvolle Serien von Bildern schuf. »Lidice« von 1957 hat früh die Verantwortung für deutsche Kriegsverbrechen am Beispiel des von den Nazis 1942 ausgelöschten tschechischen Dorfes ins Bewusstsein gerufen und damit einen Beitrag zur Ehrenrettung des deutschen Volkes geleistet. In der Mitte der 1960er Jahre prägte sich Sittes dialektischer Realismus aus, von den Kuratoren als bedeutendste Phase gewürdigt, in ihr das vehement gemalte jüdische »Warschauer Paar«, 1967, mit einer schöpferischen Anverwandlung des toten Christus von Mantegna. Den Künstler erlebt man als Partner der Arbeiter in seinen Schichten im Salzbergwerk und Leichtmetallwerk, ebenso in Sport- und Saunabildern. Beendet wird Sittes Arbeiterbild nach 1990 mit der gewaltigen Fallhöhe mit den »Erdgeistern«, 1990, die kopfüber im Boden stecken. Die Gestaltung gesellschaftlicher Sachverhalte und Prozesse in ihrer Unanschaulichkeit, Kompliziertheit und Komplexität erforderte, verallgemeinernde Methoden und vorhergehende Kunstperioden zu nutzen und weiterzuentwickeln. Der Maler arbeitet mit starken Verkürzungen und simultanen Effekten in raumgreifender, dynamischer Bewegung, in der Durchdringung von Vergangenheit und Gegenwart, von Realität und Idee und sprengte, wie er sagte, den »zu eng gewordenen konventionellen Sehschlitz« des Realismus. Das Zeitgeschehen, das die Menschheit bewegte und ihre Solidarität herausforderte, war der Vietnam-Krieg. Der »Höllensturz in Vietnam«, 1966/67, beschließt in höchster Bildform als berührende Ehrung des Freiheitskampfes gegen die US-amerikanische Aggression die großartige Bilderschau.

Katalog und Biografie

»Jetzt ist es möglich, die Dinge objektiver zu betrachten«, stellen die Kuratoren der Ausstellung »Sittes Welt« fest und legen nach einer hoch betriebenen Forschung einen Katalog der Retrospektive und eine biografische Recherche vor. Überlegungen zu Sitte auf dem Weg zu Sitte, zu Bildern, zu Menschlichem, zur Liebeskunst und zum Herrn Mittelmaß finden sich mit dem Fazit: An Sitte scheiden sich die Geister. Zur Sitte-Kritik nutzt Paul Kaiser eine Bedeutungsverschiebung, weil er im Karl Marx auf dem Parteihochschulbild nicht den Prometheus aus Trier sieht, der sein Feuer als Blitzbündel wehrhaft trägt, sondern den Allherrscher Zeus.

In der Biografie wird das »System Sitte« genau analysiert, das er mit operativen Maßnahmen gegen Dissidenten errichtete, doch vor allem, dass er mit ihm in der Aushandlungsgesellschaft einiges der DDR abrang, praktische Dinge zum Arbeiten und zum Leben, wie Ateliers, Materialien und Honorare, neue Ausstellungs- und Reisemöglichkeiten. Aus dem Zwiespalt der Zeit sah Sitte einen Fall des Klassenkampfes darin, dass der Künstler A. R. Penck ihm die Reproduktion seines Bildes »Die rote Fahne« mit einer verbessernden Übermalung von ihm schickt. Da Penck selbst »Rembrandt verbessern« wollte, hätte Sitte das mit Lachen zur Kenntnis nehmen können, ohne daraus einen Staatsakt zu machen.

