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Gehüllt in Plastik

Nie wieder Funktionsjacken? Über die Abwege deutscher Modekritik

  • Von Marlon Grohn
  • Lesedauer: 3 Min.

In der Funktionsjackenkritik, ein seit ungefähr 20 Jahren nicht nur in der kalten Jahreszeit beliebtes Sujet unter Facebook-Satirikern, Schmunzel-Linken und Modebloggern, kommen die schlimmsten deutschen Höllengestalten bei ihrer Lieblingsbeschäftigung zusammen: der Kritik am Sinnvollen. Die besonders deutsche denkerische Unbedarftheit, welche vorgibt, Gedanken anderer zu kritisieren, weil sie selbst nicht imstande ist, einen hervorzubringen, der mehr als die Verneinung eines anderen wäre - genannt Ideologiekritik -, dünkelt sich die Funktionsjacke sogar als Ausdruck faschistoider Gesinnung zurecht. Wer sich in hässliche, aber nützliche Plastikjacken hüllt, müsse auch ein hässlicher, also schlechter Mensch sein.

Doch bemerkt diese Kritik nicht, dass ausnahmslos alle Jacken eine Funktion, wenn nicht gar mehrere haben - auch die vegane Lederjacke, der luxuriöse Pelzmantel oder der modische Poncho. Sie zeigen etwa, dass jemand verstanden hat, als ein Mensch von seinem Stand, seiner Szene, seinen Ambitionen oder Wertevorstellungen erkannt werden zu können. Mitteilung ist hier der Sinn. Die Funktion aller Kleidung heute ist letztlich die Vorbereitung und Optimierung des Networking.

Im jovial-liberalen wie ideologiekritischen Gehabe gegen die Funktionsjacke - also einer, die beispielsweise effektiv vor Kälte oder Nässe schützt - drückt sich hingegen nur eine allgemeine Funktionsfeindlichkeit aus: Man hat vergessen, dass Dinge einmal hergestellt wurden, um als Gebrauchsgegenstände oder Werkzeuge dem Menschen zu dienen. Wenn aber beispielsweise neue Fahrradschlösser, Handys oder Laptops von heute größer, schwerer, teurer, schlechter handhabbar sind als sieben Jahre alte, dann ist doch irgendetwas faul. Das Lob auf die Nichtfunktionalität wird so zur intellektuellen Rationalisierung der kapitalistischen Ausrichtung auf den Tauschwert.

Wer einmal in den Alpen tauchen, im Mittelmeer wandern oder in der Sahara mit Gleitschirm joggen war, weiß dieses ganze professionelle Zeug sehr zu schätzen. In Italien etwa springt man von den Klippen ins Meer und fährt sie mit dem Rennrad wieder hoch, wird derweil von Quallen gestochen und Haien gebissen: Funktionskleidung hat da ihren Zweck. Nicht jedoch bei jenen Karikaturen wirklicher Menschen, den Deutschen: Die bauen in ihrer romantischen Innerlichkeit drei Meter hohe Zäune um ihre Grundstücke und benötigen selbst im Garten noch ein Gartenhaus, um sich beim Freigang zu Hause zu fühlen. Ob Homeoffice, Home Cinema, Heimwerkelei oder Fertigfraß frei Haus: was in zivilisierten Kulturen Unsitte ist, kommt der grün-braunen Wurzelseppigkeit des teutonischen Schollenvolks gerade recht. Deshalb hat Italien Denker und Literaten wie Pasolini, Gramsci, Calvino und Eco, während die Deutschen Grass, Walser, Habermas und Jutta Ditfurth haben.

Das Problem also sind nicht die Funktionsjacken, sondern Deutsche, die mit Funktionsjacken wie überhaupt mit Funktion nichts anzufangen wissen: Das Leben, das funktioniert, ist den hiesigen Liberalen wie Chaoten ein Graus. Funktional, das heißt praktisch, also ernst, und wenn es ernst wird, verschwindet der hiesige Kleinbürger schnell hinter der Hecke. Statt Arbeit hat er Projekte, statt Weltveränderung Sprachinterpretation, statt Revolution Kritische Theorie. Die Funktionsjackenkritik ist eine dieser typisch deutschen unfertigen Sachen. Sie bleibt auf halbem Weg stehen, denn sie müsste eine allgemeine Jackenkritik sein. Wo es so kalt ist, dass der Mensch überhaupt noch Jacken tragen muss, ist er ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen. Die gesellschaftliche Emanzipation des Menschen ist die Emanzipation des Menschen von der Jacke und so weiter und so fort …

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