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13 Gewalttaten pro Stunde

Immer mehr Menschen zeigen Partnerschaftsgewalt an. Die Pandemie trägt zur weiteren Eskalation bei

  • Von Ulrike Wagener
  • Lesedauer: 4 Min.
Gewalt gegen Partner*innen und Ex-Partner*innen findet meist im Verborgenen statt.
Gewalt gegen Partner*innen und Ex-Partner*innen findet meist im Verborgenen statt.

Eine Stunde dauert die Pressekonferenz am Dienstagvormittag in Berlin. Allein in dieser Zeit erführen bundesweit etwa 13 Frauen Gewalt in Partnerschaften, erklärte Christine Lambrecht (SPD) zu Beginn der Veranstaltung »Kriminalistische Auswertung zur Partnerschaftsgewalt 2020«. Es sei deshalb wichtig, deutlich zu machen: »Gewalt in der Familie, vom Partner oder Ex-Partner muss sich niemand bieten lassen«, so die geschäftsführende Bundesfamilienministerin.

Doch Realität ist das noch lange nicht. Laut der neuen Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts (BKA) ist die Zahl der Gewalttaten durch aktuelle oder ehemalige Partner*innen 2020 erneut angestiegen. Demnach seien im vergangenen Jahr 139 Frauen und 30 Männer von ihren damaligen oder ehemaligen Partner*innen getötet worden. Insgesamt wurden 146 655 Fälle von Partnerschaftsgewalt angezeigt, 4,9 Prozent mehr als 2019. Die Zahlen werden seit 2015 erhoben und steigen seitdem kontinuierlich an, insgesamt um etwa 11 Prozent pro Jahr.

Die gewaltausübenden Personen sind laut Statistik in den meisten Fällen - gut 79 Prozent - Männer. Und 80,5 Prozent der gewalterfahrenden Personen waren Frauen. Doch stiegen auch der Anteil weiblicher Tatverdächtiger sowie männlicher Gewaltopfer. Über andere Geschlechtskategorien wie beispielsweise »nichtbinär« lässt sich nichts sagen, da diese von der Statistik bislang nicht erfasst erfasst werden.

Die Altersgruppen, die Partnerschaftsgewalt am meisten anzeigen, sind jene zwischen 30 und 50 Jahren. Dunkelfeldforschung zeige jedoch auch sehr hohe Zahlen bei jüngeren Menschen, so BKA-Präsident Holger Münch. Auffällig in der Polizeistatistik ist, dass die Anzahl der Opfer mit dem Merkmal »Gebrechlichkeit/Alter/Krankheit/ Verletzung« im Vergleich zum Vorjahr um 25 Prozent gestiegen ist. In fast 70 Prozent der Fälle fand die Gewalt in dieser Gruppe innerhalb der Ehe statt - in der gesamten Erhebung waren das rund 32 Prozent.

Partnerschaftsgewalt sei kein eigener Straftatbestand, erklärte Münch. Bei den Gewaltformen handelte es sich laut BKA-Auswertung am häufigsten um vorsätzliche einfache Körperverletzung (61,6 Prozent). Weitere Delikte waren Bedrohung, Stalking, Nötigung, gefährliche Körperverletzung, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und sexuelle Übergriffe sowie Mord und Totschlag. Werden Frauen Opfer dieser Form von Gewaltdelikten, gehen diese in 35 Prozent der Fälle vom (Ex-)Partner aus.

Das Hellfeld der Kriminalstatistik gebe keine eindeutigen Auskünfte über den Einfluss staatlicher Einschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie, so Münch. So sei im April und Mai 2020 ein Anstieg zu verzeichnen gewesen, im November und Dezember hingegen ein Rückgang. Allerdings begünstigten Faktoren wie Einsamkeit und Stress Gewalt. Es könne also nicht ausgeschlossen werden, dass Partnerschaftsgewalt in der Pandemie zunehme. Zu den Faktoren, die Gewalt in Paarbeziehungen generell begünstigen, zählen laut Münch »ausgeprägte patriarchalische Rollenbilder« sowie Gewalterfahrungen in der Kindheit.

Die Leiterin des Hilfetelefons »Gewalt gegen Frauen«, Petra Söchting, verzeichnete indessen einen ganz deutlichen Anstieg der Beratungszahlen im Lockdown. Insgesamt habe ihr Team in 51 400 Fällen beraten. Das sei ein Anstieg von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der Beratungen zu Gewalt in Partnerschaften sei sogar um 20 Prozent gestiegen. Daraus lasse sich jedoch nicht eins zu eins schließen, dass es im Lockdown auch zu einem Anstieg der Gewalt gekommen sei. Es könnte auch sein, dass sich mehr Menschen an das Hilfetelefon gewandt hätten, weil zu Beginn der Corona-Pandemie verstärkt dafür geworben wurde. Sie betonte zudem, dass es sich hier um andere Gruppen handele als in der Polizeistatistik: »Am Hilfetelefon erreichen uns Menschen, lange bevor es zur Anzeige kommt«, so Söchting.

Qualitativ könne man in den Gesprächen einen großen Einfluss der Pandemie feststellen. »In den Beratungen wird deutlich, wie belastet und verzweifelt viele Frauen sind, deren Situation durch Corona zunehmend eskaliert«, sagt Söchting. Das soziale Netzwerk funktioniere nicht mehr wie gewohnt, Frühwarnsysteme brächen weg. Ihr Fazit: »Corona ist nicht die Ursache, aber die Pandemie erhöht das Risiko dafür, dass Gewalt passiert.« Dass sich die Lage zugespitzt habe, sei auch daran zu sehen gewesen, dass die Hilfetelefone vermehrt Anrufe aus konkreten Notsituationen heraus bekommen hätten: Situationen mit sehr massiver Gewalt, wo die Beraterinnen die Polizei oder den Rettungsdienst anrufen mussten.

Die Pandemie habe Wege aus der Gewaltspirale erschwert: »Unbürokratische Aufnahmen von Frauen, die Schutz und Zuflucht suchen, sind schwieriger geworden«, so die Leiterin des Hilfetelefons. Es gebe Bedarf, diesen Bereich weiter auszubauen. Bisher sei der Bund mit 30 Millionen Euro am Ausbau von Frauenhäusern und Beratungsstellen beteiligt, sagte Ministerin Lambrecht. Sie ist überzeugt: »Es muss für jeden, der von häuslicher Gewalt bedroht ist, einen Ausweg geben.«

Kein privates Problem. Ein Kommentar über den vorhersehbaren Anstieg
von Partnerschaftsgewalt

Die meisten Betroffenen holen sich aber keine Hilfe oder erstatten Anzeige. Laut Münch liegt die Dunkelziffer in diesem Bereich bei etwa 90 Prozent. Die Hemmschwelle, einen Menschen anzuzeigen, mit dem man zusammenlebt oder mit dem man eine enge Beziehung hat oder hatte, sei sehr hoch. Derzeit ist daher eine Dunkelfeldstudie in Planung. Ministerin Lambrecht rief Betroffene auf, Hilfsangebote wahrzunehmen: »Äußert euch, raus aus dem Tabu, ihr seid nicht allein!«

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