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Kapitulation vor der Blechlawine

Wegen Autostau stellt die BVG in der Karlshorster Ehrlichstraße regelmäßig den Trambetrieb ein

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Tram 21, hier an der Hauptstraße in Rummelsburg, ist in puncto Zuverlässigkeit eine der Problemlinien der BVG.
Die Tram 21, hier an der Hauptstraße in Rummelsburg, ist in puncto Zuverlässigkeit eine der Problemlinien der BVG.

Die Meldung kommt derzeit fast so sicher wie das Amen in der Kirche. »Hohes Verkehrsaufkommen: Die Linie 21_BVG ist derzeit zwischen den Haltestellen Blockdammweg und S Schöneweide/Sterndamm unterbrochen«, lautet die schnöde Nachricht. Seit Ende Oktober haben die Berliner Verkehrsbetriebe inzwischen 16-mal im nachmittäglichen Berufsverkehr an Werktagen die Straßenbahnlinie 21 aus Friedrichshain kommend am Blockdammweg in Karlshorst enden lassen. In der vergangenen Woche kam es nur am Mittwoch nicht zur Einstellung.

»Wer am Blockdammweg strandet, hat rund 1,3 Kilometer Fußweg zur nächsten bedienten Haltestelle auf der Treskowallee zurückzulegen. Alternativ liegt die Haltestelle Ilsestraße der Buslinie 396 gut 600 Meter Fußweg entfernt auf der anderen Seite der Blockdammbrücke«, kritisiert der Berliner Fahrgastverband IGEB. Die Hauptverantwortung trage die Politik, »die versucht, die Verkehrsprobleme in der Ehrlichstraße auszusitzen, obwohl Senat und Bezirk per Mobilitätsgesetz zum Handeln verpflichtet sind«, heißt es weiter von der Fahrgastlobby.

Die BVG benennt zwei Ursachen für den Autostau: Eine Einengung der parallelführenden Rummelsburger Landstraße auf eine Spur je Richtung wegen Bauarbeiten, die bis Ende Januar 2022 dauern sollen sowie die in einem Festzeitprogramm laufenden Ampeln am S-Bahnhof Karlshorst und der dort einmündenden Ehrlichstraße. Die BVG drängt auf eine sogenannte Verkehrsabhängigkeit der Ampeln, »damit diese künftig Staus feststellen und entsprechend schalten«.

Der Verkehrsverwaltung sei es wichtig, »die unbefriedigende Situation auf diesem Streckenabschnitt wirksam zu verbessern«, erklärt deren Sprecher Jan Thomsen auf nd-Anfrage. Die BVG habe die Planung für eine neue Ampelschaltung bereits in Auftrag gegeben. »Eine Anordnung und Inbetriebnahme dieser Steuerungen soll 2022 erfolgen«, so Thomsen weiter. Geprüft würden zudem »zusätzliche temporäre Maßnahmen für eine zeitnahe Verbesserung der Situation«.

Die IGEB fordert ein Linksabbiegeverbot aus der Ehrlichstraße in die Treskowallee, das auch physische Barrieren wie Baustellenbaken im Kreuzungsbereich zwischen Gleisen und nordwärts führender Fahrbahn beinhalten muss.

Eine weitere Problemstelle der Linie 21 ist der Bereich Marktstraße in der Lichtenberger Viktoriastadt. Die Stelle sei mit Verzögerungen von drei bis acht Minuten für die Straßenbahn gar nicht so schlimm, findet die BVG. Hier treffe der andauernde Autostau vor allem die Buslinie 240. »Hingenommen wird gar nichts - die Frage ist nur, ob man an schwierigen Stellen mit komplexen verkehrlichen Anforderungen stets zu befriedigenden Zwischenlösungen kommen kann«, sagt Jan Thomsen von der Verkehrsverwaltung dazu auf nd-Anfrage. »Eine geringere Kfz-Frequenz könnte freilich Abhilfe schaffen - ob und wie hier Dosierungen zu erreichen sind, bleibt Thema«, heißt es recht wolkig.

Trotz der hohen Unzuverlässigkeit der Linie 21 wächst der Fahrgastzuspruch stetig, doch noch auf absehbare Zeit wird es beim durchgängigen 20-Minuten-Takt bleiben. Eine Taktverdichtung sei erst möglich, wenn die geplante Zwischenendstelle am Blockdammweg zur Verfügung stehe, heißt es von der BVG. Die bestehende Wendeschleife ist regulär nur aus stadtauswärtiger Richtung nutzbar. Derzeit wächst dort mit der Parkstadt Karlshorst ein neues Wohngebiet mit rund 1000 Wohnungen, die Hälfte davon als Eigentum. Es gibt noch einen weiteren Grund, warum der 10-Minuten-Takt wahrscheinlich nicht vor 2023 kommt: Die Schienen in der Boxhagener Straße sind extrem abgefahren, weil längst die Ersatzstrecke über das Ostkreuz in Betrieb hätte sein sollen. Mehr Straßenbahnen dort hätten noch mehr Verschleiß zur Folge.

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