Als Kernpunkt der Kuratoren sollte der »Gründungsmythos« in Frage gestellt werden, indem vom »behaupteten Partisanenleben« im Zweiten Weltkrieg gesprochen wird. Nunmehr kann die Funke-Presse behaupten: »Sitte hat also nicht auf Seiten der Partisanen gekämpft. Warum diese Lüge? Weil man (…) für die Anerkennung als Widerstandskämpfer wenigstens sechs Monate vor Kriegsende übergelaufen sein musste.« Als hätte Willi Sitte sein Agieren mit solch einer Bürokratenseele vorgenommen. Der tägliche Schrecken des Krieges und sein eigener Wille, sich am Krieg nicht zu beteiligen, führte zur Absicht, überlaufen zu wollen. Als er nach Italien versetzt wurde, lernte er Italienisch und befreundete sich mit den Bewohnern von Montecchio Maggiore, die in ihm den Antifaschisten erkannten und als Partisanen seine Mitarbeit forderten. Sitte gab ihnen Geheimbefehle weiter; es gelang ihm, dass Geiseln nicht erschossenen wurden; auch vermittelte er ihre Versorgung mit Waffen. Dies war sein Kampf für die Partisanen, bevor er direkt zu ihnen überlief. Sitte sprengte nichts in die Luft und schoss auf niemandem; er schrieb für die nationale Befreiung Italiens Aufrufe und kochte für die Partisanen. Selbst dafür wäre er von den Deutschen exekutiert worden. In der DDR war man froh, auf solchen Widerstandskämpfer verweisen zu können.

Die Konferenz

Inzwischen hat die sachlich-objektive Auseinandersetzung mit Sitte tiefgehende Einsicht gewonnen, voll des Lobes für den Zeichner. Aber leidet noch an der schablonenhaften Wahrnehmung - auf der einen Seite der bildende Künstler, auf der anderen der SED-Kulturfunktionär. Das Kausalitätsmuster wird polarisiert, ohne das dialektische Wechselspiel zu beachten. Weil man seine politischen Ansichten nicht teilt, lehnte man seine Kunst ab, musste Michael Rohlmann festhalten. Gegen die Meinung von Sigrid Hofer, Sitte sei in seinen Bildern »gewaltsam, abstoßend, übergriffig und zudringlich«, verteidigte Luc Jochimsen das Sinnliche und Zärtliche seiner Liebespaare. Für das Podium wurde Christoph Tannert wegen seiner zu erwartenden Tiraden gegen Sitte eingekauft. Er spottet gern über Sittes Figuren und deren »quellende Fleischbatzen«, als würden diese am Haken der sozialistischen Gesellschaftsidee hängen. Er geißelte den 536-seitige Katalog als »Sargdeckel«. Gegen solche Bewertung des Kuratorenprojektes erhoben sowohl Bauer-Friedrich als auch Kaiser Widerspruch, weil sie darin keinen »Grabstein« oder »Schlussstein« sehen, eher einen »Grundstein«. Der es auch wäre, hätte man die vorherige Forschung mit objektiven Kriterien, so Wolfgang Hütts Bücher, Hermann Raums Werkverzeichnisse und Texte, Überlegungen in der Zeitschrift »Bildende Kunst« noch schlüssiger integriert und andere Meinungen bei den Referaten nicht ausgeschlossen.

Die Angriffe gegen Sittes Kunst waren manchmal hasserfüllt, manchmal, weil Sitte das Triptychon als monumentale Form wählte. Kritisch haben junge Kunsthistoriker bemerkt, dass bei westlichen Künstlern die Verstrickung mit der Macht kaum, aber bei Sitte mit der Goldwaage gemessen wird. Und die Referierenden haben sich nach dem Eindruck des Gesamtwerkes Willi Sitte zur Einsicht hinübergearbeitet, sich das Werk vorzunehmen. Dann sehen sie: Der Künstler ist dem Realismus und der menschlichen Figur treu geblieben, ebenso der bekundeten Überzeugung »von der Notwendigkeit, an einer Alternative zum kapitalistischen Gesellschaftsmodell mitzuwirken«. Sie sollten sehen, wie sehr die Bilder Sittes mit der in der DDR angestrebten, aber nicht erreichten Gesellschaftsutopie zusammenhängen, wie sehr solche Visionen heute in Kunst und Gesellschaft fehlen, womit Sitte auf das Unabgegoltene hinweist und für die Zukunft einen Maßstab setzt.

Die Ausstellung in Halle/Saale ist noch bis 9.01.2022 zu besichtigen.

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