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Alles eine Frage der Distanz

Die Miniserie »Der Therapeut von nebenan« erzählt von den Manipulationsversuchen des New Yorker Psychiaters Isaac Herschkopf

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 4 Min.
»Der Therapeut von nebenan«: Ist das der Blick des helfenden Psychiaters?
»Der Therapeut von nebenan«: Ist das der Blick des helfenden Psychiaters?

Psychiater und Psychotherapeuten müssen zu ihren Patienten stets eine professionelle Distanz wahren. Was gemeinhin als grundlegend für das Funktionieren eines derartigen Verhältnisses gilt, fehlte jedoch völlig in der jahrzehntelangen Beziehung zwischen dem New Yorker Promi-Psychiater Isaac Herschkopf und seinem Patienten, dem Unternehmer Marty Markowitz. Ganze 27 Jahre lang betreute Dr. Ike, wie der Mann genannt wurde, der sich so gerne mit Promis ablichten ließ und unter anderem auch die Schauspielerin Gwyneth Paltrow und die Sängerin Courtney Love als Patientinnen therapierte, den wenige Jahre älteren Marty und war nicht nur sein Psychiater, sondern auch sein Geschäftspartner und (angeblich) bester und engster Freund.

Die skurrile Geschichte dieser eigenwilligen, grenzüberschreitenden Therapeuten-Patienten-Beziehung und ihr Ende, das mit der Aberkennung der beruflichen Zulassung als Psychiater für Dr. Ike einherging, wurde 2019 in dem in den USA erfolgreichen Podcast »The shrink next door« (»Der Therapeut von nebenan«) publikumswirksam erzählt und jetzt von Apple TV als hochkarätig besetzte Serie unter dem gleichen Titel inszeniert. Will Ferrell spielt sehr überzeugend und beeindruckend den an Panikattacken leidenden Marty Markowitz, der das familieneigene Textilunternehmen geerbt hat und doch kaum seinen Alltag zu bewältigen weiß. Bis ihm Dr. Ike (Paul Rudd) in einigen Sitzungen Selbstvertrauen vermittelt und gleichzeitig damit beginnt, ihn massiv zu manipulieren.

Isaac Herschkopf brachte mehrere seiner Patienten dazu, den Kontakt zu Familienangehörigen und Freunden, die seiner Person gegenüber kritisch eingestellt waren und seinem Einfluss im Weg standen, abzubrechen. Diese Personen definierte er schlicht als toxisch. Marty Markowitz beendete daraufhin die enge Beziehung zu seiner alleinerziehenden Schwester Phyllis (Kathryn Hahn) und deren Kinder für mehr als zweieinhalb Jahrzehnte. Gleichzeitig schaffte es Dr. Ike, in das Sommerhaus der Markowitz’ in den Hamptons zu ziehen, wo die New Yorker Upper Class ihren Urlaub verbringt. Das Haus wurde zur Party-Location ausgebaut, um fleißig Networking zu betreiben, während Marty ins Gästehaus des kleinen Anwesens zog und von vielen Besuchern als Hausangestellter wahrgenommen wurde.

So auch von dem »New York Times«-Kolumnisten Joe Nocera, der auf einer Party zu Gast war und aus der Geschichte schließlich besagten Podcast machte. Die mit viel Gefühl inszenierte Serie, die den Zuschauer in das jüdische New York der vergangenen Jahrzehnte mitnimmt, erzählt diese Geschichte mit viel Ironie wie stellenweise auch mit reichlich Bitterkeit und lebt vor allem von den großartigen schauspielerischen Leistungen.

Dr. Ike mischte sich aber nicht nur in die privaten Beziehungen seines Patienten ein. Er verhinderte ebenso eine Romanze, wie er Marty zu teuren Galas schleppte. Schließlich wurde er dessen Geschäftspartner. Ganz im Stil der 1980er Jahre drängte er dem eher gemütlich geführten Familienbetrieb, sehr zum Missfallen der Angestellten, eine autoritäre, neoliberale Agenda im Stil eines modernen Managements auf. Über die Gründung einer Stiftung bediente sich der Psychiater überdies am Vermögen Martys, der im Lauf von über 20 Jahren mehr als drei Millionen Dollar an den Arzt bezahlte, der von der Familie eines anderen Patienten sogar 20 Millionen Dollar erbte.

Dabei geht es in dieser Geschichte nicht in erster Linie um den ökonomischen Schaden innerhalb der New Yorker High Society. Die Serie erzählt vielmehr auf sehr einfühlsame Weise davon, wie Menschen manipuliert werden können und wie schwer es sein kann, sich aus einer derartigen Umarmung zu lösen, mit der Dr. Ike ganz zu Beginn der Serie seinen verunsicherten und hilfsbedürftigen Patienten mitten auf einer New Yorker Straße fast schon einfängt. Damit wird »Der Therapeut von nebenan« ein Stück weit auch zu einer politisch aktuellen Allegorie über alternative Fakten und die Manipulierbarkeit von Menschen. Am Ende steht aber dann die Emanzipation Martys aus der Unmündigkeit in dieser Therapie, die nie wirklich eine war, sondern in erster Linie dem Geltungsbedürfnis des bis zuletzt uneinsichtigen Dr. Ike diente.

»Der Therapeut von nebenan« auf Apple TV

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